VonBoris Forstnerschließen
Vier begeisternde Wochen hat der Peißenberger Jürgen Stumpf als Volunteer bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar erlebt. Rekordverdächtige 16 Spiele hat der 55-Jährige dienstlich oder privat gesehen und war zuletzt sogar Chef von 25 Helfern.
Peißenberg – Bei einer „normalen“ Weltmeisterschaft ist es kaum möglich, mehr als eine Handvoll Spiele anzuschauen – zu weit entfernt sind normalerweise die Stadien. In Katar, wo sich alles rund um die Hauptstadt Doha geballt hat, war das anders: „Neun Spiele habe ich als Volunteer mit betreut, sieben weitere habe ich mir so angeschaut – einmal sogar zwei an einem Tag“, sagt Stumpf. Karten habe er zum Teil noch problemlos vor Ort kaufen können. Dank der guten Busverbindungen sei der Transfer kein Problem gewesen. „Und wenn sich einer der Busfahrer mal verfahren hat, weil er eine Hilfskraft war und sich nicht auskannte, haben Fahrgäste mit ihrem Navigationsgerät am Handy geholfen, dass man ankam“, sagt Stumpf und lacht.
Rasch zum Teamleiter hochgestuft
Die Hilfsbereitschaft in dem Land sei ohnehin beispiellos gewesen. Er habe noch nie so viele gastfreundliche und aufgeschlossene Menschen gesehen, „ob echte Kataris oder die Résidence“, also ausländische Arbeiter, sagt er. Die Menschenrechts-Debatten in Deutschland haben dem Land seiner Meinung nach nicht geschadet: „Die Deutschen haben hier nach wie vor einen sehr guten Ruf, auch unsere Nationalmannschaft, das hört man immer wieder. Da wird von Ordnung, Disziplin und Verlässlichkeit gesprochen.“ Er selbst hat die deutschen Spiele gegen Spanien und Costa Rica gesehen und mitgelitten.
Gleich nach seinem ersten Spiel als Volunteer wurde er zum Teamleiter im Zuschauerservice hochgestuft und hatte acht Helfer unter sich. „Bei meinem letzten Spiel im Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko, wo eine tolle Atmosphäre herrschte, waren es fast 25 Volunteers, darunter auch bezahlte Kräfte mit anderer Kleidung – die wurden noch extra engagiert, weil es aus Sicht der Veranstalter ein kritisches Spiel war“, sagt Stumpf.
Alles lief friedlich ab
Sein Team war international. Aus Europa waren nur zwei Franzosen dabei, der Rest stammte unter anderem aus Saudi-Arabien, Algerien, Sudan, Philippinen, Ägypten, Nepal, Indonesien und Indien. „Alle waren meistens pünktlich und hielten sich an Absprachen. Die Moslems in meinem Team haben sich auch zuverlässig bei mir abgemeldet, um zum Beten zu gehen.“ Ein Grund, warum alles so friedlich ablief, sei seiner Meinung nach gewesen, dass kein Alkohol in und um das Stadion verkauft wurde.
Was eine große Umstellung für Stumpf war: Alles spielt sich in der Nacht ab. Das liegt natürlich an den Temperaturen von bis zu 50 Grad, doch von den Abläufen wird auch jetzt im Winter nichts geändert. „Nach Spielende hatten wir noch Abschlussbesprechungen und kamen oft erst um 3 Uhr an unserer Unterkunft an, da saßen noch Leute draußen, haben Tee getrunken und Spaß gehabt“, sagt Stumpf.
Prägende Erinnerungen mit einem Paar aus dem Iran
Am Donnerstag gab es schon eine große Abschlussfeier für die Volunteers, nach dem Finale geht es für Stumpf am Montag wieder in die Heimat. Unter den vielen Erlebnissen in dem Land seien hier nur zwei Begegnungen wiedergegeben. Einmal, einen Tag nach dem deutschen Ausscheiden, hat Stumpf bei einem Ausflug in einem Hotel einen deutschen Nationalspieler getroffen, der mit seiner Frau noch in Katar geblieben ist und Urlaub gemacht hat. „Er war total nett, hat ein Foto mit mir gemacht“, sagt Stumpf – wer es war, wollte er nicht verraten.
Eine andere prägende Begegnung hatte Stumpf in der U-Bahn mit einem jungen Paar aus dem Iran, das eine Woche Urlaub in Katar machte. „Sie hatten kurz zuvor noch eine der schlimmsten Demonstrationen in ihrem Land erlebt. Jetzt durfte die Frau ihr erstes Fußballspiel live sehen, am Strand mit ihrem Mann zusammen zum Baden gehen, sich einfach frei bewegen – bevor es wieder komplett verschleiert zurück in ihr Land geht“, sagt Stumpf nachdenklich.

