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Die Wasserstofftankstelle in Irschenberg ist kürzlich zwei Jahre alt geworden – doch bisher sind nur drei Autos mit Brennstoffzellen im Landkreis zugelassen. Ein Gespräch über die Zukunft des Wasserstoffs als Antrieb.
Miesbach – Warum der durchschlagende Erfolg bislang ausgeblieben ist, die Technologie mit trotzdem steigender Nachfrage aber auch im Oberland Zukunft hat, erklärt Thomas Acher im Gespräch mit unserer Zeitung. Der 38-jährige Miesbacher hat Maschinenbau in München und Singapur studiert, leitet die Entwicklung von Wasserstofftankstellen bei Linde Engineering in Pullach und Wien – und glaubt fest an das Potenzial von H2.
Wasserstoff an Energieträger der Zukunft: Experte erklärt, warum
Herr Acher, Wasserstoff gilt als Hoffnungsträger. Im Verkehrssektor führt das Gas noch ein Nischendasein. Warum?
Gerade in Deutschland hat man sich zu lange auf Diesel und Benzin verlassen. Das Ergebnis sehen wir jetzt. Speziell der Verkehrssektor muss beim CO2-Ausstoß ordentlich nacharbeiten. Konsequenterweise rücken die alternativen Energieträger im Zuge eines klareren Verständnisses des Klimawandels immer stärker in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Als Alternative zum rein batteriegetriebenen Lkw oder Bus hat Wasserstoff gerade im Nutzfahrzeug großes Potenzial.
Trotzdem fahren im Landkreis nur drei von über 67 000 Autos mit H2.
Ich sehe drei Gründe dafür. Erstens sind die Fahrzeuge relativ teuer, zweitens ist der Kraftstoff preislich in etwa genauso teuer wie Benzin oder Diesel und drittens ist das Tankstellennetz nicht besonders dicht. Diese Rahmenbedingungen werden sich aber zunehmend verbessern. Natürlich steht die Technologie mit batteriebetriebenen Autos in starker Konkurrenz. Perspektiven sehe ich insbesondere dort, wo Batterien so viel Raum und Gewicht einnehmen, dass sie sich weder technisch noch kommerziell rechnen. Das ist im Schwerlastverkehr der Fall, beispielsweise bei Zügen, Schiffen, der Luftfahrt und bei Bussen oder Lkw.
Wasserstoff für Lkw-Tankstellen und Bäckereien
Wäre die Tankstelle in Irschenberg auf Schwerlast-Verkehr vorbereitet?
Eine größere Tankstelle für Lkw ist technisch anspruchsvoller als eine, die für Pkw ausgelegt ist. Die Druckniveaus bei der Betankung unterscheiden sich. Wir testen in der Entwicklung auch flüssigen Wasserstoff für Schwerlast-Lkw. Über eine Anpassung oder Erweiterung der Tankstelle entscheidet der Betreiber – ob in Irschenberg ein Umbau geplant ist, weiß ich nicht. Technisch möglich wäre es.
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Und wie sieht’s mit dem Bedarf aus?
Es gibt schon viele positive Erfahrungen. Zum Beispiel betreibt die Supermarktkette MPreis in Völs in Tirol ihre Bäckerei-Öfen mit Wasserstoff. Außerdem hat MPreis eine eigene Tankstelle aufgebaut und auch die entsprechende Lkw-Logistik eingeführt. Das könnte ein Vorbild für viele Betriebe sein. Für den Landkreis Miesbach kann ich mir eine Reihe von Projekten vorstellen, bei denen der Einsatz von Wasserstoff durchweg sinnvoll ist. Wie wollen solche Unternehmen sonst ihre Ziele bei der Dekarbonisierung erreichen?
Tankstellen für Züge: H2 auch bei der BRB denkbar
Beschäftigen Sie sich als Entwickler mit solchen Projekten?
Eher mit der Effizienz, der Robustheit, der Verfügbarkeit und mit neuen Technologien. Ich leite ein Team in Pullach und Wien, das auch zwei Teststände betreibt. Das ist eine Mischung aus theoretischer und praktischer Weiterentwicklung. In der Firma sind wir schon jetzt Technologieführer und bereit für weitere Anwendungen.
Wären auch die Züge im Oberland ein mögliches Anwendungsfeld?
Das ist ein super Thema (lacht). Vor ein paar Wochen haben wir die erste Linde-Tankstelle für Züge in Niedersachsen eingeweiht. Natürlich musste ich gleich an die BRB denken. Also ja, die Technik ist vorhanden und funktioniert.
Wasserstoff als Energieträger im landwirtschaftlichen Bereich
Das klingt ähnlich wie bei privaten Autos. Haben Sie denn eine Prognose, was die Entwicklung im Landkreis betrifft?
Kurzfristig rechne ich damit, dass ein signifikanter Anteil der Lkw mit H2 angetrieben wird. Wie viele Tankstellen beispielsweise bei Unternehmen entstehen, ist schwer zu sagen. Mittelfristig wird auch der Pkw-Bereich nachziehen. Das werden weniger Pendler sein, die auch batterieelektrisch nach München und zurückfahren können. Aber die Zahl der Urlauber, die größere Strecken zurücklegen wollen und deswegen auf Wasserstoff setzen, die Zahl der H2-Dienstwagen oder die Zahl von Lkw, Bussen und landwirtschaftlichen Fahrzeugen mit Wasserstoffantrieb wird zunehmen.
Sie meinen Traktoren mit Wasserstoff?
Unter anderem, ja. Mit batterieelektrischen Fahrzeugen müssten Landwirte ihre Arbeitszeiten nach den Ladezeiten richten. Mit Wasserstoff ist die Flexibilität deutlich höher.
Wie realistisch ist diese Entwicklung?
Es gibt keinen Automatismus. Die Zahl der Tankstellen wird zum Beispiel nicht automatisch mehr Wasserstofffahrzeuge mit sich bringen. Aber es gibt Logistik-Projekte, Unternehmen, die sich zusammentun und Anforderungen, denen wir als Entwickler gerecht werden können. Dazu zählt auch, den Durchsatz an der Zapfsäule so zu erhöhen, dass Autos in hoher Frequenz tanken können. Die Frage ist nicht, welche Technologie sich gegen die anderen durchsetzt – ob beispielsweise mehr Wasserstoff, E-Fuels oder Batterien zum Einsatz kommen. Es werden alle koexistieren.
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