Betroffene und Parteien thematisieren Juden-Hass

Debatte um Antisemitismus: „Feindseligkeit ist wieder gesellschaftsfähig“

+
Die Erinnerung nicht ins Schattendasein verfrachten: Auch in der Geschichte von Gröbenzell spielen jüdische Schicksale eine Rolle. Das Symbolfoto zeigt eine Menora mit einem Davidstern in einer Synagoge.
  • schließen

In einer Debatte in Unterhaching zeigt sich: Antisemitismus ist so präsent wie lange nicht. Betroffene berichten von offenen Anfeindungen.

Unterhaching – Vivian Tajtelbaum aus Unterschleißheim kennt Antisemitismus. Schon immer. Doch seit Beginn der Pandemie, erzählte Tajtelbaum bei einer Antisemitismus-Debatte in Unterhaching, werde sie „immer öfter mit Vorurteilen gegenüber Jüdinnen und Juden konfrontiert, die davor unsagbar waren“. Sogar einige ihrer Freunde habe sie verloren, weil diese sich antisemitisch geäußert hätten. „Feindseligkeiten auszusprechen“, sagt die Unterschleißheimerin, „ist gesellschaftsfähiger als noch vor einiger Zeit.“

Zahlen belegen den Eindruck

Ein Eindruck, den Zahlen belegen. Die Meldungen zu antisemitischen Vorfällen nehmen zu. Insgesamt dokumentiert die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) 447 antisemitische Vorfälle im Jahr 2021. Das sind 82 Prozent mehr als im Vorjahr. „Menschen jüdischer Herkunft können diesen Konfrontationen nicht aus dem Weg gehen“, sagte Nikolai Schreiter von RIAS. „Sie müssen sich den Erniedrigungen Tag für Tag stellen.“

Dieser Entwicklung wollen die Fraktionen des Unterhachinger Gemeinderats entgegentreten und haben daher zur Diskussion im „Kinderhaus plus“ eingeladen, an der Experten, Bürger, Politiker, Schüler und Lehrer teilnahmen. „Das ist die erste parteiübergreifende Veranstaltung in Unterhaching in diesem Rahmen“, sagte Zweite Bürgermeisterin Johanna Zapf. „Ich hoffe diese Diskussion ist ein Auftakt für weitere gemeinsame Projekte dieser Art.“

Selbst Politiker der Mitte würden antisemitische Aussagen machen

Dabei stellte auch der Verband RIAS seine Tätigkeit vor. Die Aufklärungsstelle erforscht sowohl Alltagsrassismus als auch gezielten Antisemitismus aus der rechten Szene. Antisemitismus sei wandlungsfähig und könne auch Teil christlichen Fundamentalismusses oder verschwörungstheoretischen Denkens sein. Vielen Menschen sei nicht bewusst, dass einige Begriffe und Bräuche antisemitisch sind. Auch geläufige Chiffren wie „Globalisten“ oder „Lügenpresse“ würden auf das jüdische Volk anspielen. Selbst Politiker der Mitte würden antisemitische Aussagen machen. Schreiter zitiert unter anderem Franz Josef Strauß, der ehedem mit dem „Holocaust abschließen und in die Zukunft schauen“ wollte. Und im Frühjahr 2002 äußerte sich Jürgen Möllemann antisemitisch zum Vorgehen der israelischen Armee in den Palästinensergebieten. Egal wo, wie und von wem – antisemitische Vorfälle sollten an RIAS weitergegeben werden, sagt Schreiter. „Nur so können wir gezielt dagegen vorgehen.“

Juden-Hass fest im Alltag verankert

Ein zentrales Problem: Der Juden-Hass sei fest in der Gesellschaft und im Alltag verankert. „Antisemitisches Verhalten entspringt kulturell tradiertem Wissen“, erklärt Tobias Holl von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Bayern. Dieses Wissen basiere auf einem festen Weltbild. Menschen könnten sich von „ihrer Wahrheit“ nur schwer abwenden. Ihr Weltbild vereinfache die Komplexität der Welt. „Es ist einfacher, einen Verantwortlichen zu finden, als sich der Angst vor Corona, Klimawandel und Existenzverlust zu stellen,“ sagt Holl. „Trotzdem könne diese Person ein netter Mensch sein.“

Aber wie sieht die Lösung gegen Antisemitismus aus? Es sei schwer gegen Antisemitismus im Alltag vorzugehen. „Es braucht viel Mut, und nicht jeder traut sich, einzugreifen“, sagte Schreiter und Holl ergänzte: „Gegenfragen sind eine Methode, um Unwahres aufzudecken. Manchmal helfen Argumentationstipps gegen Stammtischparolen.“ Aber: „Der Selbstschutz ist wichtig. Niemand muss sich in Gefahr bringen.“

Vivian Tajtelbaum hat aus den Anfeindungen Konsequenz gezogen. Heute bekenne sie sich nicht mehr offen zu ihrer jüdischen Herkunft. Für Zapf ein Unding: „Wir müssen die Demokratie stärken. Wir brauchen mehr Veranstaltungen wie diese, um aufzuklären und den Zusammenhalt zu stärken.“

Antisemitismus melden

Antisemitische Vorfälle können bei Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS) gemeldet werden unter Tel. 089/122234060 oder www.rias-bayern.de.

Kommentare