VonBastian Huberschließen
Für eine Rottacherin nahm der Mittagsspaziergang ein unschönes Ende. An der Weißach stieß sie auf ein schwer verwundetes Reh. Für das Tier kam jede Hilfe zu spät.
Rottach-Egern – Als eine Spaziergängerin am Freitagmittag mit ihrem Hund an der Weißach in Rottach-Egern unterwegs war, hörte sie mehrere Pfiffe, sah aber nichts – wohl ein Hundebesitzer, der nach seinen Vierbeiner gerufen hatte. Die Rottacherin dachte sich nichts dabei, schließlich sind Hunde auf dieser Seite des Flusses erlaubt. Stutzig wurde sie erst, als Passanten sie darauf hinwiesen, dass gerade eben ein Reh den Fluss gequert hatte. Wenige Meter weiter fand sie das Tier im Schnee: regungslos, aber mit Puls, am linken Hinterlauf schwer verletzt.
Sie reagierte sofort, rief die Polizei und Michael Herrmann, den ehemaligen Geschäftsleiter der Gemeinde Bad Wiessee und Jäger. Der packte seine Ausrüstung und fuhr an die Weißach. „Ich dachte, ich könnte das Reh wieder aufpäppeln“, erzählt Herrmann. Vor Ort stellte der Jäger jedoch schnell fest, dass dem nicht so ist. „Die Hinterläufe waren angefressen, ein Hund muss das Reh am Fuß gepackt haben.“ Die Konsequenz: Sehnen und Muskeln waren auf-, das Gelenk herausgerissen.
Nach Rücksprache mit der Wiesseer Polizeiinspektion blieb Herrmann nichts anderes übrig, als das Reh zu erschießen. „Bei dem Ausmaß der Verletzungen hätte es keine Chance gehabt“, sagt er. „Wir mussten es schnell erlösen.“ Gleiches galt für die ungeborenen Kitze, die das Muttertier im Bauch hatte.
Für Herrmann steht außer Frage, dass es sich bei den Bissen um die eines Hundes handelt. Seine Vermutung: Der Hund hat das Reh an einem gut 100 Meter entfernten Einstand – einer Art Sammelstelle der Tiere – ausgemacht, wodurch sein Jagdtrieb ausgelöst wurde. „Das passiert bei fast jedem Hund, wenn er auf Wild trifft“, erklärt der Jäger.
Er wünscht sich, dass Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner nicht im Griff haben, diese an die Leine nehmen. Denn gerade jetzt ist das Wild empfindlich: Im Winter drosseln die Tiere ihren Organismus. Jede Störung, sei es durch Hunde oder auch Tourengeher, hat auf den Körper etwa den gleichen Effekt, wie ihn ein Kaltstart mit hohen Drehzahlen auf den Motor eines Autos hat. „Der Stress kann zum Herzstillstand führen.“ Hinzu kommt, dass die Weibchen gegenwärtig trächtig und somit noch anfälliger sind. „Das alles steht und fällt mit dem Verantwortungsbewusstsein der Hundebesitzer“, sagt Herrmann, selbst Hundehalter.
Johanna Ecker-Schotte, Vorsitzende des Tierschutzvereins Tegernseer Tal, wünscht sich eine bessere Vernetzung. „Die Polizei muss sofort wissen, welcher Revierjäger zuständig ist. Es hat eine Stunde gedauert, bis jemand da war.“ Zudem will sie den verantwortlichen Hundebesitzer mit einer Strafanzeige zur Rechenschaft ziehen. Deren Erfolg hängt von den Aussagen der Zeugen ab. Die Pfiffe allein dürften zur Identifizierung kaum reichen.
hb
