VonMartin Beckerschließen
Die Vier-Tage-Woche ist in der Arbeitswelt auf dem Vormarsch. Unternehmen macht das moderne Arbeitszeitmodell attraktiv. Auch im Landkreis München bieten Firmen die verkürzte Arbeitswoche an. Aber es gibt auch Skeptiker.
Landkreis - Dass Allerheiligen heuer zufälligerweise auf einen Freitag fiel, hatte für viele Arbeitnehmer in den Herbstferien einen interessanten Nebeneffekt: ein langes Wochenende. Montag bis Donnerstag arbeiten, Freitag bis Sonntag frei – so fühlt(e) sich die Vier-Tage-Woche an. Aber was, wenn es immer so wäre? Genau das hatte die Universität Münster erforscht in bundesweit 41 Unternehmen, die ein halbes Jahr lang neue Arbeitszeitmodelle testeten. Die Leiterin der Studie, Professorin Julia Backmann, berichtete von diversen positiven Effekten: Haarproben indizierten ein niedrigeres Stressniveau, Fitnesstracker eine signifikant bessere Schlafqualität, und im Arbeitsalltag verbesserte sich die Effizienz. Vier- statt Fünf-Tage-Woche, funktioniert das auch im Landkreis?
Flexible Arbeitszeiten machen Jobs attraktiv
Das dieses Jahr in Hamburg gegründete Portal „4daysjobs“ sieht sich als „Brücke zwischen Jobsuchenden, die nach einer besseren Work-Life-Balance streben, und innovativen Unternehmen“; die auf die Vier-Tage-Woche spezialisierte Online-Jobplattform möchte „einen aktiven Beitrag zum Wandel der Arbeitswelt leisten“ und listet entsprechende Stellenangebote auf. Diese lassen sich regional eingrenzen, allein für den Landkreis München ploppen über 80 Stellenangebote auf.
In den Stellenangeboten tauchen immer wieder Formulierungen auf wie „flexible Handhabung der wöchentlichen Arbeitszeit“ (Schaltersachbearbeiter in der KfZ-Zulassungsstelle in Grasbrunn) oder „attraktive Gleitzeitregelung und vielfältige Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ (Software-Entwickler an der TU in Garching), die Best Secret Group aus Aschheim bietet sogar 36 Urlaubstage an. Aber steckt stets auch wirklich die Vier-Tage-Woche im Sinne der Uni-Studie aus Münster dahinter?
6000 Unternehmen in Deutschland bieten Vier-Tage-Woche an
„Nach unserem Datensatz bieten etwa 6000 Unternehmen in ganz Deutschland definitiv die Vier-Tage-Woche an“, sagt Sebastian Hergott, einer der beiden Gründer von „4daysjobs“. Allerdings seien „die Unterschiede groß“, je nach Arbeitszeitmodell (Gehalt, Wochenarbeitszeit). Vor allem kleinere Unternehmen, oft Handwerksbetriebe und Steuerberatungsbüros, würden auf diese Weise Arbeitskräfte finden. „Es hängt sehr von der Unternehmenskultur ab“, sagt Hergott. Der Effekt sei, „dass man gezwungen ist, Zeit effizienter zu nutzen – dadurch werden Arbeitsabläufe optimiert“. Natalie Wilke, ebenfalls Gründerin des Portals, glaubt, „dass eine humanere Arbeitswelt und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können“, sie hält „die Vier-Tage-Woche für einen praktikablen Weg dazu“.
Es geht um die Work-Life-Balance
Am FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht in Grünwald, das aktuell eine Stelle als Buchhalter ausgeschrieben hat, wird die Vier-Tage-Woche im Einzelfall schon praktiziert. „Letztlich geht es um die Work-Life-Balance. Dieses Interesse nehmen wir sehr ernst“, sagt der Personalverantwortliche Rüdiger Nill. Man sei bei Arbeitszeitmodellen „sehr flexibel“, habe aber auch eine Fürsorgepflicht: „Den Zehn-Stunden-Tag gibt es auf keinen Fall.“ Aber etwas mehr als acht Stunden täglich oder gleich ein 30-Stunden-Vertrag – alles denkbar. Die Beweggründe seien unterschiedlich, Nill nennt ein Beispiel: „Wer einen längeren Anfahrtsweg hat, spart sich bei der Vier-Tage-Woche Zeit und Kosten.“
Ein Magnet bei der Gewinnung von Mitarbeitern
Beim 2002 gegründeten IT-Dienstleister Syskonzept in Taufkirchen setzen sie schon seit einigen Jahren konsequent auf die Vier-Tage-Woche – bei vollem Gehalt. „Statt vier mal acht Stunden arbeiten unsere Mitarbeitenden vier mal neun Stunden“, berichtet einer der beiden Firmengründer, Andreas Schaller. Rechnerisch sind das also pro Woche vier Stunden weniger, es sei aber mehr als „eine Art Gehaltskomponente“, sagt der 48-Jährige: „Montag oder Freitag frei, dieser Benefit wirkt wie ein Magnet bei der Gewinnung und Bindung von Mitarbeitern. Wir wollen ein gutes Arbeitsklima und eine Work-Life-Balance, deshalb leisten wir uns bewusst die Vier-Tage-Woche.“ Im 28-köpfigen Team seien die Zufriedenheit gestiegen und die Krankheitsrate gesunken, die Erfahrungswerte positiv: „Ich denke, dass sich diese Form von ,New Work‘ langfristig einbürgern wird.“
Develey-Chef ist skeptisch: „Vier-Tage-Woche ist ein Irrweg“
Michael Durach, Chef des international aufgestellten Unterhachinger Senf-Herstellers Develey, ist dagegen skeptisch. „Wir reagieren, wo nötig, auf entsprechende Lebensumstände und erkennen die Wichtigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagt Durach. Mit „individuellen Lösungen“ habe man „die Flexibilität für die Mitarbeitenden und Einteilbarkeit von Zeitaufwänden deutlich verbessert“. Aber, so der Develey-Geschäftsführer: „Die Vier-Tage-Woche als übergreifendes Modell halten wir angesichts der angespannten Personalsituation und gesamtwirtschaftlichen Lage für einen Irrweg.“ Eher müsse auf unterschiedliche Bedürfnisse „zwischen Büro, Produktion und Logistik mit den diversen Schichtmodellen eingegangen werden“.

