VonPatrick Staarschließen
Wandern ist eine Leidenschaft von vielen Menschen. Für etliche Teilnehmer an den Bichler Wandertagen ist es allerdings noch mehr.
Bichl – Manche Teilnehmer haben bereits an mehr als 3000 vom Deutschen Volkssport-Verband (DVV) organisierten Touren teilgenommen und dabei über 100 000 Kilometer zurückgelegt.
„Das ist wie eine Sucht“, sagt beispielsweise eine 82-jährige Münchnerin, die namentlich nicht genannt werden will. Das Angenehme: Diese Sucht ist auch noch gut für die Gesundheit. Bei den 47. Bichler Wandertagen trafen am Wochenende 800 Menschen aufeinander, die man zum Teil getrost als wanderverrückt bezeichnen kann. Einzeln oder in mehr oder weniger großen Gruppen legten sie fünf, zehn oder 20 Kilometer auf markierten Wegen zurück. Jede Teilnahme und jeder zurückgelegte Kilometer werden in ein Heft eingetragen und mit einem Stempel bestätigt. Start und Zielort war am Wochenende die Benediktbeurer Grund- und Mittelschule.
Die Teilnehmer reisten unter anderem aus Italien, Österreich und den Niederlanden an, um dabei zu sein. Saison-Höhepunkt sind die Wander-Weltmeisterschaften, die heuer in St. Michael in Österreich stattfinden.
Auch in den kommenden Tagen steht Bichl ganz im Zeichen der Wanderer. Am Sonntagabend eröffnete der Vorsitzende der Bichler Wanderfreunde, Wolfgang Guski, die vierte internationale Wanderwoche. Dabei werden eine Woche lang jeden Tag geführte Wanderungen angeboten – beispielsweise nach Lenggries, an den Staffelsee und Tegernsee.
Eine Gruppe geht täglich von Montag bis Freitag zehn Kilometer weit, eine andere 20 Kilometer: „Da haben wir die Teilnehmer auf 45 begrenzt“, erläutert Guski. „Wir wollen keinen Riesenhaufen an Wanderern, es soll ja lustig sein und Spaß machen.“ Das einzige, was ihn bekümmert: „Jugendliche sind leider sehr, sehr wenige da.“
Stammgast bei sämtlichen DVV-Veranstaltungen ist eine 73-jährige Münchnerin, die ebenfalls lieber anonym bleiben will, aber mit leuchtenden Augen von ihrer Wander-Begeisterung erzählt. Am 8. Dezember 1984 habe sie das Wanderfieber gepackt. Eine Kollegin habe sie damals zu den Wandertagen nach Gmund mitgenommen. Für sie stand sofort fest, dass sie so etwas öfter erleben will. Sie schloss sich der Alpinschule Innsbruck an, reiste auf die Balearen, nach Zypern und in den Jemen. „Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld – ich hab’ alles verbraten. Ein Wanderführer hat mir mal gesagt, dass ich in all den Jahren ein Haus verwandert habe. Ich hab’ ihm geantwortet: ,Das ist mir so was von wurscht.‘“ Was man gesehen und im Gehirn abgespeichert hat, behalte man in Erinnerung: „Das ist wie zweimal leben.“
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Immer wieder zieht es sie zu Wandertagen: „Du kommst rum, du hast Kultur, Natur und Lukull. Das hat mir schon immer gefallen. Man trifft Arbeiter, Angestellte, einen Gymnasiums-Rektor. Alles wurscht, beim Wandern sind alle gleich.“ München habe sich in den vergangenen 50 Jahren stark verändert, sagt die Rentnerin: „Der ganze Beton – da muss man einfach raus.“ Das empfehle sie auch all ihren Bekannten: „Viele Leute haben Angst davor raus zu gehen. Ich sag’ ihnen immer, sie müssen die Jahreszeiten erleben. Den Herbst mit seiner Farbenpracht, wenn die Blätter so nussig riechen. Den Schnee, die Eiszapfen, die Berge, die gute Luft – das sind echte Erlebnisse.“ Vor einigen Jahren sei ihr Fernseher kaputt gegangen, sie habe sich keinen neuen gekauft. „Was habe ich davon, wenn ich daheim nur vor der Glotze sitze? Tabletten schlucken und Fernsehen schauen – das brauch’ ich nicht.“ Das einzige Zugeständnis an das Alter: Bis zu ihrem 60. Lebensjahr sei sie bei den Wandertagen immer 20 Kilometer gegangen, mittlerweile gibt sie sich mit fünf Kilometern zufrieden, „obwohl ich noch immer zehn Kilometer gehen könnte“.
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