Volles Haus bei Vortrag des Arbeitskreises Historisches Geretsried über die Werksbahn

Riesiges Interesse an Geschichte der Rüstungswerke

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Vollbesetzt war die Mensa des Schulzentrums beim Vortrag über die Werksbahn.

Geretsried - Auf riesiges Interesse stieß der Vortrag von Friedrich Schumacher am Montagabend. Er referierte über die Werksbahn, die die Rüstungsfabriken während des Zweiten Weltkriegs mit Rohstoffen versorgte und die fertige Munition abtransportierte.

Ein Jahr lang hat sich der ehemalige Lehrer mit der Werksbahn befasst. Ihr wird ein ganzes Kapitel im Buch des Arbeitskreises Historisches Geretsried (AHG) über die Geschichte der Rüstungswerke im Wolfratshauser Forst gewidmet. Das Buch soll in zwei bis drei Jahren erscheinen. Bis dahin stellen die Hobbyhistoriker einzelne, bereits fertiggestellte Teile davon vor. Wie schon beim ersten Vortrag war die Mensa des Schulzentrums auch beim zweiten am Montagabend vollbesetzt.

Im heutigen Geretsrieder Stadtteil Gartenberg begann die Dynamit AG (DAG) 1938 mit dem Bau einer Fabrik, die chemische Stoffe sowie Sprengkapseln, Zündsätze und Granaten herstellte. Die Deutsche Sprengchemie (DSC) errichtete im Geretsrieder Süden ebenfalls ein Werk. Dort wurden Pionier- und Sprengladungen gemischt und gepresst. Eine eigene Werksbahn, von der heute noch Reste sowie das Industriegleis zwischen Wolfratshausen und Geretsried vorhanden sind, verband die beiden Fabriken. Das weit verzweigte Netz war insgesamt 35 Kilometer lang.

Friedrich Schumacher

Friedrich Schumacher hat den Verlauf der Bahn anhand alter Karten und Quellen rekonstruiert. Sie stammen aus den Stadtarchiven von Wolfratshausen, Geretsried und München sowie aus dem Bundesarchiv in Berlin, wo er unter anderem auf die Betriebsvorschriften für die Werksbahn aus dem Jahr 1943 stieß. Diesen Schatz überließ der AHG-Vorsitzende Dr. Wolfgang Pintgen am Montagabend Bürgermeister Michael Müller – „zum späteren Vergleich mit den S 7-Betriebsvorschriften“, wie er scherzhaft meinte.

Die Werksbahn nahm ihren Anfang am Bahnhof Frühlingsgarten in Wolfratshausen. Von dort aus führte sie über das Lager Föhrenwald, wo die Bewohner mit Lebensmitteln und Brennholz versorgt wurden, weiter über Gartenberg zum Bahnhof Schwaigwall, dort wo heute die Hollywood-Kurve ist. Zwischen B 11 und Radweg sind noch Bahnsteigreste zu sehen. Weiter ging es am Waldfriedhof vorbei Richtung Breslauer Weg mitten durch das Betriebsgelände der DSC und schließlich zum Endbahnhof an der Jeschkenstraße (heutige Grüngut-Annahmestelle). Im Blumenviertel gab es einen U-förmigen Abzweig, im Süden Abzweigungen Richtung Isar, wo unter anderem das Kraftwerk der DSC stand.

Wichtig für den Abtransport der in Geretsried produzierten Sprengstoffe und der Munition war der so genannte Übergabebahnhof Wolfratshausen Süd. Er lag etwas abseits vom Isartalbahnhof (jetzt S-Bahnhof). Die gefährliche Ladung wurde mit der Isartalbahn von Wolfratshausen über Degerndorf und Beuerberg nach Bichl gebracht. Weil die Nationalsozialisten sie nicht direkt durch München fahren wollten, wurde sie entlang des Starnberger Sees in einem Bogen in die Landeshauptstadt transportiert.

Zehn Millionen Reichsmark hat der Ausbau der Strecke nach Schumachers Recherchen die Nazis gekostet. Der Referent zeigte Fotos von alten Bahnsteighäuschen, dem Übergabebahnhof und von historischen Loks. Eine von ihnen ist in der Kantine der Chemiefirma Pulcra ausgestellt. Schumacher berichtete sehr anschaulich von Bauern, die enteignet wurden, weil die Gleise über ihre Grundstücke verlaufen sollten. „Schon damals wurden vom Staat großzügig Ersatz-Grundstücke angeboten.“ Und er berichtete davon, dass noch bis 1952 Personen mit der Werksbahn befördert wurden. Der Güterverkehr endete mit der Kapitulation Deutschlands 1945 und dem Ende der Rüstungsbetriebe.

Im nächsten Vortrag wird Friedrich Schumacher berichten, wie aus der ehemaligen Werksbahn das heutige Industriegleis wurde.

Tanja Lühr

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