Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg

Tod und Verwüstung, aber nicht durch den Krieg: Die folgenreiche Katastrophe im Achthal

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Georg Kienberger wurde 1934 in Achthal geboren und bekam das Ende des Zweiten Weltkriegs sowie das schlimme Unglück in seinem kleinen Heimattal hautnah mit.
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Von dieser Katastrophe vor 80 Jahren hat damals fast niemand etwas erfahren: Einen Monat nach Kriegsende, am 8. Juni 1945, bringt eine gewaltige Sturzflut Tod und Verderben nach Achthal und in das Tal der Sur bis Teisendorf. Der Zeitzeuge Georg Kienberger erinnert sich an dramatische Rettungsaktionen und wie schnell das Wasser in das Haus seiner Familie kam.

Teisendorf - Ein Unwetter, wie man es seit Menschengedenken in der Region nicht erlebt hat, überflutet ein enges Tal, nur ein paar Kilometer von Traunstein entfernt. Häuser werden zerstört, Autos wie Zündholzschachteln weggespült. Fünf Menschen sterben in den Fluten, dramatische Rettungsaktionen verhindern Schlimmeres. Und von all dem erfährt innerhalb der nächsten Tage kaum jemand etwas; nicht in Traunstein, nicht in Bad Reichenhall und noch viel weniger jemand in „abgelegenen“ Orten, wie es zum Beispiel Waging oder Ruhpolding angesichts beschädigter Straßen und Infrastruktur waren.

Genau das ist vor 80 Jahren am 8. Juni 1945 passiert. Der Zweite Weltkrieg war gerade einmal einen Monat vorbei. Es gab keine Zeitungen und keinen Rundfunk. Der Kampf um Nahrungsmittel und ein Dach über dem Kopf beschäftigte nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die zu Zehntausenden im Voralpenland gestrandet waren.

Georg Kienberger wurde 1934 in Achthal geboren und ist dort noch heute zuhause. An seinem 90. Geburtstag im Februar 2024 spielte ihm die Musikkapelle Neukirchen auf, deren Mitglied er seit 1952 ist. Der Schalk sitzt dem aktiven Senior noch heute im Nacken, sogar wenn er über seine Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs in seinem kleinen Heimattal berichtet.

„Schlimm war es im Krieg schon“

Für diese Reportage hat BGLand24 einen Zeitzeugen ausfindig gemacht, der die Katastrophe von Achthal am eigenen Leib erlebt hat: Georg Kienberger. Er erinnert sich: „Schlimm war es im Krieg schon. Wenn wir nichts mehr zu essen hatten, dann gingen ich und meine kleine Schwester Resi zum Hamstern.“

Er streicht sich durch seinen weißen Vollbart, denkt nach und sagt: „Aber richtig schlimm ist es erst geworden, als der Krieg schon einen Monat vorbei war.“ Da suchten nämlich Tod und Verderben das enge Tal der Ache zwischen Neukirchen und Oberteisendorf heim. Dank engagierter Heimatforscher und -freunde ist das schreckliche Geschehen jenes 8. Juni dokumentiert.

Rechts die beiden Häuser in Achthal, die das Hochwasser vom 8. Juni 1945 zerstört und weggerissen hat: die ehemalige Sandmühle im Vordergrund und rechts dahinter, teilweise verdeckt, das Thalhauser-Anwesen. Das Foto wurde vermutlich Anfang der 1930er-Jahre gemacht.

Ein Wolkenbruch folgte auf den nächsten

Es braute sich etwas zusammen an jenem schwülwarmen Frühsommertag, an dem das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade einmal vier Wochen zurücklag. Die Heuernte war in vollem Gange. Nachmittags um vier sei es dann finster geworden. Es hat geblitzt, gedonnert und es goss wie aus Kübeln. Immer neue Gewitterwolken zogen gegen den Teisenberg, ein Wolkenbruch folgte auf den vorhergehenden. Abends gingen der elfjährige Schorsch Kienberger und seine Schwester in ihr Zimmer im ersten Stock zu Bett.

Weil seine Tochter Angst vor Blitz und Donner hatte, ging der Vater hinauf zu ihr und Georg sollte sich im Erdgeschoss niederlegen. Da trat die unmittelbar hinter dem Haus vorbeifließende Ache schon über die Ufer. Das Wasser stieg so schnell, dass die Wohnstube eine Stunde später über einen Meter tief unter Wasser stand. Die Fluten hatten die Tür eingedrückt, die Familie rettete sich ins Obergeschoss. 

Beim Gasthaus Reiter in Achthal haben die Fluten am 8. Juni 1945 die Brücke über die Ache aus der Verankerung gerissen und weggespült.

Den Überlebenskampf vom Fenster aus beobachtet

Draußen spielten sich dramatische Szenen ab, welche die Kienbergers mit Bangen vom Fenster aus beobachteten. Ein schwerer Lkw der Post fuhr von Oberteisendorf herauf nach Achthal, hinter ihm ein Jeep mit zwei US-Besatzungssoldaten. Die Fluten rissen das Fahrzeug der Amerikaner einfach mit sich. Ein Nachbar der Kienbergers warf dem Beifahrer noch einen Strick zu, den der auch zu fassen bekam und sich retten konnte. Am nächsten Morgen fand man auf einer Wiese bei Oberteisendorf den Jeep und ein Stück weiter den toten Fahrer.

Tod und Verwüstung brachten die Wassermassen nicht nur ins enge Achthal, sondern auch in die bachabwärts liegenden Ortschaften Oberteisendorf und Teisendorf. Fast so schnell, wie sie gekommen war, ebbte die Flutwelle wieder ab. Fünf Tote waren an diesem Abend zu beklagen, mehrere Häuser wurden zerstört und mussten neu aufgebaut werden. Georg Gasser hat das Unwetter und seine Folgen in einer fünfseitigen Reportage im Teisendorfer Heimatbuch anschaulich geschildert.

Ein Bombenangriff hätte in Achthal niemals einen so großen Schaden anrichten können, wie er durch das Hochwasser einen Monat nach Kriegsende verursacht worden ist.

Die Sache mit den Fischen

Schorsch Kienberger erzählt gerne weiter. Wie hat er das Kriegsende in seinem kleinen Heimatort erlebt? Dass es auch während dieser schlimmen Jahre immer genug zu essen gab, ist kein Wunder: Der Bach, der durch das enge Tal fließt, war schon immer extrem fischreich und er ist es noch heute.

„Ihr wart halt Schwarzfischer“, sagt der Interviewer leichtfertig. Georg Kienberger widerspricht heftig. Erst als der Gesprächspartner mit einem Augenzwinkern sagt, „wir waren doch alle Schwarzfischer“, gesteht Kienberger ein, dass man natürlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gefischt hat. In den Gumpen unterhalb der Querverbauungen war es ein Leichtes, pfundschwere Forellen zu greifen.

Kaugummi und Schokolade hoch im Kurs

Vor den Fischereiaufsehern musste man sich allerdings in Acht nehmen. Die Fischzüge waren fast immer erfolgreich. „Der Seidl Martin war auch dabei“, erzählt Kienberger. Seidl wurde später Kommunalpolitiker und war von 1984 bis 2002 Landrat des Kreises Berchtesgadener Land. „Und natürlich waren der Eisl Toni und der Reiter Seppi, die beide schon gestorben sind, meistens bei uns“, erzählt der Schorsch. Beide waren ebenso wie Martin Seidl Geburtsjahrgang 1934.

Als dann die amerikanischen Besatzer in Achthal waren, hätten die zum Zeitvertreib mit ihren Gewehren auf die Forellen in den Gumpen geschossen. Getroffen haben sie meistens nicht, die Fische aber durch die Druckwelle ihrer großkalibrigen Projektile zur Strecke gebracht. Und die erlegten Fische schenkten sie den Buben. „Die meinten, wunder, welche Freude sie uns damit machen …“, schmunzelt Kienberger. Da standen Kaugummi und Schokolade von den „Amis“ aber viel höher im Kurs.

„Nein, schlecht ging es uns damals nicht“

Bei den Kienbergers und den Nachbarn mästete man heimlich ein Schwein, hatte ein paar Schafe, brockte am Teisenberg Blau-, Him- und Brombeeren, von denen man einen Teil in Teisendorf an einen Zwischenhändler verkaufte. Von Alois Seidl, der in Holzhausen bis 1955 eine kleine Molkerei betrieb, bekam man auch mal ein Schachterl Käse. „Bei den Bauern Richtung Teisendorf waren wir beim Hamstern, bekamen mal einen kleinen Schöpflöffel Milch oder ein paar Äpfel und Kartoffeln, aus denen die Mutter ein köstliches Kartoffelbrot gebacken hat. Nein, schlecht ging es uns damals nicht“, sagt Schorsch nachdenklich.

Nach dem Krieg absolvierte er in einer Gärtnerei in Ruhpolding-Zell eine Lehre zum Gärtner und legte anschließend in der Gärtnerei im Botanischen Garten in München seine Gesellenprüfung ab. Er pachtete ein Tagwerk Grund in der Nähe von Oberteisendorf und machte sich selbständig. Die erste Ernte hat es ihm verhagelt und auch im Jahr darauf vernichtete Hagelschlag seine Arbeit. Da sattelte er um und wurde Fernfahrer. Nach elf Jahren ging er zur Siemens nach Traunreut und wurde Staplerfahrer. Von dort wechselte er zur Brauerei Kiesel nach Traunstein, wo er spannende Aufgaben bis zum Herstellen von Grabsteinen verrichtete. 

Heute noch als Florist aktiv

Allein das wäre schon einen eigenen Bericht wert. Brauereichef Kurt Kiesel war ein begnadeter Tüftler und heckte eines Tages die Idee aus, Grabsteine mit einem Kern aus Styropor herzustellen, damit sie nicht so schwer sind wie die herkömmlichen. Kienberger absolvierte bei einem Verwandten Kiesels in einem Chemieunternehmen einen Crashkurs und lernte, wie man Kunststein herstellt. Zuerst in Traunreut und später in Siegsdorf-Höpfling produzierte man in Kleinserie, ehe Kiesel die Firma gewinnbringend verkaufte.

Der Schorsch arbeitete später auch als Vertreter für Staubsauger. In seinem Ruhestand bindet er Kränze und bedruckt Trauerschleifen – schließlich hat er auch Florist gelernt. Mit über 90 ist er leidenschaftlicher Gartler. Bei einem Besuch 2024 machte er sein Brennholz selber und versorgte sich auch sonst selbst. Das Spannendste am Krieg, so erzählt er abschließend, sei gewesen, dass er einmal seinen Vater besuchen durfte, der als Schachtmeister beim Straßenbau am Obersalzberg beschäftigt war: „Das hat mich schwer beeindruckt.“ (obk)

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