VonThomas Steinhardtschließen
Rund ein halbes Jahr ist vergangen, seit die Ukraine angegriffen wurde. Etliche Menschen aus dem Land flohen auch in den Landkreis. Wie finden sie sich zurecht?
Landkreis – Offiziell leben derzeit 2297 geflüchtete Ukrainer im Landkreis. Die meisten sind in privaten Unterkünften untergekommen, nämlich 1769. Etwas über 500 Ukrainer leben in den Unterkünften des Landkreises etwa in Bruck, Germering, Moorenweis, Maisach und Olching. In Emmering ist gerade eine weitere größere Unterkunft fertig geworden.
Im Jobcenter
Wurden die Flüchtlinge zunächst nach dem Asylbewerberleistungsgesetz betreut, so wurde die Zuständigkeit in den vergangenen Wochen ins Jobcenter oder Sozialamt überführt. Anders als viele zunächst befürchtet hatten, funktionierte das im Landkreis vergleichsweise schnell. Der sogenannte Rechtskreiswechsel ist abgeschlossen, berichten Landratsamt und Jobcenter übereinstimmend.
Beim Jobcenter sind nun um die 1600 Ukrainer gemeldet, 1000 davon gelten als so genannte erwerbsfähige Leistungsberechtigte, wie Jobcenter-Chefin Claudia Baubkus erklärt. Das heißt: Auf den ersten Blick betrachtet, könnten diese 1000 Geflohenen auf dem Arbeitsmarkt vermittelt werden – und genau daran arbeitet man im Jobcenter derzeit. Viele der Ukrainer gelten als sehr arbeitswillig.
Viele sind gut ausgebildet und bei der Digitalisierung sind sie dem gemeinen deutschen Arbeitnehmer teils sogar ein Stück voraus, wie Baubkus schildert. Das Hauptproblem aber ist die Sprachbarriere. Nur wenige (111 von den genannten 1000) können (etwas) Englisch, kaum jemand kann Deutsch. Dazu kommt: Manche Geflüchtete, gerade die Älteren, wollen wieder zurück in ihr Land und verwenden so wenig Engagement auf Integration. Andere dagegen, gerade Jüngere, wollen hierbleiben. Außerdem beim Jobcenter angesiedelt: 95 zwischen 15- und 25-Jährige. Oberstes Ziel hier: Spracherwerb und Ausbildung.
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Wie die Chefin des Jobcenters erzählt, habe man gerade für diese Personen Gruppeninformationen angeboten, die auf großes Interesse stießen. „Da kommen 100 Prozent der Eingeladenen plus X, weil sie noch Bekannte mitbringen“, sagt Baubkus. In früheren Flüchtlingsbewegungen war das im Übrigen nicht immer so. Ukrainer gelten als absolut zuverlässig und pünktlich.
Unter den Geflüchteten seien viele Frauen mit Kindern – und aus ihrem Heimatland seien sie gewohnt, dass am Arbeitsplatz Kinderbetreuung angeboten wird. Hier dagegen müssten sich die Frauen selbst um Betreuungsmöglichkeiten kümmern. Das sei oft gelungen. Eine neue Situation sei es für die geflüchteten Frauen aber doch auch.
Messe geplant
Derzeit haben 80 Ukrainer eine sozialversicherungspflichtige Arbeit. 41 sind geringfügig beschäftigt, zwei haben eine Ausbildung begonnen. Viele Ukrainer seien bereit, unter ihrer Qualifikationsstufe zu arbeiten. Das Jobcenter plant daher eine Art Jobmesse im Oktober: Hier sollen Unternehmer und Geflüchtete zusammen kommen. Unternehmen würden bei der Anstellung unterstützt. Baubkus ist überzeugt: Das Beste, um die Sprachbarriere abzubauen, sind Deutschkurse plus gleichzeitigem Beschäftigungsverhältnis. Viele Geflüchtete hätten medizinische Berufe. Anerkennungsverfahren aber dauerten ihre Zeit. Man versuche, die Integration in den Arbeitsmarkt trotzdem zu beschleunigen. Viele seien im Moment eher im Helferbereich tätig, etwa in der Gastro. Gleichzeitig gibt es auch Fälle wie den einer IT-Spezialistin, die dank bester Englischkenntnisse sofort durchstarten konnte. Insgesamt gilt landläufig: Je besser die Sprache, desto besser gelingt Integration.
Der Amperpark steht bereit
Viele Ukrainer leben weiterhin in privaten Unterkünften. Trotzdem ist das Landratsamt weiter bemüht, Unterkünfte zu akquirieren. Mit dem Amperpark in Emmering wurde zuletzt eine relativ große Unterkunft bezugsfertig. Hier gibt es Platz für etwa 280 Geflüchtete.
Den Amperpark mietete das Landratsamt zu einem Zeitpunkt an, als ein „sehr dynamisches Zuzugsgeschehen mit wöchentlich zwei Bussen“ herrschte, wie es im Amtsdeutsch heißt. Sprich: Es kamen immer mehr Flüchtlinge und man brauchte möglichst große Lösungen.
Dann gingen die Zahlen aber zurück. Der Amperpark sei grundsätzlich als reine Notfall-Unterkunft zu betrachten, erklärt nun eine Sprecherin des Landratsamts auf Nachfrage. Belegt werde der Amperpark nur bei steigenden Zugangszahlen sowie gleichzeitigen Kapazitätsengpässen in den Bestandsunterkünften des Landratsamtes.
Die Regierung von Oberbayern habe bereits Zuweisungen ohne Ukrainebezug in den Landkreis angekündigt: Es kommen also auch wieder mehr andere Flüchtlinge. „Es wird mit Ende der Sommerferien mit ersten Zuweisungen gerechnet. Wenn eine Belegung des Amperparks dann in Betracht gezogen würde, würden wir als erstes auf den Bürgermeister zugehen.“
Zuletzt meldeten sich etwa 20 bis 30 Personen wöchentlich bei der dezentralen Anlaufstelle in Maisach. Das waren Personen, die ihre von Privatleuten bereitgestellte Wohnung verlassen mussten – und nunmehr durch den Landkreis in einer dezentralen Unterkunft untergebracht werden mussten. Insgesamt waren dies – seit Beginn unserer Aufzeichnungen im Juni 2022 – etwa 150 bis 200 Personen.
Insgesamt gilt der Wohnungsmarkt im Ballungsraum München weiter als angespannt. Um die 500 Geflüchtete, die nicht in einer Privatwohnung untergekommen sind, leben derzeit zur Vermeidung von Obdachlosigkeit in Unterkünften des Landkreises. „Mit weiteren Abwanderungen aus Privatwohnungen in die dezentralen Unterkünfte des Landkreises ist zu rechnen“, heißt es beim Landratsamt. Für ukrainische Geflüchtete müssten somit auf unbestimmte Zeit Kapazitäten im Landkreis vorgehalten werden. Die Anmietung/Akquise von zusätzlichem Wohnraum durch das Landratsamt für neu zuziehende Flüchtlinge (auch aus anderen Drittstaaten), Fehlbeleger sowie Familiennachzug zu anerkannten Flüchtlingen sei dadurch erforderlich.
Zuletzt waren beim Landratsamt 195 Anträge ukrainischer Flüchtlinge auf Sozialhilfe eingegangen. Bis auf wenige Ausnahmefälle seien alle Anträge abgearbeitet, heißt es beim Landratsamt.
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