Stadtbibliothek

Thomas-Mann-Zimmer zieht nach Bad Tölz: Ein Schreibtisch, der Geschichte schrieb

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Eine ganz besondere Möbellieferung traf jetzt in der Tölzer Stadtbibliothek ein, nämlich Nachbildungen von Thomas Manns Schreibtisch sowie eines Porträt des Dichters von Max Liebermann, alles Requisiten aus dem Film „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“. Dirk Heißerer (re.) vom Thomas-Mann-Forum begleitete den Transport aus Feldafing, der Tölzer Mann-Experte Martin Hake und Bibliotheksleiterin Melanie Sappl nahmen die Sachen im Empfang.
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Thomas Mann zum Anfassen: Das gibt es demnächst in der Tölzer Stadtbibliothek. Die Geschichte, wie eine Nachbildung vom Exil-Arbeitszimmer des großen Dichters mitsamt wertvoller Bibliothek an die Hindenburgstraße gelangten, gleicht selbst einem Roman.

Bad Tölz – Seine besondere Verbindung mit Thomas Mann hat Bad Tölz 2017 (wieder-)entdeckt. Mit vielen gut besuchten Veranstaltungen wurde daran erinnert, dass der Literat und seine Familie von 1909 bis 1917 jeweils die Sommermonate, teils auch die Winterferien, in einem Haus am Klammerweiher verbrachten. Doch weil diese Villa – heute ein Erholungsheim der Armen Schulschwestern – nicht öffentlich zugänglich ist, fehlt den Literaturliebhabern, die auf den Spuren des Nobelpreisträgers wandeln wollen, bislang eine konkrete Anlaufstelle. Das ändert sich nun. Dieser Tage traf in der Stadtbibliothek eine Lieferung von Möbeln und Büchern ein, mit denen ein eigenes Thomas-Mann-Zimmer eingerichtet wird.

Im ersten Stock des Gebäudes an der Hindenburgstraße wird somit ein Arbeitszimmer zu erleben sein, das weitgehend den Räumen entspricht, in denen Thomas Mann während seines Exils an verschiedenen Orten in der Schweiz und den USA gearbeitet hat. Einrichtungsgegenstände sind ein neo-barocker Schreibtisch, der dazugehörige Sessel mit verschlungener Lehne sowie zwei Regalschränke. Es handelt sich um Requisiten aus dem Film „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ von 2001. Regisseur Heinrich Breloer ließ die Möbel originalgetreu und durchaus massiv nachbauen. „Der Schreibtisch wiegt mehr als ein Klavier“, stellte Dirk Heißerer, Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums bei der Anlieferung fest. Der Verein mit Sitz in München hat die Requisiten der Stadt Bad Tölz geschenkt.

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Am Original-Schreibtisch arbeitete der Schriftsteller an Büchern wie „Doktor Faustus“ oder „Lotte in Weimar“. Thomas Mann habe den Schreibtisch von seinem Schwiegervater Alfred Pringsheim geschenkt bekommen, erläutert Heißerer. „Ihr Verhältnis war immer distanziert, beide sind ein Leben lang beim Sie geblieben.“ Ob das wohl der Grund war, warum Thomas Mann den Schreibtisch zunächst nicht nutzte?In seinem Münchner Haus zog er es vor, an einem eleganten Jugendstil-Schreibtisch zu arbeiten. An dem schweren Tisch des Schwiegervaters habe der Literat frühestens ab 1930 gesessen – „vielleicht hat er ihn sogar vom Speicher geholt“. Erst im Exil ab 1933 – zunächst in Küsnacht in der Schweiz, dann in Princeton und Los Angeles – stand dann jeweils das Arbeitszimmer, wie es Breloer im Film schon für München darstellte und wie es nun in Bad Tölz nachempfunden ist.

Heißerer berichtet nebenbei, dass Breloer die Bogenhausener Villa der Manns für seinen Film in den Bavaria-Studios komplett nachbauen ließ – „13 Prozent größer als das Original“. Heute stelle diese Kulisse das Hotel Fürstenhof in der ARD-Seifenoper „Sturm der Liebe“ dar.

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Schreibtisch, Sessel und Regale hingegen zogen nach den Dreharbeiten nach Feldafing um, und zwar in das kleine Landhaus Villino, in dem Thomas Mann mehrfach zu Gast war und in den 1920er-Jahren mehrere Kapitel des „Zauberbergs“ schrieb. Als Heißerer die Villa in den 1990er-Jahren entdeckte, stand sie auf dem Gelände der Bundeswehr-Fernmeldeschule. Das Thomas-Mann-Forum pflegte hier die Erinnerung an den Literaten – mit besagten Film-Requisiten und einer Thomas-Mann-Bibliothek, die das Forum von Anita Naef geerbt hatte. Anita Naef arbeitete als Sekretärin im Hause Mann, war eng vor allem mit Erika und Golo Mann befreundet und verheiratet mit Peter de Mendelssohn, Verfasser der (unvollendeten) Thomas-Mann-Biografie „Der Zauberer“. Naefs Bibliothek umfasst etwa 2500 Bücher, darunter viele interessante Ausgaben der Werke von Thomas Manns sowie seiner sechs Kinder Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Auch diese Sammlung zieht nun in die Stadtbibliothek – zumindest die rund 400 Bände, die dort Platz finden.

Dass das Mann-Arbeitszimmer und die Bibliothek Feldafing verlassen, liegt daran, der die Artemed-Klinik, der das Gelände seit 2012 gehört, renovieren möchte und dem Thomas-Mann-Forum daher den Nutzungsvertrag kündigte. „Ausgerechnet an Thomas Manns Geburtstag am 6. Juni ist die Kündigung eingetroffen“, sagt Heißerer. Er musste sich nun auf die Suche nach einem Ausweichquartier machen. In Bad Tölz rannte er offene Türen ein. „Auf meine E-Mail habe ich nach einer Stunde die Antwort von 3. Bürgermeister Christof Botzenhart erhalten, dass ich die sachen so schnell wie möglich bringen soll.“ In der Tölzer Stadtbibliothek, die gerade im Umbau ist, war gerade ein passender Raum frei.

Bibliotheksleiterin Melanie Sappl freut sich sehr über das einmalige Angebot, das sie den Nutzern nun machen kann, nämlich: „Thomas Mann zum Anfassen“, wie sie sagt. Da es sich nicht um Originalmöbel handele, könne sich jeder Besucher am Schreibtisch niederlassen und doch in authentischem Thomas-Mann-Ambiente schwelgen.

Heißerer hat große Lust, in diesem Raum künftig Vorträge zu halten – und auf dem Grammofon Platten abzuspielen, die auch der Dichter einst hörte. Zur weiteren Ausstattung gehören die (Plastik-)Nachbildung einer Bronze-Büste, die Thomas Manns Tochter Elisabeth darstellt, sowie Repliken einer Max-Liebermann-Zeichnung von Thomas Mann sowie des Lieblingsgemälde des Dichters, „Die Quelle“ von Ludwig von Hofmann.

Die offizielle Eröffnung ist für den 8. Oktober geplant. Als „Schirmherr“, so Heißerer, werde dann Thomas Manns Enkel, der Psychologe und Schriftsteller Frido Mann (78) zu Gast sein. 

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