Seit 100 Jahren ist die SPD im Tölzer Stadtrat vertreten. Ein Jubiläum, das keine andere Partei auch nur annähernd erreicht hat.
Bad Tölz – Die SPD kann ein echtes Alleinstellungmerkmal für sich beanspruchen: Als einzige Partei ist sie seit 100 Jahren im Tölzer Stadtrat vertreten. Ortsverbands-Mitglied Josef Förster hat in den vergangenen Monaten in akribischer Arbeit die Geschichte der sozialdemokratischen Mitwirkung in der Stadtpolitik recherchiert und gelangte zu dem Schluss: „Wenn man die jeweiligen Zeiten betrachtet, ist das eine beachtliche Leistung für die Demokratie, die hier vor Ort erbracht wurde. Es gab wahrlich nicht nur schöne Zeiten.“
Das Ergebnis der Nachforschungen stellten die Sozialdemokraten jetzt – gerade noch rechtzeitig vor Ende des Jubiläumsjahrs – in einem Pressegespräch im „Kolberbräu“ vor.
Der erste Tölzer Stadtrat wurde am 15. Juni 1919 bestimmt, und zwar erstmals nach demokratischen Grundsätzen in freier, allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl. Der Stadtrat löste das in der Monarchie bestehende Gemeindekollegium und den Stadtmagistrat ab und bestand aus 17 Mitgliedern.
Erster Tölzer Stadtrat hatte 1919 17 Mitglieder
Die örtliche SPD war bereits 1907 als Sozialdemokratischer Verein Tölz gegründet worden. Vier Pioniere schafften den Einzug in den Stadtrat: der Dekorationsmaler Michael Deschermeier, der heuer vom aktuellen Stadtrat mit der Widmung eines Weges am Isarufer eine späte Ehrung erhalten hat, der Wäschereibesitzer Georg Bayerle, der Zimmermann Dominikus Niggl und der Gütler Georg Großthanner.
Zwei von ihnen, Deschermeier und Niggl, zogen auch in den nächsten Stadtrat wieder ein. Die Amtszeit betrug damals von fünf Jahre. Ihre aktive Zeit wurde 1933 jäh beendet, als sie wegen des bevorstehenden Parteiverbotes auf ihre Ämter verzichteten. Die amerikanische Besatzungsmacht setzte Deschermeier nach dem 2. Weltkrieg als 2. Bürgermeister ein. Diese Tätigkeit konnte er aber nur kurz ausüben, da er im November 1945 starb.
Deschermeier zählte zu den Pionieren
1946 wurde ein neuer Stadtrat gewählt, und der kurz vorher wiedergegründete SPD-Ortsverein war mit vier von 20 Sitzen vertreten. Als die Tölzer 1948 erneut zu den Urnen gerufen wurden, trat auf der Liste der sozialdemokratischen Stadträte Georg Streicher in Erscheinung. Er war nicht nur bei der Wiedergründung aktiv beteiligt, er war auch bis 1952 2. Bürgermeister. Ebenfalls neu zog der Fahrlehrer Ernst Thissen in das Gremium ein. Er sollte es auf insgesamt 38 Jahre im Stadtrat bringen. Bei älteren Tölzern ist er bis heute unvergessen. Zudem erinnert der Steg an der Isarlust an sein Engagement. Vier Jahre war er stellvertretender Landrat. 1966 konkurrierte er mit Gregor Schöttl (CSU) um das Bürgermeisteramt.
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1966 schaffte Georg Eberl den Sprung in den Stadtrat. Nach seiner Zimmererausbildung war er seinerzeit noch Krankenpflege-Assistent und Kapitän der ECT-Meistermannschaft. Eberl brachte es mit einer Unterbrechung von 1978 bis 1984 auf 42 Jahre im Stadtrat und ist der älteste heute noch lebende Ex-SPD-Stadtrat.
Die erste Frau in der Riege der SPD-Stadtratsmitglieder war 1956 die Sekretärin Gusti Fischer, gefolgt von Christa Harrer, die 1972 zum ersten Mal gewählt wurde, es 1984 beinahe zur Bürgermeisterin geschafft hatte und ab 1978 die SPD-Farben 20 Jahre lang im bayerischen Landtag vertrat. Die dritte Frau in diesem Bunde ist die amtierende Stadträtin Camilla Plöckl.
Gusti Fischer war die erste Frau im SPD-Stadtrat
„Dass es bisher nur drei Frauen für die SPD in das Gremium schafften, ist wahrlich kein Grund zur Freude“, sagte der amtierende Stadtrat Willi Streicher. „Schließlich war in unserer Partei schon früh die Gleichberechtigung im Programm verankert.“
Ihre beste Zeit hatte die SPD in der Amtszeit von 1972 bis 1978, als acht Genossinnen und Genossen gewählt wurden. Heute sind es mit Camilla Plöckl, Jürgen Renner und Willi Streicher nur mehr drei von 24.
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Mit die längste Amtszeit hatte der unvergessene Franz Fritzmeier mit 33 Jahren. Er starb 2005 als aktiver Stadtrat. Insgesamt waren es 32 Tölzer Frauen und Männer, die sich in den 100 Jahren als SPD-Stadträte engagierten.
Willi Streicher, der zusammen mit Josef Förster die 100-jährige Stadtrats-Geschichte der Tölzer SPD erarbeitet hat, ist überzeugt, dass trotz der gegenwärtigen Krise der Partei ihre Ideale auch weiterhin Bestand haben: „Auch wenn im Moment – insbesondere für viele junge Menschen – die Sorge um das Klima im Vordergrund steht: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Mindestlohn, Gleichstellung und vieles mehr werden auch zukünftig Bausteine einer Demokratie sein müssen.“
Sozialdemokraten setzen weiterhin auf ihre Ideale
Mit der Wahl am 15. März 2020 will die Tölzer SPD ihrer Stadtratsgeschichte weitere sechs Jahre hinzufügen. Als einziger der amtierenden Mandatsträger tritt Willi Streicher wieder an. Mit ihm stehen wie berichtet 21 weitere sozialdemokratische Bewerber auf der Kandidatenliste – angeführt von Bürgermeister-Kandidat Michael Ernst.
(Karl Bock)
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