Nach 78 Jahren

Todesmarsch-Überlebender erinnert sich: „Ich wurde vom Zwangsarbeiter zum Untermenschen“

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Zeitzeugen: Nick Hope (li.) war KZ-Häftling auf dem Todesmarsch, Otto-Ernst Holthaus sah in Grünwald eine Gruppe von geschundenen Marschierenden. Beide erinnerten sich bei einer Gedenkveranstaltung an den Todesmarsch.
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Gedenken an den Todesmarsch: Beklemmende Erinnerungen bei Veranstaltung im Badehaus Waldram. Zwei Zeitzeugen berichten von den letzten Kriegstagen.

Wolfratshausen – Auch nach fast 80 Jahren berühren ihn seine Erinnerungen merklich. Wenn Nick Hope über die letzten Tage des zweiten Weltkriegs spricht, versagt ihm in unregelmäßigen Abständen die Stimme. Er hüpft zwischen Deutsch und Englisch. „Niemand wusste, was passiert next“, sagt er dann. Er sucht Worte, die das Leid beschreiben, das er im Dachauer KZ und auf dem Todesmarsch erleben musste. Es gibt keine, die die Gräueltaten angemessen beschreiben. Nick Hope überlebte den Todesmarsch vor 78 Jahren. Auf einer Gedenkveranstaltung im Badehaus in Waldram sprach er über seine Erinnerungen.

Nach 78 Jahren versagt ihm immer noch die Stimme: Todesmarsch-Überlebender erinnert sich

Hope, als Nikolai Chropenko in der Region um Donezk in der Ukraine geboren, wurde als 17-Jähriger nach Deutschland verschleppt. Er wurde Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben im Wolfratshauser Forst. Dort gab es eine Explosion, Hope wurde der Sabotage bezichtigt und in das KZ eingewiesen. Aus Nikolai Chropenko wurde Nummer 44249. Eine Zahl, die der Senior bis heute nicht vergessen kann. „Ich wurde vom Zwangsarbeiter zum Roboter, zum Sklaven, zum Untermenschen“ – zur „Nummer Null“ wird er es später im Gespräch mit Badehaus-Mitarbeiterin Elisabeth Voigt nennen.

Gedenken an den Todesmarsch: Nick Hope (98) überlebte die Tortur

Voigt fragte den 98-Jährigen vor allem nach seinen Erinnerungen an den Todesmarsch. Es war andächtig still im voll besetzten Obergeschoss des Badehauses, als Hope davon erzählte, wie die Wachmänner der SS die Gefangenen zusammentrieben. Was den heute sehr gläubigen Hope immer wieder schockierte: Auf ihrer Uniform trugen die Männer Totenköpfe. Auf dem Gürtel den Schriftzug „Gott mit uns“ – ein zynischer Widerspruch, den Hope nie verstehen konnte. Die ausgehungerten, kraftlosen KZ-Häftlinge wurden zum Marsch angetrieben. Hope wog zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als 40 Kilo, war wie seine Mitgefangenen auch völlig ausgezehrt. Viele Gefangene brachen unter den Strapazen zusammen.

Stehende Ovationen erhielt Hipe für seine eindrucksvolle Schilderung der Ereignisse vor 78 Jahren.

Erinnerungsort Badehaus richtet Gedenkabend aus - „Ich wusste, ich muss weitergehen.“

Wie viele seiner Mithäftlinge kraftlos waren, konnte Hope hören. „Bumm. Bumm. Bumm.“ Es sind Pistolenschüsse, die er im Badehaus nachahmte. Wer nicht mehr aufstehen konnte, wurde von den SS-Schergen erschossen. „Ich wusste, ich muss weitergehen.“ Immer weiter. Wie lange? Das wusste niemand. In einigen Momenten hatte der damals 20-Jährige Angst, ob er den Marsch überleben werde. Er erinnerte sich dann an die Worte seines Großvaters. „Geduld. Geduld.“ Es wurde für den jungen Mann zum Mantra. Und zur Motivation.

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Zwei Nächte verbrachte Hope unter freiem Himmel. Die zweite bei Wolfratshausen in einer Kiesgrube. Am nächsten Morgen veränderte sich die Stimmung. Einige Wachleute rannten davon. Warum, das wusste Hope zu dem Zeitpunkt nicht. „Niemand wusste, was passiert next“, denglischte der 98-Jährige. Zusammen mit einem Leidensgenossen sah er die Chance zur Flucht. Mit letzter Kraft erreichten die Freunde einen Kartoffelacker, nahmen sich, was sie tragen konnten. „Wir sind weitergegangen.“. So lange, bis sie Panzer sahen – amerikanische Modelle. „Wir haben geweint“, erinnert sich Hope. „Wir sind frei. Wir sind frei.“ In diesem Moment der Erzählung wurde die Stille im Badehaus unterbrochen. Einige Zuhörer raunten, atmeten hörbar auf – so intensiv, so hautnah schilderte der Senior seine Erinnerung.

Todesmarsch-Mahnmal: Otto-Ernst Holthaus berichtet bei Gedenken von seinen Erlebnissen zum Weltkriegsende

Die Gedenkveranstaltung, die im Badehaus endete, begann schon nachmittags am Todesmarsch-Mahnmal in Buchberg. Über 100 Menschen trafen sich dort und hörten unter anderem Otto-Ernst Holthaus zu. Er war 14 Jahre alt, als die KZ-Häftlinge an Grünwald vorbei getrieben wurden, wo er aufwuchs. Bitterkalt sei der Tag Ende April gewesen. Was Holthaus am frühen Morgen sah und hörte, „werde ich nie vergessen“. Das Klappern der Holzschuhe auf dem Asphalt. Die Schreie der geschundenen Häftlinge. Die freudlosen Gesichter. Zusammen mit einem Freund versuchte er den Menschen Malzkafee und Brot zuzustecken – bis sie von den SS-Wachleuten angeschrien wurden. „Dieses Erlebnis hat mein ganzes Leben geprägt“, sagt Holthaus. Jahrzehnte später setzte sich Holthaus vehement für die Aufstellung der Todesmarsch-Mahnmale ein.

Ex-Bundestagsabgeordneter Andreas Wagner recherchiert für zweites Buch zum Todesmarsch

Das Gedenken und das stete Mahnen sei wichtig, wie Badehaus-Vereins-Vize Jonathan Coenen in seinem Grußwort erklärte. „Wir dürfen nicht müde werden, an die Gräueltaten zu erinnern, die auf dem Boden stattfanden, auf dem wir heute stehen“, sagte Coenen. Auch Vize-Bürgermeister Günther Eibl betonte: „Wir stellen uns unserer Geschichte.“ Um die Gegenwart und die Zukunft gestalten zu können, müsse man die Vergangenheit kennen. Einnerungsarbeit leistet auch der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken, Andreas Wagner. Der Geretsrieder hat 1995 ein Buch über den Todesmarsch in der Region veröffentlicht – bis heute gilt es als eines der umfassendsten Werke zu diesem Thema. Aktuell arbeite er an einer Fortsetzung. Im Interview mit der Badehaus-Chefin Dr. Sybille Krafft sprach er über die Recherchen. Im Jahr 2025 möchte er sein zweites Werk veröffentlichen.

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