„Unsere Stadt braucht Sie“

Altstadt: Wie der Auftakt zur großen Bürgerbeteiligung lief

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Stärken und Schwächen: Worauf die Wolfratshauser in der Altstadt stolz sind beziehungsweise wo sie den größten Handlungsbedarf sehen – das dokumentierten sie in der Loisachhalle auf großen Stellwänden.
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Der Stadtrat hat das Vorhaben dem Souverän anvertraut: Die beschlossene Aufwertung der Altstadt beginnt mit einem aufwendigen Bürgerbeteiligungsprozess.

Wolfratshausen – Gut 200 Wolfratshauser folgten am Donnerstagabend der Einladung von Bürgermeister Klaus Heilinglechner und Stadtmanager Dr. Stefan Werner zur Auftaktveranstaltung in die Loisachhalle. Nach drei Stunden war im Saal Aufbruchstimmung spürbar – doch dass Misstrauen des einen oder anderen Bürgers konnte nicht gänzlich zerstreut werden.

Der Zeitplan ist sportlich: Nach mehreren Aktionen soll der Stadtrat bereits im April einen Beschluss fassen. „Um die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu sichern“, rechnet der Rathauschef mit „tief greifenden Veränderungen“ zwischen der städtischen Musikschule am Untermarkt und der Johannisgasse. Das, was die Bürger in den kommenden Monaten Seite an Seite mit beratenden Experten erarbeiten, ist allerdings „nur eine Empfehlung an den Stadtrat“, betonte Stadtmanager Werner auf Nachfrage des Wolfratshausers Ken Dollmann. Die Empfehlung „kann Grundlage weiterer Entscheidungen sein“. Auf die Frage eines Bürgers nach der „Budgetgrenze“ antwortete Rathauschef Heilinglechner ausweichend. Er wolle der Kreativität der Prozessteilnehmer nicht „durch eine Summe“ Grenzen setzen. Aber die Wünsche müssten natürlich unterm Strich finanziell darstellbar sein.

Claudia Schreiber vom Münchner Büro Architektur und Stadtplanung schenkte den Bürgern reinen Wein ein. Gesetzt den Fall, dass der Stadtrat im April eine Entscheidung fällt, könne man in die vertiefte Planung einsteigen. Das Ergebnis liege mutmaßlich ein halbes Jahr später vor. Nach einem erneuten Votum des Rats könnte anschließend die Auftragsvergabe erfolgen. Kurzum: Die Neugestaltung der Altstadt erfolgt nicht über Nacht.

Der Bürgerbeteiligungprozess „ist ergebnisoffen“, beteuerte Moderatorin Stephanie Pettrich (Projektmanagementteam „Identität und Image“). „Wir wissen nicht, was am Ende rauskommt.“ Denkverbote gebe es nicht. Schreiber nannte zwei Beispiele: Die Einbahnstraßenregelung in der Marktstraße könnte aufgehoben werden – oder der Verkehr künftig vom Schwankl-Eck in Richtung Reiser-Eck rollen. „Alles ist denkbar“, sagte die Architektin. Sofern es keine rechtlichen oder städtebaulichen Gründe gibt, die dagegen sprechen. Heilinglechner appellierte mit Nachdruck an die Bürger, sich auch an den folgenden Aktionen und Workshops zur Aufwertung der Altstadt zu beteiligen: „Unsere Stadt braucht Sie.“

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Die Stärken und Schwächen, die sie im Herz der Flößerstadt ausgemacht haben, dokumentierten die Bürger fleißig mit gelben beziehungsweise grünen Pappkärtchen auf aufgestellten Stellwänden. Negativ seien die hohen Mietpreise, „die schlechte Grundversorgung für ältere Menschen“, das ungenügende städtische WLAN und das Fehlen eines Kinderspielplatzes im Stadtzentrum. Lob gab’s für die „guten Gaststätten“, den Grünen Markt und die Einbahnstraßenregelung. Doch wie immer hat die Medaille zwei Seiten: Der eine oder andere verlangte, die Einbahnregelung wieder aufzuheben.

Stichwort Verkehr: Das Thema brennt den Wolfratshausern offensichtlich unter den Nägeln. Kurt Grad stellte gar den Bürgerbeteiligungsprozess in Frage: „Wir brauchen erst ein Gesamtverkehrskonzept, sonst geht hier gar nichts.“ Eine Aussage, die mit kräftigem Beifall belohnt wurde.

Die Sammlung besagter gelber und grüner Pappkärtchen ist laut Moderator Torsten Zink („Identität und Image“) „der erste Input für das, was nun passiert“. Er rief wie Heilinglechner die Anwesenden dazu auf, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Am Ende warte auf jeden Wolfratshauser die Belohnung: „Das ist meine Stadt, die ich mitgestaltet habe“, so Zink.

„Ich hoffe, dass das hier heute Abend die Initialzündung ist“, sagte Stadtmanager Werner. Seine Hoffnung wurde nach Abschluss der dreistündigen Versammlung genährt: „Ich habe den Eindruck, dass hier professionell und durchaus mit einem gewissen Druck an einer guten Lösung für unsere Stadt gearbeitet wird“, stellte Stefan Fischer vom gleichnamigen Trachtenmodengeschäft in der Altstadt fest. Ähnlich äußerten sich Ines Boodevaar (Boodevaar-Moden) und die Vorsitzende des Werbekreises, Ingrid Schnaller. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, konstatierte die ehemalige Stadträtin Dietlind Diepen, die sich seit Jahren im Verein Lebendige Altstadt Wolfratshausen engagiert. „Ich bin und bleibe Berufsoptimistin“, fügte die Seniorin im Gespräch mit unserer Zeitung an.

Allerdings hegen nicht wenige weiter Misstrauen. Sie fürchten, dass der Beteiligungsprozess eine Alibiveranstaltung ist – und der Stadtrat den Wünschen am Ende nicht Rechnung tragen wird. Selbst Stadtrat Rudi Seibt (Grüne) übte öffentlich Kritik an der Wankelmütigkeit des Gremiums, dem er angehört. Bürgermeister Heilinglechner räumte er, dass er nichts versprechen könne. Das letzte Wort habe der Stadtrat, „dafür haben Sie das Gremium gewählt“.

So geht’s weiter

Für Freitag, 14. Dezember, ist eine „Stadt(ver)führung“ geplant. Interessierte treffen sich um 16 Uhr am Landhauscafé (Sauerlacher Straße 10), um gemeinsam mit dem Stadtmanager und anderen den „Planungsumgriff“ zu begehen. Weiter geht’s mit einem „Kreativtag“ (Samstag, 26. Januar, 10 bis 16 Uhr, Loisachhalle). Das gesamte Maßnahmenpaket, das zur Attraktivitätssteigerung der Altstadt beitragen soll, wird voraussichtlich im März in einer öffentlichen Abschlussveranstaltung präsentiert. Im April soll der Stadtrat eine Entscheidung treffen.

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