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Ist Energiewende unter Beibehaltung des Wohlstands machbar? Darüber diskutierten jetzt zwei Professoren, Energieökonomin Claudia Kemfert und der Astrophysiker Harald Lesch, beim Arena-Talk in Unterhaching.
Unterhaching - Dass zwischendurch hörbar der Starkregen aufs Hallendach prasselte, passte irgendwie. Auch, wenn es nicht explizit um den Klimawandel und dessen Auswirkungen wie die aktuelle Hochwasserkatastrophe in Teilen Europas ging, die übergeordnete Frage des Abends hing damit zusammen: Ist Energiewende unter Beibehaltung des Wohlstands machbar? Darüber diskutierten zwei Professoren, die international renommierte Energieökonomin Claudia Kemfert und der Astrophysiker Harald Lesch, vor 240 geladenen Gästen in der Unterhachinger Geothermie-Arena. Die sollte, unter Einbindung des Publikums, „zum Debattiersaal werden, in dem fair die Fetzen fliegen“, sagte eingangs der Analyst und Unternehmensstratege Dirk Kartes, der das neue Format „Arena Talk“ moderierte.
Studien sind in der Schublade verschwunden
Harald Lesch nahm seine Generation („Ich bin Jahrgang 1960“) in die Verantwortung. „Ja, wir haben es verkackt“, verwies er auf das Gutachten des US-Ölkonzerns Exxon, der schon 1977 die Folgen des Verbrennens von Öl und Gas für Erderwärmung in einer internen Studie präzise prognostiziert habe, „dieses Gutachten aber in der Schublade verschwinden ließ“. Eine Weichenstellung, die laut Lesch „uns irgendwann weh tut“.
Irgendwann? Da zog Claudia Kemfert die Augenbrauen hoch. Sie bestätigte die von Lesch zitierte „Desinformationskampagne“. Denn der Klimawandel verursache nicht nur Naturkatastrophen, sondern auch „volkswirtschaftliche Schäden“. Statt auf E-Mobilität umzuschwenken, hätten deutsche Automobilkonzerne schon vor 30 bis 40 Jahren „strategische Fehlentscheidungen“ getroffen. Mit der Folge, „dass wir auf dem Sektor der Solar- und Elektroindustrie über 100 000 Arbeitsplätze an China verloren haben – wir schmieren ab“.
Deutschland technologisch rückständig
Ein Gedanke, den Harald Lesch später noch einmal aufgriff. „Man stelle sich vor“, sinnierte er, „wir hätten uns in den 1950er Jahren für Solar- und Windenergie statt für Kernkraft entschieden – die ganze Welt würde heute zu uns pilgern.“ Stattdessen sei Deutschland technologisch rückständig. Die Politik trage dazu massiv bei: „Diesel subventionieren und E-Autos fördern, das ist so, wie wenn man an einer Tür steht und einer zieht, einer schiebt. Einfach Wahnsinn!“
Subventionen für Diesel und Kerosin? Da hakte Erwin Knapek, Unterhachings Altbürgermeister und Geothermie-Pionier, ein. Er verwies auf Artikel 20a des Grundgesetzes, in dem der staatliche Schutz für künftige Generationen und die natürlichen Lebensgrundlagen geregelt ist. „Es ist unglaublich wichtig, dass diese Verfassungsfrage endlich auf den Tisch kommt“, forderte Knapek, Kemfert stimmte ihm zu: „Die Abhängigkeit von fossiler Energie ist immer noch zu groß. Es sind Juristen gefordert, die Generationengerechtigkeit umzusetzen.“
Jugendliche nehmen Nachrichten fast nur noch über TikTok auf
Die Generationengerechtigkeit. Ein spannender Aspekt. Lesch brach ihn lokal herunter: „Was bedeutet es, wenn es immer wärmer wird? Wo will Unterhaching in 20 Jahren stehen? Darum geht's doch.“ Dass just Unterhaching sehr ambitioniert ist und bis 2030, früher als Kommunen ringsherum, klimaneutral sein will, ist bekannt. Aber kennen die jungen Leute sich mit diesen Themen überhaupt aus? Eine Nachfrage des Moderators Dirk Kartes bei Elftklässlern vom Lise-Meitner-Gymnasium offenbarte das Dilemma des Nichtwissens. „50 Prozent meiner Generation“, sagte ein Schüler übers Bildungsniveau, „nehmen Nachrichten nur noch über die 30-Sekunden-Videos von TikTok auf. Eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema ist da gar nicht möglich.“ Bunte Zackzack-Schnipsel statt inhaltlich anspruchsvolle Medien: ein Bildungsproblem.
Genau diesen Trend, sich lieber schnell statt hintergründig informieren, würden Populisten gnadenlos missbrauchen. Im Terminus sind beide Professoren sich da einig. „Wir lassen uns seit ein paar Jahren von Dummschwätzern einreden, wie schlecht es uns angeblich geht“, sagte Lesch. Auf die Publikumsfrage, was passieren müsse, damit auch sozial Schwächere sich Investitionen in Nachhaltigkeit leisten können, sagte Kemfert: „Wir müssen wegkommen von Schwätzern. Die Schuldenbremse macht keinen Sinn – Deutschland muss nicht sparen, sondern investieren.“ Lesch ergänzte: „Mit der Natur können wir uns nicht unterhalten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es schlimm.“ Schlimmer als all die aktuellen Flutdramen.
Was ist eigentlich Wohlstand?
Und bei aller Klima-Ökonomie, ein Gedanke zum Nachdenken kam auf: Was ist eigentlich Wohlstand? Diese Frage stellte ein Zuhörer – die Antwort für sich definierte er als „Wohlergehen“. Er habe sein Auto verkauft, arbeite weniger, schlafe mal eine Stunde länger. „Einfach mal nichts tun“, regte der Unterhachinger an.
Ein Ansatz, den zuvor schon Professor Lesch aufgegriffen hatte. Seine Überlegung, konkret vor dem Hintergrund des aktuellen Weltraumtourismus, bei dessen „Schaden mir angst und bange“ wird: „Wenn wir Freiheit in Zeit bemessen würden: Wie viel Freiheitsräume nehmen wir Folgegenerationen mit unserem Lebensstil weg?“ Die Kollegin Kemfert benutzte dafür ein bekanntermaßen griffiges Beispiel: „Es gibt Kipppunkte, deren Irreversibilität von einigen nicht verstanden wird. Wenn ein Glas Wasser umkippt, ist es leer.“

