VonMagnus Reitingerschließen
Nachdenkliche Worte gab es zum Jahresausklang im Weilheimer Stadtrat. Als Nestor des Gremiums mahnte Ragnhild Thieler einen anderen Umgangston an – und blickte mit kritischen Bemerkungen zu den Themen „Umfahrung“ und „Energiewende“ auf 2022 zurück.
Weilheim – „Wir leben in unglaublich bewegten Zeiten“, so begann Ragnhild Thieler (BfW) in der Jahresabschluss-Sitzung des Stadtrates die traditionelle Nestorrede, also die Ansprache der Rats-Ältesten. „Nach zwei Jahren im Zeichen der Corona-Pandemie erreichte uns die bittere Gewissheit: Es ist wieder Krieg in Europa“, zeigte sich die 77-Jährige betroffen. „Putin hat mit seinem verbrecherischen Angriffskrieg auf die Ukraine uns allen schmerzhaft vor Augen geführt, was es bedeutet, Bedrohung zu empfinden.“ Zwar sei „beruhigend zu wissen, wie groß die Hilfsbereitschaft für die Menschen aus der Ukraine war und ist, auch in unserer Stadt“, so Thieler: „Vergessen wir aber dabei nicht die Menschen, die schon davor bei uns Zuflucht und Schutz gesucht und gefunden haben.“
Mitschuld der sozialen Medien
Ereignisse wie der Krieg, die Energiekrise, die Inflation sowie Querdenker-Proteste prägten auch den politischen Alltag vor Ort, konstatierte die Stadträtin – und fügte an: „Bei allen politischen und weltanschaulichen Themen muss man leider eine zunehmende Spaltung und Unversöhnlichkeit in der Gesellschaft, ja selbst innerhalb von Freundschaften und auch hier in unserem Gremium feststellen.“ Der Informationsaustausch sei wichtig, doch die Wortwahl oft bedenklich. „Ich habe wirklich große Probleme mit dem aktuellen Umgangston, manchmal auch bei uns und in der Gesellschaft“, monierte Thieler und gab dabei auch den sozialen Netzwerken „eine gewisse Mitschuld“.
Als lokale Beispiele für „hochemotionale Themen, die zum Schluss leider mit einer sachlichen Auseinandersetzung nichts mehr gemein hatten“, nannte die Nestorin die Debatten um eine Umgehungsstraße und den Klimaschutz. Letzterer sei keine freiwillige Sache mehr, sondern „für jeden von uns Verpflichtung“. Vielleicht habe die Stadt „in der Vergangenheit zu wenig“ getan, doch gelte es „wichtige Weichenstellungen“ der letzten Zeit anzuerkennen. Was das geplante Heizkraftwerk Kranlöchl betrifft, kritisierte Thieler, „dass es bei einer so guten Idee wieder so viele Vorbehalte gibt. Dabei geht es ja noch gar nicht um die konkrete Planung des Heizkraftwerkes, sondern lediglich um die Änderung von Weilheims Flächennutzungsplan. Diskussion gerne, aber zu einem anderen Zeitpunkt.“
Gespannt auf neue Lösungsvorschläge
Am Ergebnis der Bürgerbefragung zur Umgehungsstraße „gibt es nichts zu deuten“, betonte die BfW-Vertreterin: „Ein deutliches Nein gegen eine Umfahrung Weilheims, das ist zu respektieren, auch wenn ich mir ein anderes Votum gewünscht hätte.“ Das Staatliche Bauamt müsse dieses Votum „nun gebührend berücksichtigen und mit überörtlichen Interessen in Einklang bringen“. Ein zusätzlicher Stadtratsbeschluss, wie von einigen gefordert, hätte dabei „keinen rechtlich bindenden Einfluss gehabt“. „Nun sind wir aber wieder alle gefragt“, so Thieler weiter, „ganz besonders die Gegner der Umfahrung, wie kriegen wir das Verkehrsproblem in Weilheim gelöst? Ich bin sehr auf die neuen Lösungsvorschläge gespannt und vor allem auf deren Umsetzung“.
Als Kulturreferentin des Rates freute sich Thieler, dass Kunst und Kultur die Stadt wieder aufleben lassen: „Konzerte, Theater, Lesungen, Kino und Ausstellungen laden ein – nehmen Sie die Einladung bitte an!“ Was das knappe Nein des Gremiums zu einem Stadtmuseumsanbau betrifft (wir berichteten) – gefallen in der November-Sitzung, an der Thieler selbst nicht teilnehmen konnte –, deutete die Kulturreferentin ihre Enttäuschung nur an. Doch sie versprach: „Sie werden mit mir weiterhin rechnen können, ich werde nicht lockerlassen.“
