VonCarl-Christian Eickschließen
Bei der Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag appelliert der Wolfratshauser Bürgermeister an gegenseitigen Respekt und Toleranz.
Wolfratshausen – Seit 1952, sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wird am Volkstrauertag aller Opfer von Gewalt und Terror gedacht. „Wie fern uns der Gedanke an Krieg in Europa in den vergangenen Jahren noch war, umso deutlicher ist er am 24. Februar 2022 geworden“, sagte am Sonntag Bürgermeister Klaus Heilinglechner bei der Gedenkfeier auf dem Wolfratshauser Marienplatz. Am 24. Februar dieses Jahres überfiel Russland die Ukraine. Laut Schätzungen der US-Armee haben bis heute rund 200 000 Soldaten ihr Leben verloren. Dazu kommen nach Angaben des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte fast 6500 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung.
„Warum lernen wir aus der Geschichte nicht?“ - Wolfratshausen gedenkt Opfer von Krieg und Terror
Vertreter von Parteien, politischen Gruppierungen und örtlichen Vereinen legten nach einem Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Andreas, den Dekan Gerhard Beham und Pfarrerin Elke Eilert mit den Gläubigen feierten, Kränze vor dem Marienbrunnen nieder. Den musikalischen Rahmen der Veranstaltung schufen die Stadtkapelle und der SommerSound-Chor von Claudia Sommer. Seit 1986 stellt die Gebirgsschützenkompanie Wolfratshausen eine Ehrenformation, so auch am Sonntag unter dem Kommando von Hauptmann Rainer Lorz.
Es sei nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern „auch ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren“, betonte Rathauschef Heilinglechner. Er hatte einen Blick in seine Redemanuskripte der vergangenen Jahre geworfen: „Immer wieder habe ich über gefallene Soldaten und Zivilisten gesprochen, über Väter, die nicht zurückkamen, Familien die durch Luftangriffe gestorben sind.“ Doch die Angst vor einem erneuten Krieg in Europa erschien völlig unbegründet – bis Anfang dieses Jahres. Heilinglechner: „Es herrscht Krieg in Europa, und wir alle sind fassungslos angesichts dieser Aggression gegen die ukrainische Bevölkerung.“ Die europäische Friedensordnung habe eine „tief greifende Erschütterung“ erfahren.
Verzichten wir öfter einmal auf das ,Entweder/Oder’ und ersetzen wir es durch ein ,Und’. Sie werden sehen, es geht. Wirtschaft und Klimaschutz. Freiheit und Verantwortung. Menschenrechte und Menschenpflichten.
„Warum lernen wir aus der Geschichte nicht?“ Diese Frage konnte auch Heilinglechner nicht beantworten – doch er mahnte, die Erinnerung „an die schreckliche Zeit der beiden Weltkriege, die Erinnerung an die Toten von Krieg und Gewaltherrschaft“ wachzuhalten. Dazu würden Anlässe wie der Volkstrauertag Gelegenheit geben. Zudem müsse man den Ursachen von blutigen Auseinandersetzungen und Terroranschlägen auf den Grund gehen: „Not und Armut, eine bedrohte Existenz können Ursachen sein.“ Oder „der Irrglaube in dem Glauben, die Überzeugung, den einzig wahren Glauben allen anderen Menschen mit Gewalt aufzwingen zu müssen.“ Immer noch gebe es „leider in unserer Gesellschaft weltweit Entwicklungen, die jegliche Toleranz und Achtung gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Menschen mit anderer Hautfarbe vermissen lassen“.
Dem Gegenüber vorurteilsfrei zuhören
Heilinglechner wünschte sich, dass der Volkstrauertag die Hoffnung auf Menschlichkeit, „den gegenseitigen Respekt und die gegenseitige Akzeptanz“ nährt. „Man mag das naiv finden“, schickte der Rathauschef seinen nächsten Sätzen voraus, doch für ihn sei der eigentliche Sinn dieses Sonntagmorgens: „Selbst wenn wir noch so unterschiedlicher Meinung sein mögen: Wenn es uns gelingt, dem anderen vorurteilsfrei zuzuhören, uns vielleicht auch in ihn oder sie hineinzuversetzen und zu akzeptieren, dass die Welt nicht nur aus Schwarz oder Weiß besteht – dann können wir zu einer Lösung kommen.“
Heilinglechner appellierte an die rund 150 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung: „Verzichten wir öfter einmal auf das ,Entweder/Oder’ und ersetzen wir es durch ein ,Und’. Sie werden sehen, es geht. Wirtschaft und Klimaschutz. Freiheit und Verantwortung. Menschenrechte und Menschenpflichten.“
Wolfratshauser denken an die Menschen in Freundschaftsstadt Brody/Ukraine
Das gemeinsame Erinnern gibt laut Bürgermeister Halt, Trost und Mut. „Auch wenn es vielleicht ein schwacher Trost ist, aber wir wollen unsere Gedanken und die Hoffnung auf ein baldiges friedvolles Beenden des Krieges an die Bevölkerung der Ukraine schicken.“ Die Loisachstadt unterhält seit 13 Jahren freundschaftliche Beziehungen zur Stadt Brody im Westen der Ukraine. Einen Tag nach Kriegsausbruch wurde „Brody Air Base“, ein Luftwaffenstützpunkt rund zehn Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, bombardiert. (cce)
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