Heuer 42 Geflüchtete in Arbeit vermittelt

Warum haben erst so wenige Ukrainer einen Job gefunden?

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Nicht nur in der Gastronomie, in nahezu jeder Branche werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Einstieg in die Erwerbstätigkeit
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Arbeitskräfte werden in nahezu jeder Branche händeringend gesucht. Gleichzeitig sind seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Dem Arbeitsmarkt stehen aber längst noch nicht alle zur Verfügung. Heuer wurden bisher 42 Ukrainer in sozialversicherungspflichtige Jobs vermittelt.

Landkreis – Das größte Problem sei nach wie vor die Sprache, sagt der Chef des Jobcenters Weilheim-Schongau, Jan Riediger, im Gespräch mit der Heimatzeitung. Viele Ukrainer hätten das wichtige Sprachniveau B1 noch nicht erreicht. Das sei allerdings in der Regel die Mindestvoraussetzung, die Unternehmen nennen, um Jobs zu vergeben. So ein Sprachkurs, berichtet Riediger weiter, dauere in der Regel neun Monate. Dem schließe sich ein sogenannter Orientierungskurs an, der weitere drei Monate dauere. Neben der langen Dauer der Sprachkurse sei auch deren Verfügbarkeit ein Problem: „Wir haben immer noch nicht alle Ukrainer, die im vergangenen Jahr in Deutschland angekommen sind, in einen Sprachkurs vermitteln können“, so der Jobcenter-Chef.

Zwar gestalte sich die Zusammenarbeit mit den drei Bildungsträgern hervorragend – auch, weil die Unternehmen mittlerweile eng miteinander kooperieren und sich abstimmen –, aber trotzdem gebe es immer noch zu wenig Plätze in den Sprachkursen.

In der Regel reicht das Sprachniveau B1 für die meisten Jobs aus

Dennoch: Die ersten Sprach- und Orientierungskurse enden derzeit. Und dann setzen die Vermittlungsbemühungen des Jobcenters intensiv ein. „Da steht die Frage im Raum, ob es einen Anschluss-Sprachkurs braucht“, so Riediger. In der Regel reiche das Niveau B1 allerdings aus, um sich gut zu verständigen. Dann gelte es, die Geflüchteten dafür zu sensibilisieren, eine Beschäftigung aufzunehmen.

„Wir haben deshalb vier Infoveranstaltungen in Penzberg, Peißenberg, Weilheim und Schongau veranstaltet, in denen wir den Ukrainern genau erklärt haben, welche Vorteile für sie damit verbunden sind und ihre Fragen beantwortet“, so Riediger. So wussten viele nicht, dass das Jobcenter auch weiterhin Leistungen ausbezahlt, wenn das Anfangsgehalt niedrig ausfällt und der Lebensunterhalt nicht gedeckt werden kann. Und dass dadurch doch am Ende mehr Geld zur Verfügung steht, wenn man arbeiten geht.

Ein richtiger Job bringt viele Vorteile mit sich

Ein Vorteil, den viele Ukrainer in der Aufnahme einer bezahlten Arbeit sehen, sei auch „mehr Freiheit“. Denn die Regeln beim Jobcenter sind streng. 21 Kalendertage pro Jahr können die Leistungsempfänger abwesend und nicht erreichbar sein. Wenn die Ukrainer zurück in die Heimat fahren, um Dokumente zu besorgen oder Verwandte zu besuchen, sind die drei Wochen schnell aufgebraucht. Wer eine bezahlte Arbeit annimmt, hat in der Regel deutlich mehr Urlaub. Und auch die Suche nach einer eigenen Wohnung gestaltet sich deutlich einfach, wenn man eine Festanstellung vorzuweisen hat.

„Viele wollen diesen Weg daher gehen“, so Riediger. Das Jobcenter unterstütze sie auf diesem Weg. „Wir schicken denjenigen, die mit den Kursen durch sind, passende Arbeitsangebote zu.“ Dabei achte man schon darauf, dass sie auch zum jeweiligen Kunden passen. Gleichwohl wird nicht nur gefördert, sondern auch gefordert: Wer ein solches Angebot ablehnt und keine wichtige Begründung abgeben kann, dem droht eine Leistungsminderung.

Arbeitgeber sollten „offener und kreativer“ werden

Es seien vor allem Helferjobs, die den Ukrainern angeboten werden. „Aber das ist für den Anfang auch in Ordnung und eine gute Chance für eine schnellere Integration. Und wenn man sich im Unternehmen bewährt, dann ist die Bereitschaft der Arbeitgeber, den Mitarbeiter auf Wunsch weiter zu qualifizieren, sicher hoch.“

Neben der immens hohen Sprachbarriere seien auch nach wie vor in einigen Fällen fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder in der Region ein Problem. Viele Frauen mit kleinen Kindern seien nach Deutschland geflohen. Damit sie eine Arbeit aufnehmen oder einen Integrationskurs besuchen können, müssen die Kinder betreut werden.

Schlussendlich wünscht sich Riediger auch, dass die Arbeitgeber, die dringend Mitarbeiter suchen, „offener und kreativer“ mit der Problematik umgehen. „Ist es wirklich immer nötig, dass die Leute perfekt Deutsch sprechen? Oder kann man sich vielleicht auch mit einem Übersetzungsprogramm auf dem Handy behelfen, wenn man dafür gleich die dringend benötigte Unterstützung in seinem Unternehmen bekommt?“

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