VonDoris Schmidschließen
Am 24. Februar brach der Krieg in der Ukraine aus. Aus Angst um ihr Leben verließen Tausende Menschen ihr Heimatland. Zuflucht fanden sie auch im Landkreis. Unsere Zeitung bat vier Frauen, ihre Erlebnisse und Erfahrungen aufzuschreiben. Heute: Anna Smetanjuk.
Wolfratshausen - Mein Name ist Anna Smetanjuk. Ich bin 32 Jahre alt und komme aus Mangush, einem Dorf in der Nähe der Stadt Mariupol. Ich habe mein ganzes Leben in Mangush gelebt, in Mariupol studiert und gearbeitet.
Ehemann ist Offizier beim Militär
Der 24. Februar begann für mich mit Telefonaten. Es waren keine Explosionen zu hören. Aber in der ganzen Ukraine war bereits viel Infrastruktur zerstört. Mein Mann Ivan ist Militäroffizier. Er machte sich mit seinen Kollegen sofort auf, um die Verteidigungslinie in der Nähe der Stadt zu besetzen. Die gesamte 36. Marine-Brigade, in der mein Mann dient, war die Erste, die Mitte Februar die Verteidigung übernommen hatte, als der Beschuss aus den zuvor besetzten Gebieten immer schlimmer wurde. Ein paar Tage konnte ich zu meinem Mann Kontakt halten. Dann störten russische Truppen das Mobilfunknetz, und wir hatten keine Gelegenheit mehr, miteinander zu sprechen.
Die russischen Panzer rückten immer näher an Mangush und Mariupol heran. Ab 2. März gab es aufgrund des Beschusses auch keinen Strom und kein Wasser mehr. Um 9.40 Uhr flogen an diesem Tag zwei russische Kampfflugzeuge im Tiefflug über das Haus von Freunden, wo ich mich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Die Decke stürzte ein. Wir liefen in den Keller und harrten dort aus. Gegen 11 Uhr wurde die Bevölkerung von den russischen Truppen mit einem „Hagel“ beschossen. Als wir später sahen, was damit angerichtet wurde, waren wir entsetzt. In der Nähe der Häuser lagen Leichen, darunter ein sechsjähriges Mädchen. Häuser waren zertrümmert, Geschäfte niedergebrannt. Eine Granate hatte in das Dach der Wohnung eingeschlagen, die mein Mann und ich im März 2021 gekauft hatten.
Mariupol steht in Flammen
Nach dem 2. März beobachteten wir, wie alle fünf Minuten russische Flugzeuge nach Mariupol flogen und Luftbomben auf Häuser und Zivilisten abwarfen. Die Stadt stand in Flammen. Meine 85-jährige Großmutter, mein Mann und seine Brüder waren dort. Ich war sehr aufgewühlt. Manchmal hatte ich das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Wenige Tage später wurde die Gasversorgung unterbrochen, telefonieren war auch nicht mehr möglich. Wasser holten wir aus einem Brunnen, Essen wurde über einem Lagerfeuer gekocht. Wegen der lauten Granatenexplosionen konnten wir kaum schlafen.
Am 12. März konnte ich endlich kurz mit meinem Mann telefonieren. Wir konnten uns gerade noch sagen, dass wir am Leben waren, dann wurde die Verbindung gekappt. Das russische Militär ging von Haus zu Haus und führte eine Volkszählung durch. Menschen, die die Ukraine unterstützten, verschwanden. Dann wurden sie tot aufgefunden. Wir beschlossen, das besetzte Gebiet zu verlassen.
Am 21. März gelang mir zusammen mit meinen Freunden die Ausreise, nachdem wir 19 russische Kontrollpunkte passiert hatten. Ich wollte zu Verwandten meines Mannes. Am 24. März kam ich dort an. Ich war in relativer Sicherheit und konnte endlich wieder ukrainische Luft atmen. Doch noch am gleichen Tag setzten bei mir Blutungen ein – ich war schwanger. Ärzte untersuchten mich und teilten mir mit, dass ich das Kind verloren hatte.
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Ende März gelang es meinem Mann, mich anzurufen. Er sagte mir, ich solle umgehend nach Deutschland zu seiner Mutter fahren. Am 1. April verließ ich die Ukraine in Richtung BRD. Ich kam im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen unter und wohne jetzt in Wolfratshausen.
Mann und Kameraden von russischen Truppen umzingelt
Einfach schrecklich war der 12. April für unsere ganze Familie. Mein Mann rief mich an und sagte, dass er, während er zusammen mit seinen Kameraden im Hüttenwerk in Mariupol ausharrte, von russischen Truppen umzingelt und gefangen genommen wurde. Bis heute ist uns sein Schicksal und das seiner Kameraden nicht bekannt. Jeden Tag kontaktiere ich diverse Organisationen, schreibe Anfragen, schaue auf russischen Websites nach. Aber ich kann nirgends einen Hinweis auf meinen Mann finden.
Jetzt helfe ich zusammen mit anderen Angehörigen von Kriegsgefangenen dem Militär in der Ukraine. Wir kaufen Thermounterwäsche, Socken und Mützen, und wir finanzieren die Wartung von Fahrzeugen. Wir helfen auch Verwundeten in Krankenhäusern mit Kleidung und Hygieneartikeln.
Unterstützung von Kriegsgefangenen
In Wolfratshausen fühle ich mich wohl. Ich danke der deutschen Regierung für die Hilfe und Unterstützung, die ich bekomme. Aber ich möchte so schnell wie möglich in die Ukraine zurückkehren. Mein Land ist mein Zuhause. Und ich mache mir große Sorgen um meinen Mann.
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