VonDieter Dorbyschließen
Der kleine Ort Wilparting liegt unscheinbar an der Autobahn A 8. Doch seine Wallfahrtskirche St. Marinus und Anianus hat ihn über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt, wenn nicht gar berühmt gemacht. Und glaubt man Mesner Franz Köll: sogar weltweit.
Nun feiert der Pfarrverband Irschenberg das 1325-jährige Bestehen des Wallfahrtsorts. Gelegenheit, einen Blick in das Gotteshaus zu werfen, das die meisten nur von außen kennen.
Wie groß das Interesse an St. Marinus und Anianus ist, merkt man, wenn man länger dort ist. Immer wieder kommen Menschen, die in die Kirche schauen, durch die zwei Gucklöcher der benachbarten Kapelle luren und Fotos machen – vom Gotteshaus und natürlich dem malerischen Bergpanorama. Die Kennzeichen am Parkplatz lassen vermuten: Ganz Deutschland kennt Wilparting.
Perfektes Urlaubsfoto am Wegesrand
Was nicht verwundert. Direkt von der Autobahn aus ist die kleine Kirche gut zu sehen, dahinter die Berge – ein perfektes Urlaubsfoto am Wegesrand. Das Motiv ist vielfach bekannt, der historische Hintergrund weniger. 1325 Jahre sind seit dem Tod des Bischofs Marinus und seines Neffen, des Diakons Anianus, vergangen. Beide starben am selben Tag, am 15. November 697 – Anianus starb eines natürlichen Todes in seiner Behausung in Alb, Marinus auf dem Scheiterhaufen in Wilparting.
Missionare aus Irland pilgern zum Papst
Es wird vermutet, dass beide aus Irland stammten, nach Rom pilgerten und dort von Papst Eugen I. Segen und Auftrag zur Mission erhielten. Über die Alpen ging es nach Salzburg, Rott am Inn und schließlich nach Irschenberg, wo beide in Wilparting und Alb 40 Jahre lang die Bevölkerung im christlichen Glauben unterwiesen. Bis räuberische Slawen Marinus gefangen nahmen und ihn folterten. Er sollte umliegende Siedlungen verraten, doch der Märtyrer schwieg und wurde verbrannt.
In der Kirche sind die sterblichen Überreste der beiden Ortsheiligen in Reliquienschreinen am Hochaltar zu sehen. Während sich von Anianus eine Vielzahl an Gebeinen darin befinden, ist von Marinus kaum etwas erhalten. „Gerade mal die Hirnschale, weil diese nicht komplett verbrannte“, erklärt der Mesner. Dazu noch ein paar Reste. Eine kunstvolle Mitra verweist auf Marinus’ Bischofswürde.
Bischof und Diakon, wie sie gemeinsam Seelsorge betreiben und das Wort Gottes verkünden, ist für Pfarrer Tadeusz Kmiec-Forstner eine Besonderheit dieses Ortes. „Sie versuchen immer bei den Menschen zu sein. Diese Verbindung ist hier sehr groß.“ Auch habe der Ort eine besondere Kraft. „Wilparting ist eine Quelle zur Stärkung. Nicht nur für den Pfarrverband oder das Dekanat, sondern für die Diözese.“ Er selbst schätze die Kirche wegen der Ruhe.
Schöne Einblicke: Virtueller Rundgang auf Youtube durch St. Marinus und Anianus
Und sie ist ein Schmuckkästchen mit besonderen Stücken. Da ist die kleine Haubengussglocke, mit der der Gottesdienst eröffnet wird. Es ist wohl die älteste intakte Kirchenglocke in Bayern, meinen Pfarrer und Mesner unisono – wenn nicht sogar in Deutschland. Sechs große Bilder erzählen die Geschichte von Marinus und Anianus, zwölf kleine das Martyrium von Jesus.
Besonders beeindruckend ist das Deckengemälde, das Marinus auf dem Scheiterhaufen darstellt. Die Originalfarben sind heute noch vollständig erhalten und wirken frisch und klar. „Die Gemälde brauchen die kalte, feuchte Luft“, erklärt Köll. Was Tadeusz bestätigt: „Eine Heizung in der Kirche wäre das Ende. Die Gemälde brauchen 70 Prozent Luftfeuchtigkeit.“ Bei der Innenrestaurierung von Wilparting vor 45 Jahren habe man die Malerei nur mit Pinselchen und Watte gesäubert – „das hat gereicht“.
Kirche abgebrannt und wieder aufgebaut
In der Mitte des Ganges steht das Hochgrab. Ein Sarkophag, der auf der Stelle des Scheiterhaufes errichtet worden sein soll. Anfangs war dort Marinus’ Grab, dann wurde dort eine kleine Holzkirche für die vielen Pilger gebaut, die aber 1200 abbrannte. Die Überreste im Grab wurden vom Kloster Rott verwahrt, bis die neue Kirche in der heutigen Form schrittweise errichtet war. 1759 war sie fertig.
Draußen befindet sich neben der Kirche die Kapelle St. Veit oder besser St. Vitus. Dort soll sich der Legende nach Marinus’ Zelle befunden haben. Erbaut wurde die barockgeprägte, achteckige Kapelle 1697. Marinus und Anianus rahmen deren Altar ein, in dessen Mitte Vitus im Kessel mit heißem Öl zu sehen ist.
Beliebte Kirche für Hochzeiten
Für viele Hochzeitsgäste ist die Wallfahrtskirche aber ungeachtet ihrer kirchlichen Bedeutung und historischen Schätze vielmehr eine „coole Location“ mit Bergblick. Vor Corona wurden hier über 40 Trauungen pro Jahr vollzogen. Brautpaare aus aller Welt seien schon hier gewesen, bestätigt Köll. Sogar ein Paar aus Indien habe hier geheiratet.
So wie die Kirche keine Heizung hat, so hat sie auch kein elektrisches Geläut. Wenn die Glocke schlägt, dann werden die Seile im hinteren Kirchenschiff von Hand gezogen. Eine anstrengende Arbeit, die dem Mesner obliegt. „Aber manchmal überlasse ich das auch jungen Burschen unter den Hochzeitsgästen“, verrät er. „Die haben dann große Freude, läuten zu dürfen.“
Mesner Franz Köll - schon sein Großvater kümmerte sich um Wilparting
Die Wallfahrtskirche hat Krölls Leben geprägt. Schon sein Großvater war hier Mesner und hat sich um das Gotteshaus gekümmert. „Dann meine Mutter. Und als die nicht mehr konnte, dann ich“, erzählt der ehemalige Wirt vom Moarhof. Seit weit über 20 Jahren sperrt der 78-Jährige die Kirche jeden Tag auf und zu. Er kümmert sich, macht Führungen. Damit die Geschichte von Marinus und Anianus nicht vergessen wird.
ddy
Die Veranstaltungen rund um das Jubiläum von Wilparting
Sonntag, 2. Oktober: 19 Uhr feierliche Vesper zum Erntedank, gestaltet vom Kirchenchor Irschenberg.
Samstag, 8. Oktober: 15 Uhr Sternwallfahrt nach Wilparting – Start Irschenberg 14.30 Uhr, Frauenried 13.30 Uhr (Poschanger), Niklasreuth 13 Uhr.
Samstag, 22. Oktober: 19.30 Uhr festliches Konzert mit Guido Segers (Trompete) und Johannes Berger (Orgel).
Samstag, 12. November: 19.30 Uhr Herbstkonzert der Chorgemeinschaft Irschenberg.
Montag, 14. November: 19.30 Uhr Heilige Messe in Alb zu Ehren St. Marinus und Anianus, gestaltet vom Förderverein Volksmusik Bruckmühl.
Dienstag, 15. November: Mareistag – 8.30 Uhr Heilige Messe zum Patrozinium, 10 Uhr Festgottesdienst (Zelebrant Weihbischof em. Bernhard Haßlberger), 15 Uhr Andacht mit Kindersegnung, 18 Uhr feierliche Vesper der Diakone der Erzdiözese.
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