Andrea Köstler schließt ihr Schreibwarengeschäft in Tegernsee. Die Stadt verliert damit auch ihre Postfiliale. Früher waren die Schüler ihr Geschäft - doch die Eltern kaufen woanders.
Tegernsee – Am 31. Oktober, einem Mittwoch, wird Andrea Köstler um 7 Uhr früh zum letzten Mal ihren Laden aufsperren. Abends um 18 Uhr wird ihr Schreibwarenladen schließen, für immer. Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen.
„Meine Tochter ist 19 Jahre alt, meinen Laden habe ich seit 20 Jahren“, sagt Köstler. „Er ist für mich wie mein zweites Kind.“ Auch die Stammkundschaft, die ihr über viele Jahre die Treue und die Stange hielt, wird sie vermissen. „Für mich ist das auch sehr schade“, erklärt die Tegernseerin, die für die Freien Wähler auch im Stadtrat sitzt.
Gerade jetzt in der Zeit vor dem Schuljahresstart bekommt die Einzelhändlerin den Wandel der Zeit wieder richtig zu spüren. Und Köstler hat ihn vor Augen, jeden Tag. Nicht nur in den Prospekten mit fast unschlagbar günstiger Discountware von Drogerie- und Supermärkten.
Sondern auch in der Postagentur, die sie seit 15 Jahren in ihrem Laden betreibt – der einzigen in Tegernsee. „Ich sehe ja, wo die Leute bestellt haben“, sagt Köstler. Bei ihr kommen viele der Päckchen mit all den Dingen an, die Kunden bei Amazon & Co. geordert haben, statt sie in Geschäften vor Ort zu suchen.
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Köstler hat eigentlich alles versucht, der schier übermächtigen Konkurrenz etwas entgegenzusetzen. Zum einen persönliche Beratung. Zum Beispiel für den passenden Füller, den die Schulkinder mit ihren Eltern im Geschäft ausgiebig ausprobieren können.
Den Schulranzen kaufen die Eltern dann doch lieber online
Gekauft wird er trotzdem oft woanders. „Im Sommer habe ich früher immer Schulranzenpartys gemacht“, sagt Köstler. Eltern und Kinder kamen zahlreich, probierten die verschiedenen Modelle an. Früher kauften sie den Favoriten dann auch im Laden. Doch irgendwann ließen sie sich nur noch die Ranzen zeigen und gingen wieder.
Später sah Köstler die Kinder dann mit dem ausgewählten Schulranzen auf dem Rücken vorbeispazieren. Die Eltern hatten ihn wahrscheinlich im Internet bestellt.
„Ich habe seit fünf Jahren keinen Schulranzen mehr verkauft“
„Ich habe seit fünf Jahren keinen Schulranzen mehr verkauft“, schätzt die Einzelhändlerin. Dazu trug vielleicht auch die Preisentwicklung allgemein bei. „Früher kostete der teuerste Schulranzen 99 Mark, heute sind es 320 Euro“, erklärt die Tegernseerin.
Sogar dem Online-Handel hat sie versucht, die Stirn zu bieten
Sogar dem Online-Handel hat sie zeitig versucht, aktiv die Stirn zu bieten. Auf der Homepage ihres Geschäfts hat sie einen Onlineshop eingerichtet, über den sie Etiketten, Prospekthüllen, Druckerpapier, sogar Bürostühle und ergonomische Computer-Mäuse vertreibt.
„Einige Geschäftsleute in Tegernsee bestellen bei mir“, berichtet Köstler. Aber der Druck, den selbst große Büroartikelvertriebe seit Jahren zu spüren bekommen, er trifft ein einzelnes Geschäft wie das an der Tegernseer Bahnhofstraße besonders hart. „Der Umsatz geht seit Jahren zurück.“
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Mit zwei weiteren vermeintlich soliden Standbeinen in ihrem Laden versuchte Köstler, das aufzufangen. Nämlich mit der Postagentur und der Postbank-Filiale. Doch dann flatterte Köstler eine Kündigung ins Haus. Die Deutsche Bank, die 2008 schon bei der Postbank eingestiegen war, hat heuer mit der lange geplanten Fusion begonnen. Der Konzern gab im Frühling bekannt, dass in diesem Zuge 60 Postbank-Filialen geschlossen werden. Darunter ist auch die im Laden von Köstler. Ihr wurde zum 31. Oktober gekündigt. Für die Einzelhändlerin war das der Auslöser, schweren Herzens ihr Geschäft ganz zu schließen. Postagentur, Zeitungen und Zeitschriften, Lotto und Toto allein rentieren sich für sie nicht mehr. Schließlich wollen Miete, Gehälter und Unterhalt ja auch bezahlt sein.
Wie es weitergeht für sie persönlich, weiß Köstler, die nächstes Jahr 50 wird, derzeit noch nicht. „Momentan habe ich noch so viel mit der Auflösung zu tun.“
Wie geht‘s mit der Postagentur weiter?
Auch die Deutsche Post DHL Group weiß nicht genau, wie es in Tegernsee weitergeht – aber dass es weitergeht, versichert Post-Sprecher Klaus-Dieter Nawrath: „Es wird auch künftig eine Post in Tegernsee geben, das können wir garantieren.“
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Der Standort Tegernsee stehe schon deshalb nicht zur Debatte, weil das Unternehmen auch gesetzlich zur Versorgung verpflichtet sei. Man suche derzeit einen neuen Partner mit Ladengeschäft und Platz für den Postschalter für eine langfristige Kooperation. Man arbeite auf einen nahtlosen Übergang im November hin.
Katrin Hager
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