VonMagnus Reitingerschließen
Traumstart für die „Weilheimer Lesepause“: Schauspielerin Jutta Speidel stellte vor fast 300 Besuchern auf dem Kirchplatz ihren Debütroman vor – und begeisterte dabei mit ihrer spürbaren Lebenslust und ihrem Humor.
Weilheim – Sympathischer, schöner und auch erfolgreicher hätte sie nicht beginnen können, die vierte Ausgabe der „Weilheimer Lesepause“: Der Kirchplatz randvoll besetzt, das Publikum bunt gemischt, die Stimmung gelöst, der Sommerabend lau – und die Hauptperson eine Wucht. Gleich zum Auftakt war diesmal der prominenteste Gast des gesamten, immerhin elftägigen Festivals gekommen: Jutta Speidel, die seit 50 Jahren eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands ist, aber nicht minder für ihr soziales Engagement bewundert wird. Drei Häuser für wohnungslose Mütter und Kinder betreibt ihr Verein „Horizont“ mittlerweile in München.
Der Besuch einer „so schillernden, so couragierten und so kraftvollen Persönlichkeit“ – wie Mitorganisatorin Sybille Fleck bei der Begrüßung sagte – lockte fast 300 Besucher in Weilheims Stadtmitte. Und die erlebten einen Star ohne Allüren, dafür mit Humor. Sie werde in der Pause nicht nur Bücher vom sicher leergekauften Verkaufsstand signieren, sagte die Münchnerin zum Ablauf des Abends: „Ich mach‘ natürlich auch Selfies und den ganzen Schmarrn.“ Eine Chance, die sich auch mancher Lokalpolitiker nicht entgehen ließ.
„Alle Harleys bitte vorbeifahren“
Doch Jutta Speidels Auftritt war nicht Charity-Event, nicht Gala, sondern in jeder Hinsicht ernsthafte Autorenlesung. Zweimal 45 Minuten las die 70-Jährige aus ihrem eben erschienenen Debüt-Roman „Amaryllis“. Die dicht gedrängten Zuhörer lauschten gespannt und gebannt, auf dem Kirchplatz war es mucksmäuschenstill – wenn nicht gerade ein Motorrad vorbeiknatterte. Doch auch so was parierte Speidel gekonnt: „Alle Harleys bitte vorbeifahren“, mimte sie mit fester Stimme eine offizielle Durchsage, „danke!“.
In „Amaryllis“ begleitet Jutta Speidel eine Frau durchs Leben, die davon träumt, als Artistin und Clownin berühmt zu werden, aber doch vor allem Muse und Managerin eines Mannes bleibt, dem statt ihrer dieser Durchbruch gelingt. Die grundsympathische, herrlich ehrliche Valerie wird dabei in verschiedenen Lebensphasen vorgestellt: Sie genießt als Vierjährige das Idyll bei der Großmutter, lässt sich als Vierzehnjährige in der Kleinstadt am Bodensee den Kopf verdrehen, macht sich als Vierzigjährige Gedanken über das Leben als Frau und an sich. Ohne große Schnörkel lässt die Autorin atmosphärische Bilder im Kopf und im Herzen ihrer Zuhörer respektive Leser entstehen.
Lesefest geht weiter
Auch das Herz und die Seele der Jutta Speidel glaubt man an diesem Abend auf dem Kirchplatz ein bisschen kennenzulernen. „Trinken wir jetzt alle miteinander ein Gläschen?“, fragt sie am Ende ihrer langen, aber kurzweiligen Lesung ins Publikum. Und das „Lesepause“-Team – dessen Kern mit Riesen-Einsatz Uta Orawetz, Gerd Veit, Ellen Verwold und Sybille Fleck bilden – reicht schon Sekt und Saft durch die Reihen. Grund zum Anstoßen haben die Organisatoren und ihre Gäste allemal an diesem rundum gelungenen Abend. Möge es so weitergehen bis zum 4. August bei diesem einzigartigen Lesefest: mit dem Wetter, der Stimmung, mit der Neugierde des Publikums. Auch wenn die weiteren Vortragenden nicht so berühmt sind wie Jutta Speidel – es gibt viel zu entdecken in den kommenden Wochen, mitten in Weilheim.
Die nächsten Veranstaltungen
bei der „Weilheimer Lesepause“ am Kirchplatz: Samstag, 27. Juli, 19 Uhr: Kabarettistische Krimi-Lesung mit Alexandra Stiglmeier (Peiting), „Männer, Mord und Remmidemmi“; 20.30 Uhr: Der Feldafinger Krimi-Autor Guido Buettgen liest aus „Champagnergrab“ und erzählt von der Buchentstehung. Sonntag, 28. Juli, 19 Uhr: „Yesterday when I was young – oder war‘s vorgestern?“, Autor und Naturfotograf Ludwig Endres erzählt aus seiner Kindheit und Jugend; 20.30 Uhr: „Open Mic“ – Offene Bühne für Poeten mit „smART-faireinte Bühne“. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Info: lesepause-am-kirchplatz.de

