„Nachfrage deutlich gestiegen“

Hype um die Abnehmspritze: Ärzte und Apotheker warnen vor leichtsinnigem Umgang – und Nebenwirkungen

+
Die Nachfrage übersteigt mittlerweile das Angebot: Dajana Kovacevic, Apothekerin unter Aufsicht, in der Katharinen-Apotheke in Unterhaching zeigt eine Packung des Diabetes-Medikaments Ozempic, das mittlerweile auch als Abnehm-Spritze bekannt ist.
  • schließen

Der Hype um die Abnehmspritze hat inzwischen auch den Landkreis München erreicht. Ärzte und Apotheker allerdings warnen vor einem unbedachten Umgang mit dem Mittel Ozempic. 

Landkreis – Seitdem Tech-Unternehmer und Milliardär Elon Musk mithilfe von Ozempic deutlich abgenommen hat und auch bei Hollywood-Stars die Pfunde purzeln, sorgt das Diabetes-Medikament weltweit für Schlagzeilen. Der andauernde Rummel um die Abnehm-Spritze hat aber seine Schattenseiten: Wegen der deutlich gestiegenen Nachfrage kommt es auch im Landkreis zu Lieferengpässen. Deshalb appellieren Apotheker, verantwortungsvoll mit dem Mittel umzugehen – zumal der darin enthaltene Wirkstoff Semaglutid nicht jedes Gewichtsproblem lösen kann. „Das ist keine Wunderspritze“, betont Constantin Rau von der Katharinen-Apotheke in Unterhaching.

Hype um Abnehmspritze: Nachfrage übersteigt seit Monaten das Angebot

Dr. Klaus Straßburg, Facharzt für Allgemeinmedizin in Unterhaching kennt das Problem: „Ein Patient musste Dutzende Apotheken abklappern, bis er Ozempic bekommen hat.“ Auch Rau und seine Mitarbeiter müssen immer wieder Kunden vertrösten, die auf das rezeptpflichtige Medikament, das man sich einmal in der Woche spritzen muss, angewiesen sind. Denn die Nachfrage übersteigt seit Monaten das Angebot. Und die Lieferzeiten seien völlig unkalkulierbar, sagt Rau. Deshalb könne er den Leuten auch keine festen Zusagen machen, wann das Medikament in seiner Apotheke wieder verfügbar ist.

Ines Esser von der Sonnen-Apotheke in Aschheim führt schon seit rund einem halben Jahr eine Warteliste. „Im Januar hatten wir noch ganz normale Zahlen“, erinnert sie sich, „Danach ist die Nachfrage deutlich gestiegen.“Mit teilweise extremen Auswüchsen. „Uns haben sogar Leute Geld angeboten, damit sie in der Warteliste nach vorne rutschen“, erzählt Esser.

Wirbel um Ozempic: So funktioniert die Abnehmspritze

Doch warum ist Ozempic plötzlich so gefragt? „Ozempic ist ein sehr wirksames Medikament für Menschen mit schwer einstellbarem Diabetes Typ 2“, erklärt Straßburg. Es erhöhe die Insulinwirksamkeit, senke so den Blutzuckerspiegel und schütze die Gefäße. Dazu kommt der durch den enthaltenden Wirkstoff Semaglutid entstehende Abnehm-Effekt. „Das Hungergefühl wird gesenkt, der Stoffwechsel angeregt“, erklärt Rau. So könnten gerade bei adipösen Patienten, also Menschen mit deutlichem Übergewicht, innerhalb relativ kurzer Zeit gute Erfolge beim Abnehmen verzeichnet werden. Einen nachhaltigen Effekt habe das Medikament aber nicht. „Setzt man es ab und fällt in alte Verhaltensmuster zurück, nimmt man wieder zu“, prophezeit Rau.

Ähnlich sieht es Esser. Sie hält es zwar für richtig, Menschen, die stark übergewichtig sind, den Zugang zu dem Präparat zu ermöglichen. Speziell für diese Fälle sei auch mittlerweile das höher dosierte Mittel Wegovy zugelassen worden. „Aber die Spritze allein ist nicht die Lösung“, betont die Apothekeninhaberin: „Dazu gehören auch Verhaltensänderungen.“ Die Betroffenen müssten sich gesünder ernähren und mehr bewegen, konkretisiert Rau.

Warnung vor Nebenwirkungen der Abnehmspritze

Eine Überwachung der Patienten beim Abnehmen sei unerlässlich, betont Straßburg. Deshalb verschreibt er Ozempic nur Diabetikern: „Bei unseren vielen Patienten, könnten wir die regelmäßige Kontrolle beim Abnehmen gar nicht leisten.“ Esser warnt auch wegen der Nebenwirkungen vor einem sorglosen Umgang mit den Semaglutid-Medikamenten. Zu nennen sind hier unter anderem Verdauungsprobleme, Übelkeit und Schwindel. Dem Verdacht, dass die Einnahme dieser Mittel auch Schilddrüsenkrebs begünstigen könnte, geht mittlerweile die EU-Arzneimittel-Aufsichtsbehörde nach.

Fragt sich zuletzt, wie es aufgrund der geltenden Bestimmungen überhaupt sein kann, dass immer mehr Menschen mit Ozempic-Rezepten an der Apotheken-Theke stehen. „Bekommen wir ein Rezept vorgelegt, steht ja nicht darauf, ob es wegen Diabetes oder zum Abnehmen verschrieben worden ist“, sagt Rau. Gesetzliche Kassenrezepte dürften allerdings nur für Diabetiker sein, ist sich Esser sicher. Denn nur zur Therapie für Typ-2-Diabetes sei das Medikament in Deutschland zugelassen. Werde es zum Abnehmen verschrieben, handele es sich um einen Off-Label-Use, also einen zulassungsüberschreitenden Einsatz. „Und den zahlt die Krankenkasse nicht“, sagt die Apothekerin.Arzt glaubt, dass bald noch andere Produkte kommen

Arzt glaubt, dass bald noch andere Produkte kommen

Problemloser sei ein Privatrezept ausgestellt. „Hier zahlt der Patient letztlich selbst“, sagt Rau. Da könnte beim einen oder anderen Arzt schneller die Hemmungen fallen, das Medikament auch zum Abnehmen zu verschreiben. Um die Diabetiker-Versorgung zu gewährleisten, sollen Ärzte zwar mittlerweile auf dem Rezept den Grund für die Verschreibung angeben, doch letztlich handelt es sich nur um eine Empfehlung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Und die Realität sieht anders aus.

„Nicht jeder, der mit einem Privatrezept zu uns kommt, sieht adipös aus“, sagt Esser. Erst kürzlich hätte sie eine Frau bedient, von der man annehmen konnte, „dass sie nur schnell ein paar Kilo für den Sommerurlaub abnehmen will.“ Doch es sei nicht die Aufgabe der Apotheker, dem einen das Medikament zu verweigern und dem anderen nicht, betonen sowohl Rau als auch Esser: „Der Arzt muss die richtige Entscheidung treffen.“ Straßburg geht davon aus, dass sich das Versorgungsproblem schon bald gelöst haben wird: „Der Markt hat erkannt, dass man mit diesen Medikamenten viel Geld machen kann. Ich bin mir sicher, da kommen bald noch ganz andere Produkte.“

Kommentare