Gaißacher arbeitet als Vulkanologe derzeit auf Hawaii

Hautnah am Vulkan: So erlebte der Gaißacher Sebastian Müller den Ausbruch des Kilauea

+
Lebensgefährlich: Bekleidet mit einem schweren Asbestanzug, musste sich Vulkanologe Dr. Sebastian Müller (30) dem Lavastrom des Kilauea nähern, um eine Probe zu entnehmen. Für das Erinnerungsfoto trägt er allerdings nur die Jacke. Der Lavastrom schiebt sich in der Minute etwa einen Meter voran und ist 1000 Grad heiß.
  • schließen

Ereignisreiche Wochen hat derzeit der Vulkanologe Dr. Sebastian Müller hinter sich. Der Gaißacher gehörte zum Experten-Team, das den Vulkan Kilauea auf Hawaii beobachtete.

Honolulu/Gaißach – Seit Anfang Mai spuckte der Vulkan Kilauea auf Hawaii kontinuierlich Lava aus. Schon damals vermutete Sebastian Müller, dass sich der Ausbruch lange hinziehen könnte - und er hatte recht. Erst seit 16. August sind die Lavamassen versiegt. Der junge Vulkanologe, der derzeit an der Universität in Honolulu einen Forschungsauftrag hat, war in den vergangenen Monaten mit spannenden wissenschaftlichen Beobachtungen beschäftigt.

Anfang Juli durfte er auf die Insel Big Island, auf der der Vulkan liegt, um den Teams von HVO („Hawaiian Volcano Observatory“) und USGS („United States Geological Survey“) bei der Arbeit am Ausbruch zu helfen, berichtet er per E-Mail. „Insgesamt hat es knapp zwei Monate gedauert, bis ich die Papiere hatte, die es mir ermöglichten als Nicht-Amerikaner dort mitzuarbeiten.“

Heiße Lava: Der Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawaii.

Die Wissenschaftler arbeiteten in drei Schichten rund um die Uhr, Müller war meistens für die Frühschicht von 5 bis 14 Uhr eingeteilt. „Zum Glück, weil morgens immer der Helikopter kam, mit dem man fliegen konnte.“ Der Hubschrauber hatte weder Fenster noch Türen. „Damit konnten wir mit unseren Messgeräten störungsfrei vom Helikopter aus arbeiten.“ Das Team hatte hochauflösende Filmkameras, Thermalkameras und Gas-Sensoren an Bord. „Damit wurde jeden Morgen ein Update von der Aktivität des Vulkans gemacht.“ So entstand täglich nach dem Rundflug eine aktuelle Karte, die die Ausbreitung der Lavaströme zeigte. Das war sehr wichtig. Denn: „Aufgrund dieser Karte konnten dann Zivilisten, aber auch der Zivilschutz, Feuerwehr und andere Helfer ihren Tag planen“, berichtet der 30-Jährige. „So konnte man sehen, welche Gegenden zugänglich sind und welche evakuiert werden müssen.“

Lesen Sie auch: So ging alles los

Zudem ging es mit einem „riesigen Geländewagen“ direkt zu den Ausbruchstellen. „Überall waren bis zu 20 Meter tiefe und fünf Meter breite Spalten im Boden“, schreibt Müller. „Diese Spalten haben wir jeden Tag per GPS vermessen, um zu sehen, wie aktiv die Bodenbewegung ist.“ Mit solchen Daten ließen sich dann Rückschlüsse ziehen, wie sich das Magma unterirdisch bewege. Die Forscher maßen auch Kohlendioxid und Schwefelgase, welche aus den Spalten entweichen. „In Kombination mit aktuellen Wind und Wetterdaten haben wir Gefahrenbereiche erstellt, in denen Anwohner und Helfer Gasmasken tragen müssen.“ Kohlendioxid sei ein geruchsloses Gas und extrem gefährlich.

Insgesamt, berichtet Müller, wurden auf der Insel 2500 Bewohner evakuiert und 700 Häuser zerstört. „Wir haben auch Evakuierte zu ihren Häusern eskortiert, wenn sie was holen mussten.“ Jeden Montag war großes Meeting mit allen Wissenschaftlern, der Katastrophenschutzbehörde, Regierungsmitarbeitern und Presse, bei der das weitere Vorgehen besprochen wurde. Die Behörden seien erleichtert, dass es bei dem langen Ausbruch keine Todesopfer und nur wenige Leichtverletzte gegeben habe. „Es hat alles sehr gut funktioniert“, freut sich auch Müller.

Das Team überprüfte auch täglich die Evakuierungsrouten. „Wir mussten schauen, ob sie noch passierbar sind oder ob es dort auch schon neue Erdspalten gibt.“ Zwei Hauptstraßen wurden total zerstört, deshalb konnten einige Menschen ihre Häuser nicht mehr verlassen und wurden per Hubschrauber ausgeflogen.

Außerdem mussten die Wissenschaftler jeden Tag eine frische Lavaprobe aus dem fließenden Strom nehmen, berichtet Müller. Dazu trugen sie einen silberfarbenen, feuerfesten, isolierenden Asbestanzug mit Maske. „Der wiegt ungefähr zehn Kilo“, erinnert sich Müller. „Man schwitzt unglaublich darin.“ Mit diesem Anzug gingen die Vulkanologen bis auf einen Meter an die 1200 Grad heiße, fließende Lavamasse heran und holten mit einem langen Metallstock eine Probe heraus. „Ich habe das nur einmal gemacht und bin froh das ich überlebt habe“, sagt Müller. Die anderen Male schaute er aus zehn Meter Entfernung zu. Diese Proben werden auf ihre chemischen Bestandteile untersucht, um Rückschlüsse auf die Eruption zu ziehen. „Es war insgesamt eine super Sache“, sagt Müller rückblickend. „Solche Eindrücke habe ich noch nie gehabt.“

Lesen auch: Deshalb erregte die Dissertation von Sebastian Müller große Aufmerksamkeit

Seit 16. August ist der Ausbruch nun zu Ende. Insgesamt wurde in zweieinhalb Monaten zirka ein Kubikkilometer Magma ausgespuckt, weiß Müller, der wenige Monate zuvor noch ganz nah an der Gipfelcaldera forschte. Unter dieser Caldera war die Hauptkammer des Magmasystems. „Diese ist nun leer, und dementsprechend hat sich die Caldera mehrere hundert Meter abgesenkt“, berichtet Müller. „Der Krater, in welchem der Lavasee war, ist durch die ganzen Einstürze um das siebenfache angewachsen.“ Den See gebe es jetzt nicht mehr.

Die amerikanische Regierung beziffert den Gesamtschaden auf eine Milliarde Dollar. „Der ganze Nationalpark des Kilauea ist derzeit geschlossen. Es ist immer noch unklar, wie stabil die Lage ist“, schreibt Müller. Vor allem für die Tourismusbranche sei das schwierig, weil viele Gäste gerade jetzt wegen des Ausbruchs nach Hawaii kommen wollten. Doch viele Reisen wurden deshalb schon storniert. „Viele Restaurants und ,Bed & Breakfasts’ haben schon Existenzprobleme“, weiß der Gaißacher.

Er selbst ist derzeit mit der Auswertung vieler Daten beschäftigt, unter anderem geht es um chemische Analyse. „Dadurch können wir hoffentlich verstehen, wie das unterirdische Magmen-Fördersystem funktioniert und aufgebaut ist“, schreibt Müller. „Das könnte helfen, zu verstehen, wo und wann der nächste Ausbruch passieren wird.“

Ein Video von Sebastian Müller über den Ausbruch gibt es hier.

Kommentare