Ein Tölzer, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs fiel, liegt in Mainz begraben. Dort hat eine Reservistenkameradschaft die Patenschaft für das Grab übernommen. Die Geschichte einer Spurensuche.
Bad Tölz/Finthen – Juni 2018: Im Postfach des Tölzer Kurier findet sich eine E-Mail vom Vorsitzenden der Reservistenkameradschaft Finthen, einem Ortsbezirk von Mainz. Hauptmann a. D. Hartmut Frerichs erzählt vom Grab eines Tölzer Soldaten auf dem dortigen Friedhof, dessen Pflege man übernommen habe. Ob die Geschichte interessiere und ob man mehr über Wilhelm Kammerbauer wisse?
Natürlich interessierte die Geschichte und wir verblieben so, dass wir bis zum Volkstrauertag herausbekommen, wer der Tölzer Soldat gewesen ist, der vermutlich 51 Tage vor Kriegsende gefallen ist und in einem Einzelgrab nahe Mainz bestattet wurde.
Der Tölzer Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr konnte die Frage nach der Herkunft von Kammerbauer beantworten. Seinen Recherchen zufolge war er der 1903 geborene Sohn des Bahnmeisters Wilhelm Kammerbauer, der am Bahnhofplatz 1 lebte. Lindmeyr nimmt an, dass Kammerbauer sen. am früheren Bahnhof gearbeitet hat. Da er in seinen Archiv-Unterlagen nicht mehr über die Familie fand, nimmt der Stadtarchivar an, dass die Familie nur einige Jahre in Tölz gelebt hat.
Dann verliert sich die Spur der Kammerbauers, bis 72 Jahre nach Kriegsende ein Mitglied der Reservistenkameradschaft Finthen auf dem Friedhof Drais bei Mainz das Grab entdeckt. Es wurde von einer älteren Dame betreut, deren Mann in der Nähe bestattet ist. „Weil sich doch sonst keiner darum kümmert“, nannte Annetrud Silz die Beweggründe, warum sie die verwitterte Schrift erneuern ließ.
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Die Reservistenkameradschaft und ihr Freundeskreis beschlossen daraufhin, die Patenschaft für dieses Grab eines unbekannten Soldaten zu übernehmen. Das sei nicht so einfach gewesen, wie man meint, erzählt Vorstand Frerichs. „Aber ich bin gebürtiger Ostfriese. Wir sind hartnäckig.“ Es galt, Zuständigkeiten zwischen Land und Stadt Mainz klären.
Frerichs wandte sich schließlich sogar an den Oberbürgermeister von Mainz, Michael Ebling, der die Sache der Reservisten unterstützte.
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Im Juni übernahm die Reservistenkameradschaft offiziell die Patenschaft für das Grab. Sie wurde bei einer kleinen Feierstunde besiegelt. Frerichs Wunsch: „Wir wollen die Anonymität des Kameraden mildern, ihm seine Identität und Würde zurückgeben und bewahren.“
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Frerichs ist auch sonst nicht untätig geblieben. So fand er heraus, dass der Stabsgefreite Kammerbauer vermutlich bei einem Gefecht im Ober-Olmer-Wald gefallen ist. Laut Grabstein gehörte er zu einer Luftwaffen-Nachschubkompanie, die allerdings nicht genau zuzuordnen ist. Auch das Gefallenendatum 10. März 1945 hält Frerichs aus örtlichen und zeitlichen Gründen für nicht plausibel und glaubt, dass der 17. März 1945 korrekt ist. Diese Einschätzung deckt sich mit der Einwohner-Meldekarte des Stadtarchivs Bad Tölz. Dort ist als Sterbedatum für Wilhelm Kammerbauer der 17. März 1945 vermerkt.
