Strategien der Schulen gegen Mobbing

Kein Mobbing ohne schweigende Mehrheit

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Das Smartphone ist ein besonders tückisches und mittlerweile weit verbreitetes Mobbing-Instrument.
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Schon Grundschüler leiden unter Mobbing: Das hat eine Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) ergeben. Die Schulen im Landkreis diskutieren das Thema sehr offen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein elfjähriges Mädchen an einer Berliner Grundschule nimmt sich das Leben. Der Grund: vermutlich Mobbing. Dieser tragische Fall hat das Thema erneut präsent gemacht. An den Schulen im Landkreis wird auf verschiedene Weisen mit dem Thema umgegangen – und das nicht erst seit dem aktuellen Vorfall.

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„Mobbing ist überall präsent, nicht nur an Schulen“, sagt Florian Kropius, Leiter der Mittelschule Geretsried. An seiner Schule gibt es Jugendsozialarbeiter sowie externe Partner, die bei Konflikten als Mediatoren fungieren. „Wir versuchen, alles über möglichst kurze Wege abzuwickeln“, so Kropius. „Wir haben das Vertrauen in unsere Schüler, dass sie ansprechen, wenn etwas nicht passt.“ Kropius ist überzeugt, dass auch die Talent-Workshops an seiner Schule einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten. „Da kommen die Schüler mal außerhalb der üblichen Fächer zusammen und können ausprobieren, was ihnen besonders liegt.“ Als Inklusionsschule habe man den Anspruch, alle so zu nehmen, wie sie sind. „Respekt vor den anderen ist ein wichtiger Gesichtspunkt.“

Hier setzt auch die Hohenburger Realschule an. So stehe der wertschätzende Umgang mit anderen Menschen im Vordergrund der Schulfamilie, sagt Leiterin Stefanie Scheja. Streit und auch Mobbing gehöre zum Menschen, sagt Scheja. „Aber unser Weg ist es, dass die Schülerinnen mutig genug sind, die Stimme zu erheben.“ An der Schule werde ein Klima der Offenheit gelebt werden, sodass man über alles reden könne.

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Gemeinsam wurde eine große Plakataktion ins Leben gerufen. „Wir schwärmen für Zusammenhalt“, steht darauf, zu sehen sind Bienen, die um einen Bienenstock herumfliegen. Bald soll das Plakat in allen Klassenzimmern hängen und nach außen verbreitet werden. „Auch Eltern und das Umfeld sollen sich Gedanken machen: Wie gehen wir miteinander um?“

Ein zwölfköpfiges Team von Kollegen ist am Tölzer Gymnasium zuständig fürs Thema Mobbing. Zwei weitere Kolleginnen kümmern sich um Mobbingprävention speziell in den sechsten Jahrgangsstufen. Laut dem stellvertretende Schulleiter Holger Küst steht für die fünften Klassen jeden Herbst ein Ausflug nach Königsdorf in die Jugendbildungsstätte an. „Dort lernen sie gute Kommunikation und wie man mit Störungen umgehen soll.“

Dass Mobbing in allen Altersstufen – und auch im Erwachsenenbereich – vorkommt, sagt Andreas Krämer. Der Jugendsozialarbeiter der Grundschule Kochel sagt: „Nur die Ausprägung ist an der Grundschule gegebenenfalls anders als an den weiterführenden Schulen.“ Aktuell stehe das Thema Cybermobbing besonders im Fokus, da dieses nur „schwer zu stoppen“ sei. Was einmal geschrieben sei, könne kaum rückgängig gemacht werden und auch ein Schulwechsel sei keine Lösung, „weil beispielsweise die diffamierenden Bilder schon vor dem Schüler an der neuen Schule angekommen sind“. Ganz wichtig, um Mobbing vorzubeugen, sei es, das Selbstwertgefühl aller, vor allem der Opfer, zu stärken. Einen besonderen Appell hat er an die Eltern: „Sie sollten ihrem Kind offen begegnen, zuhören, es ernst nehmen.“ Auf keinen Fall sollte das Kind unter Druck gesetzt werden. Fallen Eltern Stimmungsveränderungen auf, sollte das Gespräch mit den Lehrern gesucht werden. Krämer: „Niemals sollte das Kind dafür verantwortlich gemacht werden. Denn Mobbing kann jeden treffen, wirklich jeden.“

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So sieht es auch sein Kollege Hubert Schwaighofer, Sozialarbeiter an der Montessori-Schule in Dietramszell. Auch er sagt an die Eltern gewandt, dass es wichtig sei, Alarmsignale wahrzunehmen. „Vertrauen ist sehr wichtig, denn das Thema ist sehr schambelastet.“ Auf keinen Fall sollten Eltern ohne Zustimmung ihrer Kinder tätig werden. Mobbing sei eine grundlegende menschliche Strategie, die sogar bei Tieren zu beobachten sei, sagt Schwaighofer. „Es hat den Zweck, dass sich beispielsweise eine Gruppe schnell gegen einen potenziellen Angreifer zusammenschließt.“ Diese Anlagen seien im Menschen vorhanden. Auch in Grundschulen und sogar Kindergärten sei Mobbing ein Thema. Gerade dort aber sieht Schwaighofer eine gute Möglichkeit, entgegenzuwirken. „In der Grundschule ist man noch nahe dran und kann besser grundlegende Weichen stellen.“ Schwaighofer weiter: „Mobbing funktioniert nur mit einem ,Mob‘, also einer schweigenden Mehrheit, welche solches Verhalten verstärkt, akzeptiert oder einfach nur hinnimmt.“

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