VonSilke Schederschließen
Sandra Kern rechnet mit eklatanten Umsatz-Ausfällen für Bad Tölz und die ansässigen Betriebe. Trotzdem sieht die Wirtschaftsförderin in der Corona-Krise auch eine große Chance für die Stadt.
Frau Kern, wen trifft die Krise in der Region besonders hart?
Die Kulturszene ist aktuell besonders stark betroffen, vor allem weil für diesen Bereich noch kein Ende in Sicht ist. Wir gehen davon aus, dass Veranstaltungen erst als eine der letzten Maßnahmen gelockert werden. Viele Kulturveranstalter verschieben ihre Termine ins kommende Jahr, was zur Folge hat, dass nächstes Jahr wenig zusätzliche Veranstaltungen angeboten werden können. Auch die Betriebe der Freizeitwirtschaft wie die Blombergbahn leiden stark unter den momentanen Beschränkungen.
Trifft es nicht auch die Tölzer Wirtschaft besonders hart, weil viele Unternehmen vom Tourismus und der Gastronomie leben?
Wir haben in Bad Tölz eine gute Durchmischung an Gewerbe, Tourismus und Dienstleistungsbetrieben. Trotzdem spielt der Tourismus im Gesamtwirtschaftskreislauf eine sehr wichtige Rolle. Betroffen sind nicht nur Unternehmen der ersten Wertschöpfungskette, also zum Beispiel die Gastronomie. Auch die zweite Wertschöpfungsstufe, wie beispielsweise das Handwerk, spürt Auswirkungen. Allerdings haben wir dank einer touristischen Ausrichtung auch die Chance, dass wir nach der Krise durch einen gestärkten Inlandstourismus und Tagesgäste schneller wieder ein nennenswertes Niveau erreichen.
9801 Menschen im Landkreis in Kurzarbeit
Wie verunsichert sind die Unternehmen? Keiner weiß ja im Moment, wie es weitergeht.
Es ist eine gewisse Verunsicherung über alle Branchen hinweg wahrnehmbar, teilweise sind auch Existenzängste spürbar.
Glauben Sie, dass einige Betriebe in ihrer Existenz gefährdet sind?
Ich höre, dass viele Betriebe aktuell zu kämpfen haben. An mich ist jedoch noch kein Unternehmen herangetreten, das konkret von einer Insolvenz oder einer Betriebsaufgabe gesprochen hat.
Großveranstaltungen wie das Harley-Treffen sind abgesagt, Übernachtungsgäste kommen frühestens Ende des Monats wieder. Wie viel Umsatz geht der Stadt beziehungsweise den Unternehmen verloren?
Wir rechnen mit eklatanten Ausfällen, können diese jedoch aktuell noch nicht beziffern, da zum Beispiel Gewerbesteuer oder Fremdenverkehrsbeitrag zeitverzögert abgerechnet werden. Den wirtschaftlichen Schaden wird man erst in den nächsten Wochen und Jahren konkretisieren können. Gemäß dem Ifo-Institut liegen die temporären Wertschöpfungsverluste in der Shutdown-Phase im deutschen Durchschnitt bei 53 Prozent, was sich voraussichtlich auch bei Tölzer Unternehmen zeigen wird. Für den Tourismussektor lässt sich laut Aussage der Marketinggesellschaft „Bayern Tourismus Marketing“ von vorletzter Woche bereits jetzt sagen, dass die bayernweiten Umsatzeinbußen in der Tourismusbranche nahezu so groß sind wie der bisherige Bruttoumsatz für ganz Oberbayern inklusive München in einem ganzen Jahr. Bundesweit kostet laut DWIF – das ist eine führende Tourismusberatungsfirma – allein der Ausfall der beiden „Ostermonate“ März und April den Deutschland-Tourismus rund 24 Milliarden Euro.
Trotz Krise: „Viel Enthusiasmus“ in Bad Tölz
Haben Sie einen Überblick, wie viele Unternehmen Kurzarbeit angemeldet haben?
Die aktuellen Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen, dass für den Zeitraum 1. März bis 26. April für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bisher 1173 Anzeigen für „konjunkturelle Kurzarbeit“ eingegangen sind. Dies betrifft landkreisweit 9801 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es handelt sich bei den Werten um eine Momentaufnahme des 26. April.
Manche Städte haben eine Hotline eingerichtet, um die Unternehmen bei Problemen und Fragen zu unterstützen. Welche Angebote gibt es in Tölz?
Ich nenne das zwar nicht Hotline, aber selbstverständlich bin ich telefonisch und per E-Mail für alle Fragen zu Soforthilfen, Sonderkrediten, Allgemeinverfügungen und so weiter erreichbar. Außerdem sende ich ein- bis zweimal pro Woche Rund-Mails an die Unternehmer, in denen ich über die aktuellsten Infos berichte. Der neue Facebook-Account und die Wirtschaftsseite halte ich selbstverständlich auch aktuell.
Nachwirkungen noch lange zu spüren
Wie lange werden die Auswirkungen der Corona-Krise in der Region spürbar sein? Was wird sich Ihrer Meinung nach längerfristig verändern?
Wir werden die Nachwirkungen auf jeden Fall noch eine Zeit lang in unterschiedlichen Bereichen des Alltags spüren. Langfristig denke ich, dass vielleicht ein Umdenken hinsichtlich Konsum stattfindet oder der Fokus auf Themen wie Zusammenhalt, Regionalität und Nachhaltigkeit geschärft wird.
Glauben Sie, dass Tölz gestärkt aus der Krise hervorgehen kann?
Ich bin überzeugt, dass jede Krise die Chance für Weiterentwicklung mit sich bringt – sofern man bereit ist, diese einzuleiten. Eine große Chance könnte für Bad Tölz die Stärkung der eigenen Region sein. Wir haben hier so viele abwechslungsreiche und tolle Unternehmer, die es verdient haben, dass wir nun alle mit ganzer Kraft zusammenarbeiten, um die wirtschaftlichen Einbußen zu reduzieren. Die Krise hat gezeigt, dass es in Bad Tölz viel Enthusiasmus und Engagement auch von Seiten der Bürger gab. Dies wird hoffentlich erhalten bleiben. Man sollte sich vor Augen führen, in was für einer wundervollen Gegend wir leben und arbeiten dürfen, in der wir mit guter Infrastruktur ausgestattet sind und in der weiterhin eine starke Wirtschaftskraft liegt.
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