VonVolker Ufertingerschließen
Das Karwendel galt lange als gar nicht sonderlich interessant. Bis sich der Eurasburger Hermann von Barth aufmachte, die Gipfel zu erkunden.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Das Schloss Eurasburg hatte im Laufe seiner Geschichte viele hochadelige Besitzer. Darunter die Wittelsbacher, die Gumppenbergs und, zwischen 1816 und 1858, die Freiherren von Barth. Bei diesem Namen werden Bergsteiger hellhörig, denn: Hermann von Barth-Harmating, der wohl berühmteste Sproß der Familie, gilt als Entdecker des Karwendel. Vor genau 175 Jahren, am 5. Juni 1845, wurde er hoch über der Loisach geboren.
Der große Alpinist verbringt auf Schloss Eurasburg seine Kindheit und Jugend, bis sein Vater das Anwesen 1858 verkauft. Die Familie zieht nach München. Der junge Mann macht sein Abitur, studiert Rechtswissenschaften und landet als Referendar am Landgericht Berchtesgaden. Hier erkundet er die noch weitgehend unerschlossene Bergwelt, meist allein, so, wie er es ein Leben lang halten sollte. Mit seinem langen Bergstock und seiner hochgewachsenen Statur war er angeblich imposant anzusehen. Auch auf seiner nächsten Station, dem Bezirksamt Sonthofen im Allgäu, klettert er 1869 rastlos auf Dutzende Gipfel.
Seine Kurzsichtigkeit erspart ihm den Krieg
Im Jahr darauf tobt der deutsch-französische Krieg. Hermann von Barth, zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt, hat Glück: Wegen seiner Kurzsichtigkeit wird er nicht eingezogen. Er nutzt die Zeit, das Karwendel zu erkunden, zu jener Zeit keine Top-Adresse in den Alpen, man hat höhere Gipfel im Blick. Im Sommer 1870 besteigt er sage und schreibe 88 Gipfel, davon zwölf als erster Mensch. Dort, wo sich heute teils Menschenmassen tummeln, trifft er höchstens hie und da auf Jäger und Hirten.
Unterwegs ist der Eurasburger Einzelgänger keineswegs in der speziellen Ausrüstung von heute. Wer auf die Berge will, muss improvisieren. Wasser wird in einer bruchsicheren Champagnerflaschen abgefüllt, zu essen gibt es „Liebigs Fleischextrakt“. Die Schuhe sind die von Mähern an steilen Grashängen, und ein Stock hilft, Spalten zu überwinden. Dabei betreibt von Barth exakte Naturwissenschaft, er zeichnet Kammverläufe, sammelt Fossilien und Steine.
Sein Buch über das Karwendel wird ein Bestseller
Wieder im Tal angekommen, übt von Barth die Rechtswissenschaften immer unwilliger aus. Konsequenterweise scheidet er aus dem Staatsdienst aus und studiert Naturwissenschaft, samt Doktorarbeit in Geologie und Mineralogie. 1874 passiert etwas, worauf er schon fast nicht mehr gehofft hatte: Es findet sich ein Verleger für seine umfangreichen Notizen. 1874 erscheint das Buch „Aus den nördlichen Kalkalpen“, 661 Seiten ist es dick. Es wird ein echter Bestseller für das gehobene Bürgertum, das damals die Berge für sich entdeckt. Viele Passagen belegen, wie packend von Barth formulieren konnte. Als er etwa von dem Schneesturm berichtet, der ihn am Aufstieg der Kaltwasserkarspitze hindern wollte schreibt er: „Rase der Sturm mit zehnfacher Gewalt, ich schleudere ihm frevelmuthig meine gellenden Jauchzer entgegen! Im Kampf mit dem entfesselten Element bin ich der Stärkere – und bin allein.“
Schuss ins Herz: In Afrika begeht von Barth Suizid
Nach den Kalkalpen wendet sich der Eurasburger Afrika zu. 1875 schreibt er ein Buch über Forschungsreisen in den schwarzen Kontinent, worin der legendäre David Livingston, der Entdecker der Victoriafälle, eine wichtige Rolle spielt. Kurz darauf wird von Barth selbst von der Geographischen Gesellschaft München gefragt, ob er an einer Westafrika-Expedition teilnehmen möchte. Er sagt zu, ohne zu ahnen, dass es sein Ende sein wird.
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Im Sommer 1876 trifft er in Angola ein. Ohne, wie erhofft, Neuland entdeckt zu haben, erkrankt von Barth schwer an Tropenfieber. Er muss von Trägern in die Hauptstadt Loanda zurück gebracht werden, sein Traum ist zerbrochen. „Es liegt eine totale Erschöpfung der ganzen Natur vor“, schreibt er in seinen letzten Briefe. Ohne Hoffnung auf Genesung begeht er Suizid. Am 7. Dezember 1876 nimmt sich Hermann von Barth mit einem Revolverschuss ins Herz das Leben.
Das erinnert heute noch an den großen Alpinisten
Hermann von Barth ist keineswegs in Vergessenheit geraten – auch in seiner Heimatgemeinde Eurasburg nicht. Dort erinnert die Freiherr-von-Barth-Straße an den großen Alpinisten. Im Karwendel, genauer im Kleinen Ahornboden, wurde schon wenige Jahre nach seinem Tod im Jahr 1882 ein Denkmal in Form eines pyramidenförmigen Steins errichtet. Gewidmet ist es dem „Erforscher dieses Alpengebiets“, wie auf der Bronzetafel steht. Nach dem großen Eurasburger benannt ist auch ein Grat im Karwendel zwischen Katzenkopf und Jägerkarspitze. Beiderseits stürzt der Fels ins Bodenlose ab, man braucht gute Nerven, wie Hermann von Barth. Der Deutsche Alpenverein wird vermutlich in einem seiner nächsten Panorama-Hefte an den großen Eurasburger erinnern. Punktgenau am 5. Juni soll ein Beitrag auf alpenverein.de online gehen.
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