VonSusanne Weißschließen
Wasserstoff als klimafreundlicher Energieträger ist auch für Tyczka in Geretsried ein Thema. Im Interview spricht Thomas Zorn über das neue Geschäftsfeld.
Geretsried – Bundeskanzler Olaf Scholz sieht Wasserstoff als das Gas der Zukunft. Das sogenannte Öl des 21. Jahrhunderts soll eine klimafreundliche Zukunft ermöglichen. Seit der Energiekrise steht der grüne Energieträger im Fokus, beim Geretsrieder Mittelständler Tyczka ist er schon ein Geschäftszweig. Im Interview gibt Thomas Zorn, Geschäftsführer der Tyczka Hydrogen GmbH, einen Einblick in das Start-up im Traditionsunternehmen.
Tyczka Traditionsunternehmen baut Geschäftszweig Wasserstoff aus
Herr Zorn, warum glauben Sie an Wasserstoff?
Thomas Zorn: Der allerwichtigste Grund für mich ist die Frage, wie wir unser Energiesystem mit Blick auf den Klimawandel umbauen. Wenn ich mehr Windräder aufstelle und mehr Photovoltaik-Anlagen baue, kann ich das Stromnetz zwar sukzessive von den Fossilen befreien. Aber die fundamentale Herausforderung ist, was ich mache, wenn es bewölkt ist, oder Nacht und kein Wind weht. Ich muss den erneuerbaren Strom flexibilisieren, damit er rund um die Uhr nutzbar ist. Das geht nur mit einem speicherbaren Molekül. Und das Molekül ist Wasserstoff.
Wieso hat Tyczka das Thema aufgegriffen?
Zorn: Neben unserem Geschäft mit Industriegasen basiert heute ein wesentlicher Teil des Geschäfts von Tyczka auf fossilen Energien. Wir verkaufen seit fast 100 Jahren Flüssiggas. Das hierzulande erhältliche Flüssiggas stammt aus der Erdgas- und Rohölförderung und fällt als natürlicher Bestandteil des Rohöls in der Raffinerie als Begleitprodukt an. Somit stehen auch wir als Unternehmen vor der Herausforderung der Energiewende. Das ist für uns aber nichts Negatives. Wir sind ein Energieunternehmen. Die Branche hat sich immer verändert, Tyczka verändert sich mit.
Wieso genau Wasserstoff?
Zorn: Wasserstoff kommt klassischerweise aus dem Industriegasebereich und wird dort schon lange beherrscht. Ohne Wasserstoff würden viele Dinge bereits heute nicht funktionieren. Margarine zum Beispiel ist nichts anderes als gehärtetes Pflanzenöl – das passiert mit Wasserstoff. Und Wasserstoff ist eben auch ein Speichermedium für erneuerbaren Strom. In der Tyczka-Unternehmensgruppe kennen wir uns sowohl mit Energiegasen als auch mit Industriegasen aus – das Thema Wasserstoff passt also perfekt zu uns.
Tyczka beliefert bereits Kunden mit Wasserstoff
Bis zur Gründung der Tyczka Hydrogen GmbH hat das Unternehmen auf andere Energieträger gesetzt. Wie ist der Start im neuen Geschäftsbereich gelungen?
Zorn: Das Wesentliche ist, dass die Unternehmerfamilie Tyczka von diesem Schritt überzeugt war. Tyczka hat 1924 angefangen, Sauerstoff zu verkaufen. Es war ein klassisches Start-up, auch wenn es damals nicht so hieß. Im Grunde sind wir jetzt wieder an so einem Punkt. Der Vorteil ist aber, dass wir auf die bestehenden Strukturen der Firma zurückgreifen können. Seit 2021 bauen wir den neuen Geschäftsbereich intensiv auf und auch wenn der Bereich noch relativ neu ist, sind wir bereits jetzt sehr gut unterwegs.
Was heißt das?
Zorn: Man kennt uns mittlerweile, wir liefern bereits heute Wasserstoff aus und werden aktiv von Kunden angesprochen. Bereits ein halbes Jahr nach unserem Start haben wir uns mit Unterstützung aus unseren anderen Abteilungen im Haus entschieden, uns an einer der ersten Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff in Südbayern zu beteiligen. Sie entsteht in Pfeffenhausen in Niederbayern (siehe Kasten). Ein weiteres Projekt, wo unsere Aktivitäten greifbar werden, ist eine Wasserstofftankstelle für Nutzfahrzeuge. Diese werden wir im Güterverkehrszentrum Augsburg bauen. Die Inbetriebnahme ist für das erste Quartal 2024 geplant.
Warum für Nutzfahrzeuge?
Zorn: Wir glauben, Wasserstoff wird zunächst vor allem in der Industrie und Mobilität zum Einsatz kommen. Für den Schwerlastverkehr ist Wasserstoff die Lösung. Nutzfahrzeuge haben eine große Reichweite. Sie sollen genutzt werden und nicht an der Ladesäule stehen. Aber eben auch nicht mehr mit Diesel fahren.
Sie beliefern bereits Kunden mit Wasserstoff. Um welche Einsatzbereiche handelt es sich dabei?
Zorn: Wir haben zum Beispiel einen Kunden, der Rasierklingen herstellt. Er braucht zum Härten dieser Rasierklinge eine Schutzgasatmosphäre, die aus Stickstoff und Wasserstoff besteht. Ein anderer Kunde behandelt Sinterbauteile thermisch nach (aus Metall gepresste Werkstücke für verschiedene Branchen, Anm. d. Red.). Wir haben auch Kunden in der Forschung und Entwicklung, die sich mit synthetischen Kraftstoffen befassen. Dafür brauchen sie neben Kohlenstoff auch Wasserstoff. Unser Wasserstoff kommt auch beim Testen von Motoren und Brennstoffzellen zum Einsatz. Noch in diesem Jahr, werden zudem künftig auch MVV-Busse im Landkreis München mit dem grünen Wasserstoff, der in Pfeffenhausen produziert werden wird, betankt.
Experte: Es gibt noch zu wenig Wasserstoff für den Massenmarkt
Woher kommt der Wasserstoff?
Zorn: In der Vergangenheit und auch heute noch zu großen Teilen aus industriellen Quellen, das heißt aus Produktionswerken, die als Nebenprodukt Wasserstoff erzeugen. Es entsteht beispielsweise in der Chlorherstellung für die Kunststoffindustrie. Sehr häufig ist auch die Dampfreformierung von Erdgas, wo gezielt Wasserstoff für die Prozessindustrie hergestellt wird. Das ist aber natürlich nicht das, wo wir hinwollen. Neben der eigenen Quelle, die wir gemeinsam mit Partnern in Pfeffenhausen aufbauen, haben wir auch heute Zugriff auf Quellen für grünen Wasserstoff. Unser Ziel für die Zukunft ist es, ein eignes Netz von grünen Quellen aufzubauen.
Welche Probleme gibt es beim Wasserstoff als Energieträger?
Zorn: Von Problemen sprechen wir normal nicht, höchstens Herausforderungen. Technisch kann man im Energiebereich mit Wasserstoff alles machen, was man möchte. Im Grunde lässt sich jeder andere Energieträger durch Wasserstoff ersetzen. Es ist nur noch nicht in allen Bereichen wirtschaftlich. Wenn es ein Problem gibt, ist es, dass es noch zu wenig Wasserstoff für den Massenmarkt gibt. Die Antwort darauf ist klar. Es muss mehr investiert werden. Nur eine chemische Prozessanlage baue ich nicht von jetzt auf gleich, und der Umbau vom Energiesystem geht nicht von heute auf morgen. Aber ich muss auch ganz klar sagen, ich mache jetzt seit 13 Jahren Wasserstoff in verschiedenen Funktionen, und finde, das Thema und die Branche sind schon weit gekommen.
Wasserstoff-Unternehmen brauchen stabilen regulatorischen Rahmen
Was muss politisch passieren, um noch weiter zu kommen?
Zorn: Damit mehr investiert wird, braucht es einen stabilen regulatorischen Rahmen. In Europa gibt es viel politischen Willen und Handlungsdruck. Positiv ist der delegierte Rechtsakt der Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die die Europäische Union Mitte Februar erlassen hat. Dieser muss noch ins deutsche Recht übersetzt werden und wir müssen abwarten, ob sie auch einfach und handhabbar wird. Aber damit wird definiert, mit welcher Art von grünem Strom ich grünen Wasserstoff erzeuge. Das war bislang rechtlich unklar. Was man natürlich noch machen könnte, ist die fossilen Alternativen zu verteuern oder zu regulieren – natürlich immer mit Augenmaß für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung.
Wie geht es für das Unternehmen Tyczka weiter? Wird es perspektivisch eine Tankstelle am Hauptsitz in der Stadt Geretsried geben?
Zorn: Natürlich gibt es solche Überlegungen immer wieder. Es wäre schön, eine Betriebshoftankstelle zu haben. Aber wir müssen überlegen, wohin wir unsere Projekte jetzt bauen. In Geretsried haben wir nicht so viel Schwerlastverkehr wie beispielsweise in einem Logistikzentrum. Deswegen ergibt es aktuell in Augsburg mehr Sinn. Darüber hinaus haben wir noch mehr im Köcher, aber darüber können wir erst sprechen, wenn es entschieden ist. Wir sind auf Wachstumskurs. Es ist eine spannende Reise als Unternehmen.
Das Gespräch führte Susanne Weiß.
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Tyczka baut grüne Wasserstoffquelle und Tankstelle
In Pfeffenhausen bei Landshut entsteht die erste grüne Wasserstoffquelle in Südbayern. Die Wasserstoffproduktion und -Abfüllung wird errichtet von der Hy2B Wasserstoff GmbH. An ihr beteiligt sind neben der Tyczka Hydrogen GmbH die Hynergy Invest GmbH, BayWa AG, der Landkreis Landshut sowie drei Bürger-Energiegenossenschaften. Der neue Hy2B-Elektrolyseur soll noch dieses Jahr mit einer nominalen Anfangsleistung von knapp fünf Megawatt pro Jahr bis zu 700 Tonnen grünen Wasserstoff erzeugen. Er soll unter anderem Wasserstoffbusse des Landkreises München Land versorgen. Der grüne Wasserstoff soll aber beispielsweise auch für Anwendungen im Schwerlastverkehr oder der Industrie zur Verfügung stehen.
Das aktuell zweite Projekt der Tyczka Hydrogen GmbH ist eine Tankstelle für grünen Wasserstoff im Güterverkehrszentrum Augsburg. Ab Anfang 2024 soll die Tankstelle Wasserstoff in den Druckstufen 350 und 700 bar anbieten. Die Tankstelle kann Nutzfahrzeuge, Busse und Pkw versorgen.
