Selbsthilfegruppe in Hausham

Ukraine-Geflüchtete: Psychologe aus Kiew und vhs-Mitarbeiterin aus Hausham analysieren Traumata

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Im Kindergarten Regenbogen in Hausham treffen sich jeden zweiten Freitag Ukrainer zur Selbsthilfe. Pavlo Lushyn und Iryna Titov leiten die Gruppe.
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Ein Psychologie-Professor aus Kiew und eine vhs-Mitarbeiterin aus Hausham leiten eine Selbsthilfegruppe für Geflüchtete. Die Traumata haben sie in sechs Gruppen kategorisiert.

Hausham – Vor 21 Jahren ist Iryna Titov aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert. Geholfen hatte ihr Pavlo Lushyn (65), promovierter Psychologe. Der Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität für Management und Psychologie in Kiew floh nun vor dem Krieg – und kam bei Titov in Hausham unter (wir berichteten). Gemeinsam leiten der Professor und die 40-jährige vhs-Mitarbeiterin eine Selbsthilfegruppe für Ukrainer.

„Drei Monate sind vergangen“, schreibt Titov in einer Mitteilung. „Jetzt verstehe ich: Auswandern unterscheidet sich erheblich von der plötzlichen Entscheidung, sich durch Flucht in ein fremdes Land zu retten.“ Sie selbst stehe vor einer neuen Herausforderung, sagt Titov. „Unsere ukrainischen Bürger haben angefangen, Eigenschaften zu zeigen, die für mich unerwartet waren – in einem erheblichen Spektrum.“ Dieses Spektrum hat Titov gemeinsam mit Lushyn in sechs Gruppen eingegrenzt. Das hilft, um zu verstehen, wie es Ukrainern derzeit geht.

Traumatisierte, die Zukunftssorgen haben

Die meisten Ankömmlinge hätten nicht geahnt, jemals fliehen zu müssen, glaubt Titov. Sie würden sich über die Ereignisse in der Ukraine informieren. „Aber das Wichtigste für sie ist, ihre eigenen Traumata zu überleben und nach Hause zurückzukehren.“ Neben Dankbarkeit für die angebotene Hilfe entstehe bei ihnen auch Ärger. „Ich muss eine neue Sprache lernen, neue Gesetze, neue Lebensregeln, die in Zukunft höchstwahrscheinlich nutzlos sein werden“, erklärt Titov das Denken vieler Geflüchteter.

Dankbare, die auf ein Wunder warten

„Die zweite Gruppe ist dem Gastland aufrichtig dankbar“, sagt die 40-Jährige. Aber: „Wenn ein Fremder an die Tür klopft und fragt, ob sie etwas brauchen, hat der Ukrainer ein Problem mit ihm.“ Diese Gruppe wolle ihren gesellschaftlichen Status in der Ukraine und ihre bisherige Lebensweise behalten.

„Sie streben danach, all dies nach Deutschland zu übertragen – und zwar in möglichst kurzer Zeit.“ Funktioniere dies nicht, sei das schmerzhaft und Grund für Depressionen oder anhaltenden Stimmungsabfall. Einer solchen Person zu helfen, sei schwierig. „Es scheint, dass sie jede Unterstützung ablehnt und stattdessen auf ein Wunder wartet.“

Realisten, die sich anpassen möchten

Die dritte Gruppe, laut Titov meist „Menschen bis 40 Jahre“, wolle sich in aktiv Deutschland verwirklichen. „Sie stimmen jeder Arbeit zu, auch gering qualifizierter.“ Sie sehen sich weniger Nachrichten an. „Anpassung ist für sie dringender als die Rückkehr in ihr Heimatland.“ Ihre Kinder würden deutsche Schulen besuchen. „Man kann nicht sagen, dass sie Pessimisten sind oder nicht an das Wohlergehen ihres Landes glauben.“ Vielmehr seien sie Realisten.

Pragmatiker, die von Tag zu Tag leben

Der nächsten Gruppe ordnet Titov diejenigen zu, die von einem Tag zum anderen leben. „Sie sind praktisch unter allen Bedingungen glücklich, solange keine Lebensgefahr besteht.“ Wenn etwas fehle, würden sie danach fragen, wenn etwas nicht verfügbar sei, abwarten – und wenn das Leben an gewohnter Qualität verliere, würden sie „höchstwahrscheinlich in andere Länder ziehen oder in die Ukraine zurückkehren“ – sofern der Krieg beendet sei.

Heimatverbundene, die zurück möchten

„Es gibt Ukrainer, denen die Rückkehr in ihre Heimat besonders am Herzen liegt“, sagt Titov – und meint die fünfte Gruppe, die sie in der Selbsthilfegruppe mit Lushyn beobachtet hat. Ein Leben im Ausland sei nicht ihre Wahl. Ihre Erfahrungen mit der erzwungenen Migration ohne Fremdsprachenkenntnisse würden ihre Position bestätigen. Die einzige Sorge während des vorübergehenden Aufenthalts: den Verpflichtungen gegenüber dem deutschen Staat nachzukommen. „In diesem Fall ist die Aufgabe eines Helfers die einfachste“, meint Titov. „Ich helfe, Verpflichtungen zu erfüllen.“

Ukrainer, die viele Merkmale vereinen

In die letzte Gruppe fasst Titov die, die viele Merkmale vereinen. Sie hätten Ablehnung erfahren, würden aber beginnen, eine Zukunft zu sehen und Selbsthilfe betreiben. „Sie unterstützen und helfen, wo sie können.“

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