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Den Wolf schießen oder schützen? Diese Frage spaltet Almbauern und Artenschützer seit vielen Jahren. Für beide Seiten besteht in der Frage einiges an Diskussionsbedarf.
Lenggries – Rund 80 Interessierte waren der Einladung des Grünen-Kreisverbands zum Brennpunktthema Wolf in den Lenggrieser Alpenfestsaal gefolgt. Wie unterschiedlich die Positionen dabei sind, wurde von Beginn an deutlich. „Es ist ein schwieriges Thema, aber das muss man auch diskutieren“, sagte Andreas Wild, Kreis-Sprecher der Grünen. Man wolle zu einer „politischen Willensbildung“ beitragen, anstatt „aufeinander einzuschlagen“.
„Arbeitsverweigerung“: Bauernverband kritisiert Wolfsmanagement der Politik
Peter Fichtner, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, warf der Politik „Arbeitsverweigerung“ vor. Es fehle ein „ganzheitliches Denken“ im Umgang mit dem Beutegreifer. Die rund 2000 Wölfe in Deutschland hätten eine Vermehrungsrate von 30 bis 50 Prozent. „Wenn wir in Deutschland 10 000 Wölfe haben, dann fragt keiner mehr, ob wir sie schützen oder schießen sollen“, so Fichtner.
Er skizzierte, dass der Wolf dann nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf den Tourismus im Tölzer Land negative Folgen hätte. Die Richtlinien zum Flora-Fauna-Habitat (FFH), durch die der Wolf besonders geschützt wird, seien „so hingestellt worden wie das neue Evangelium“. Man habe jedoch vergessen, für den Wolf eine Zielgröße festzulegen. „Die Politik fürchtet den Wolf wie der Teufel das Weihwasser“, sagte Fichtner.
Bund Naturschutz: Alpenregion kann man nicht „wolfsfrei“ halten
Friedl Krönauer, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz, hob die Bedeutung der Almwirtschaft hervor. „Das ist eine optimale, marktgerechte und gesundheitsfördernde Haltung der Tiere“, so Krönauer. Der Erhalt der Artenvielfalt sei „ohne FFH nicht denkbar“. Je mehr Weidetiere gehalten werden, desto mehr Risse gebe es. Daher werde der Wolf als „Bedrohung für die Almwirtschaft wahrgenommen“. Zu mehr als 50 Prozent reiße der Beutegreifer jedoch Rehwild.
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„Der Abschuss von Problemwölfen gehört zwingend zu einem erfolgreichen Wolfsmanagement dazu, wenn andere Maßnahmen nicht helfen“, meinte Krönauer. Es sei allerdings nicht möglich, die Alpenregion „wolfsfrei“ zu halten. „Sowohl selektive Abschüsse als auch Bejagung führen kaum zu Verbesserungen.“ Daher sollten sich Landwirte auf Maßnahmen zum Herdenschutz konzentrieren, etwa die Einzäunung oder Herdenschutzhunde.
Grünen-Landtagsabgeordneter Hierneis: „Seit FFH haben sich die Wolfszahlen massiv erhöht“
„Wir müssen den Wolf schützen und schießen“, appellierte Christian Hierneis, Landtagsabgeordneter der Grünen. Dazu müsse man die gesetzlichen Grundlagen auf EU- und Bundesebene verändern. „Die Diskussionen sind die gleichen wie vor 17 Jahren“, so Hierneis. In der Zeit sei „nix Gescheites“ passiert. „Seit FFH haben sich die Wolfszahlen massiv erhöht.“
Es stellte sich heraus: „Ein konfliktfreies Miteinander zwischen Almwirtschaft und Wolf ist nicht möglich.“ Einem Landwirt, der eine Fläche von 4000 Quadratmetern beweidet, könne man nicht einfach sagen, er solle sein Gebiet einzäunen. Die Almwirtschaft sei ihm von beiden „Schutzgütern“ wichtiger. Er bemängelte, dass es keine aktuellen Zahlen für die Beutegreifer in Deutschland gebe. Die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern und mit den Nachbarstaaten müsse verbessert, zudem „sensible Gebiete“ identifiziert werden.
Bezirksalmbauer klagt an: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“
Aus dem Plenum kamen anschließend einige Anmerkungen. Bezirksalmbauer Hans Probst wurde bei seiner Wortmeldung emotional. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Sorge wächst. Die Wolfsrisse werden immer mehr.“ Er forderte eine „wolfsfreie Zone“. „Teilzeithiata“ Sepp Wasensteiner ergänzte: „Wenn wir in derselben Geschwindigkeit weitermachen wie bisher, dann werde ich das nicht mehr erleben.“ Bayern müsse „einfach handeln. Ansonsten stirbt in dieser Region so viel.“
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Wolfgang Morlang, Vorsitzender des Kreisjagdverbands, forderte, den Wolfsbestand zu reduzieren. „Beim Rotwild wird uns das ja auch vorgeschrieben.“ Später wies er darauf hin, dass mehr Wölfe auch einen höheren Nahrungsbedarf hätten. „Der holt sich das Futter, wo er es findet.“
Irgendwann, befürchtet Morlang, könnten auch Menschen Opfer von Angriffen werden. Man müsse eingreifen, „wenn die öffentliche Sicherheit gefährdet ist“. Georg Mair, langjähriger Vorsitzender des almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, erklärte den Herdenschutz für „gescheitert“. Den Naturschützern warf er vor, die Entnahme des Wolfs zu „torpedieren“, da er ein „Wirtschaftsfaktor“ für die Vereine sei, um Spendeneinnahmen zu generieren.
Grüne wollen EU-weite Regelung: „Gibt keine andere Möglichkeit“
Krönauer wehrte sich gegen die Anschuldigungen. „Ich bin nicht der Mensch, der den Wolf einsammelt und nach Bayern trägt. Auch wir stehen einer Wolfsentnahme nicht entgegen“, sagte er. Allerdings habe es viele Fehlentscheidungen bei Abschüssen gegeben. „Das muss wohlüberlegt sein“, mahnte Krönauer. Die Erfahrung zeige außerdem, „dass die Wölfe nicht über Zäune springen“. Bei Jägern, Grundbesitzern und Landwirten – allesamt zahlreich erschienen – sorgte diese Aussage für Gelächter.
Bei einem Angriff auf eine Schafsherde sterben mehrere Dutzend Tiere. Die zuständige Jägerschaft spricht von einer „der schlimmsten Wolfsattacken überhaupt“. Droht dem Mensch jetzt Gefahr?
Christian Hierneis merkte an, es gebe „juristisch und politisch keine andere Möglichkeit, als das mit der EU abzuklären. Wir brauchen eine endgültige Lösung, die für ganz Europa gilt. Da müssen wir jetzt anfangen“. Der Wille bei den EU-Institutionen scheine da zu sein. Peter Fichtner merkte an, es seien über Jahrzehnte Fehler gemacht worden. „Ich will mich gegen den Wolf wehren können, ohne juristische Konsequenzen befürchten zu müssen.“ Angesichts zweistelliger Hofaufgaben im Jahr monierte er: „Man fährt die bäuerliche Landwirtschaft sehenden Auges an die Wand.“
Insgesamt war es, das machten alle Teilnehmer abschließend deutlich, eine gesittete Diskussionsrunde. Inhaltlich jedoch stehen die Betroffenen noch immer weit auseinander. (vfi)
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