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Gleich doppelt wurde Weilheims Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt diese Woche gefeiert: Anlässlich der Grundsteinlegung vor 400 Jahren lobte eine Andacht den „Mut zu Neuem“. Und ein Experte erklärte, warum dieser Bau so „ganz besonders“ ist.
„So eine schöne alte Kirche!“ – das ist oft zu hören, wenn Besucher von Fern und Nah die Weilheimer Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt besichtigen. Doch Weilheims Stadtpfarrer Engelbert Birkle will mit deren Grundsteinlegung vor genau 400 Jahren (wir berichteten) nicht nur etwas „schönes Altes“ feiern. In einem festlichen Abendlob zum Jubiläum würdigte er diese Woche, dass die Weilheimer anno 1624, mitten im 30-jährigen Krieg, den Mut hatten, „etwas ganz Neues zu wagen“.
Indem sie viel Licht und Helligkeit in den Kirchenraum brachten, hätten die Verantwortlichen damals den „Impuls zum Aufbruch in eine neue Zeit“ aufgenommen. So lud Birkle bei der gemeinsam mit Diakon Stefan Reichhart gestalteten Andacht ein, diesen „Mut zu Neuem zu spüren“. Zugleich verband sich die Gemeinde im Licht der großen Osterkerze und mit geistlichen Liedern aus der Zeit des Kirchenbaus „mit all dem, was in diesen 400 Jahren hier gelebt, gebetet und gehofft wurde“.
Weilheim hat die erste barocke Deckenmalerei in ganz Bayern
Was für ein Schatz da mitten in Weilheim steht, das führte im Anschluss ein Fachmann rund 100 Zuhörern im Pfarrheim Miteinander vor Augen. Bei seinem Vortrag zum Jubiläum erläuterte der Kunst- und Architekturhistoriker Dr. Peter Heinrich Jahn, der 1966 in Weilheim geboren und direkt am Kirchplatz aufgewachsen ist, Besonderheiten der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Einige davon sind bereits wohlbekannt: Etwa, dass hier über dem Altarraum die erste Kirchenkuppel in Altbayern entstand und über dem Hauptschiff die erste barocke Deckenmalerei in ganz Bayern. Letzteres sei wahrlich „spektakulär“, so Jahn, „eine Besonderheit, auf die Weilheim stolz sein kann“.
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Inspirationen aus Venedig für den Bau der Weilheimer Kirche
Weniger bekannt sei, dass man die hiesige Kirchenkuppel richtungsweisend in „innovativer Leichtbauweise“ errichtete – und dass die Tradition der Wandpfeilerkirche in Weilheim „erstmals auf eine Großkirche angewandt und in moderne Formen übersetzt“ wurde. Laut Jahns Forschung diente die Marienkirche Santa Maria dei Miracoli in Venedig für Weilheims Kirchenbau als Vorbild in Form und Konstruktion. Das zeige sich etwa im Chorbogen, in Fensterformen und Pilastern.
Für den derzeit in Dresden wirkenden Historiker steht fest, dass Hans Krumpper der Architekt der Weilheimer Stadtpfarrkirche war – und Bartholomäus Steinle „nur“ der Bauverwalter. Krumpper, um 1570 in Weilheim geboren, machte als Hofkünstler am bayerischen Herzoghof Karriere und war „ein Venedig-Kenner“, so Jahn. Doch nicht alle Ideen Krumppers für den Weilheimer Kirchenbau seien auch ausgeführt worden. Und manches sei über die Jahrhunderte auch verloren gegangen, etwa die Figuren des Bistumspatrons St. Ulrich und von Bayerns Schutzheiligem St. Benno am Hochaltar.
Rätsel um ein zugemauertes Fenster hinter dem Hochaltar
Beim Bau der Kirche vor 400 Jahren hätten auch „Sparzwänge“ geherrscht, so der Referent. Er vermutet, dass ein zugemauertes Fenster hinter dem Hochaltar eigentlich das nun im Altarbild gezeigte „Grab Mariens“ hätte werden sollen – dass man also eigentlich einen bühnenartigen „skulpturalen Hochaltar“ plante, dieser aber nicht finanzierbar war.
Wäre es anders gelaufen, gäbe es also noch eine Attraktion mehr in Mariä Himmelfahrt. Aber auch so sei dieses Gotteshaus reich an Besonderheiten, so Jahn. Er würdigte zudem, dass da eine ambitionierte „politische Kirche“ mit klaren (katholischen) Botschaften in Zeiten der Konfessionsstreitigkeiten gebaut wurde und das Gebäude auch als „Versuchslabor“ für die Kunsthandwerker der weltberühmten Wessobrunner Schule diente. Die Weilheimer Stadtpfarrkirche sei ein „Vorbildbau für den frühen altbayerischen und schwäbischen Sakralbarock“, schloss Jahn seinen kurzweiligen, viel beklatschten Vortrag: „Erzählen Sie‘s rum, was wir für eine tolle Pfarrkirche haben!“, so sein Appell an die Zuhörer.
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