Ortspolitik in Oberammergau

Wählergruppe droht das Aus: Alle Gemeinderäte hören auf

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Zwei von vier „Augenmaß“-Gemeinderäten: Eugen Huber (l.) und Wolfgang Proksch. Wie ihre Kollegen hören sie 2026 auf.
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Insgesamt 70 Jahre sitzen sie 2026 im Oberammergauer Gemeinderat. Mehr Jahre sollen es nicht werden. Alle vier Ortspolitiker von „Mit Augenmaß“ ziehen sich zurück, kandidieren nicht mehr bei den Kommunalwahlen. Wie es mit der Wählergruppe weitergeht? Gute Frage...

Stunden über Stunden haben sie miteinander verbracht. In öffentlichen und nichtöffentlichen Sitzungen, bei eigenen Versammlungen. Um in Oberammergau mitzugestalten, etwas zu bewegen. Und das über einen langen Zeitraum. Der im März 2026 mit den Kommunalwahlen endet. „Es reicht jetzt“, sagt Anton Preisinger und spricht für seine drei Kollegen Christiane Knöpfle, Wolfgang Proksch und Eugen Huber. Die vier Gemeinderäte von „Mit Augenmaß“ werden nicht mehr für ihr Amt kandidieren. Wie die Zukunft der Wählergruppe aussieht, oder ob es überhaupt eine gibt, ist noch unklar. Feststeht: Dem Gremium geht viel Erfahrung verloren.

Der Abschied steht schon länger im Raum. Vor der Wahl 2020 gab es bereits Überlegungen, diesen Weg einzuschlagen, sagt Eugen Huber. Es folgten sechs weitere Jahre in ehrenamtlicher Funktion, in seinem Fall sogar zum zweiten Mal als Stellvertreter des Bürgermeisters. Leicht ist den vier Ortspolitikern die Entscheidung trotzdem nicht gefallen. Weil die Zeit im Gremium „geprägt war von spannenden Herausforderungen“, schreiben sie in einer Presseaussendung. Und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit – mit dem Gremium wie auch den Bürgern. Obwohl sie in der vergangenen wie auch in dieser Periode zahlreiche Diskussionen erlebten, die sich auch gerne mal im Kreis dreh(t)en (Wellenberg, Pilatushaus, Passionsspiele), betont Preisinger: „Ich bin nicht mit der Politik unglücklich.“ Wenngleich sich auch ein gewisses Maß an Frust angestaut hat durch „verlorene“ Bürgerentscheide etwa. Wie zuletzt im Sommer. Es sind aber vornehmlich andere Gründe, die zu dem Entschluss führten.

Versammlung am 21. November

Im Mittelpunkt stehen Zahlen. Insgesamt sitzt das Quartett am Ende der aktuellen Amtszeit seit 70 Jahren im Gemeinderat. Huber seit 24 Jahren (für die CSU von 1996 bis 2008; für Augenmaß von 2014 bis 2026), Preisinger seit 18 (von 2002 bis 2008; von 2014 bis 2026) wie auch Proksch (seit 2008) und Knöpfle seit zirka 10 Jahren (von 2015 bis 2020; von 2021 bis 2026.) Sie rückte beim ersten Mal für Walter Rutz nach, beim zweiten Mal für Anton Burkhart. Hotelier Preisinger, der sich auf mehr persönliche Freiheiten freut, findet: „Wir haben unsere Schuldigkeit getan.“ Oder wie es Huber ausdrückt: „Man hat sich abgekämpft.“

Nach 18 Jahren reicht‘s, findet Anton Preisinger.

Das Alter spielt ebenfalls eine Rolle. Preisinger wird 58, Knöpfle 60, Proksch 69 und Huber 71. Der Gemeinderat oder die eigenen Treffen seien „kein Senat, in dem nur Alte drinsitzen“, sagt der frühere Förster und Vize-Bürgermeister zwar etwas überspitzt, trifft damit aber den Kern des Rücktritts. Die vier „Augenmaß“-Vertreter wollen ihre Plätze für Jüngere räumen. Die neuen Input und frische Perspektiven einbringen. Deshalb laden sie am 21. November zu einer (Mitglieder-)Versammlung (20 Uhr, Hotel Alte Post) ein. In der Hoffnung, dass Interessierte dort aufschlagen, die sich vorstellen könnten, den Verein als Fundament weiterzuführen und eine Liste für den Gemeinderat aufzustellen. Läuft der Versuch ins Leere, steht „Mit Augenmaß“ vor dem Aus. Dann kommt‘s zur Auflösung und Liquidation, erklärt Proksch. Schließlich lautet der Vereinszweck, bei Kommunalwahlen anzutreten. Der wäre nicht mehr gegeben.

Freie Hand hätten die Nachfolger, die von existierenden formalen Strukturen profitieren würden. Die Scheidenden wollen ihnen gar nicht ihren Stempel aufdrücken. Nur grob zur politischen Richtung sollten sie passen, meint Preisinger. Im Januar 1990 wurde „Mit Augenmaß“ gegründet – maßgebend war Rudi Reiser – vorrangig von Geschäftsleuten und ein paar Künstlern. „Man ist eher aus der wirtschaftlichen Ecke gekommen“, erklärt Huber. Mit Mitgliedern wie Walter Rutz, Christian Stückl und Co. wurde die Gruppierung kulturlastiger. Auf beiden dieser Steckenpferde reitet man heute noch – wie es der Name sagt: mit Augenmaß.

Rückte zweimal nach: Christiane Knöpfle.

Für die Privatisierung des Kolben setzte man sich ein, bremste, wenn nötig, bei Freiwilligen Leistungen und machte sich für die Passionsspiele und deren Erfolg stark. Oft mit Mehrheiten aus CSU und Bunter Liste. Mit Josef Köpf schickte die Gruppierung – mit Unterstützung von „Dorfpolitik neu gedacht“ – 2002 einen Bürgermeisterkandidaten ins Rennen, er unterlag allerdings Rolf Zigon (CSU). Bis 2008 fungierte der Tierarzt als dessen Vize.

Die Zukunft von Oberammergau aktiv zu gestalten, daran appellieren die vier Noch-Gemeinderäte. „Das ist eine wichtige Aufgabe“, betont Preisinger. Auch wenn man Freizeit für die Gemeinschaft opfern, sich mal schimpfen lassen muss. Doch das Quartett vertritt eine klare Haltung: „Demokratie lebt vom Mitmachen.“

Die Gemeinderäte seit der Gründung

1990 – 1996: Rudi Reiser; Georg Schauer
1996 – 2002: Rudi Reiser
2002 – 2008: Josef Köpf, Anton Preisinger, Georg Schauer
2008 – 2014: Wolfgang Proksch, Georg Schauer
2014 – 2020: Wolfgang Proksch, Eugen Huber, Walter Rutz (Nachrückerin Christiane Knöpfle), Anton Preisinger, Frederik Mayet (Nachrücker Josef Köpf)
2020 – 2026: Anton Burkhart (Nachrückerin Christiane Knöpfle), Eugen Huber, Anton Preisinger, Wolfgang Proksch

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