Oratorium von Felix Bräuer

Denkwürdige Welturaufführung in der Stadtpfarrkirche St. Andreas

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Großartige Kulisse für eine Uraufführung: Erstmals war in der Stadtpfarrkirche St. Andreas das Oratorium „Der Herr bricht ein um Mitternacht“ von Felix Bräuer zu hören.

Stehende Ovationen gab es für das Oratorium von Felix Bräuer. Es wurde in der Stadtpfarrkirche St. Andreas uraufgeführt.

Wolfratshausen – Viele Musikfreunde aus Wolfratshausen und der Region kamen am Sonntag in die Stadtpfarrkirche, um bei der Welturaufführung von geistlicher Gegenwartsmusik dabei zu sein. Wenn die Zuhörer zeitgenössische atonale Konzertmusik auf die Ohren bekommen, fühlen sie sich manchmal so überfordert, als sei der Soundtrack einer Großbaustelle über sie drübergefahren. Doch hier war es anders. Sie bekamen eine eingängige, gefällige Musik zu hören, die Chorleiter Mark Ehlert zusammen mit dem Komponisten einstudiert hatte.

Das Oratorium „Der Herr bricht ein um Mitternacht“ mit großer Besetzung (Chor, Orchester, Solisten, vier Posaunen, zwei Orgeln) von Felix Bräuer handelt von der Apokalypse, vom schaurig-tröstlichen „Ende der Welt und der Wiederankunft des Herrn“. Ehlert findet Bräuers Musik „fantastisch, wir haben uns in das Stück verliebt“. Mit „wir“ meint er seinen gesamten Chor und die an den Proben beteiligten Musiker.

Der Komponist stammt aus dem sächsischen Bautzen und ist sorbischer Herkunft. Sorben sind eine nationale Minderheit mit eigener Sprache und Kultur. Bräuer verkörpert diesen besonderen Anspruch. Doch wie kam er auf die Idee, sein neues Opus im tiefsten Süden der Republik uraufzuführen? „Wir kennen uns schon länger“, erklärt Chorleiter Mark Ehlert und fügt hinzu: „Wir sind stolz und glücklich, an der Uraufführung beteiligt zu sein“.

Die Tonsprache des 31-Jährigen geht ins Ohr. Sie spricht unmittelbar an und berührt, doch wie lässt sie sich einordnen? Sie hat den Schmelz eines Mendelssohn Bartholdy und ist volksliedhaft wie Dvorák, es lassen sich auch kompositorische Muster von Vivaldi und Altmeister Bach heraushören. Ebenso finden sich Anklänge an Jazz und Filmmusik.

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Wird Bräuer ein zweiter John Rutter, der heute so gut bei den Chören ankommt? Bräuer ist kein Erneuerer, sondern greift Einflüsse vieler Stilepochen auf. Damit ist nicht gemeint, dass seine Musik nachahmend und irgendwie „schon dagewesen“ ist. Nein, er beherrscht das kreative Komponieren und hat zündende musikalische Einfälle. Stark rhythmisiert gestaltet Bräuer, der vom Klavier und von der Orgel kommt, den Orchesterpart. Seine inspirierten Melodien gehen zu Herzen. Sie sind auch für das Solistenduo dankbare, wenn auch schwierige Aufgaben.

Mark Ehlert kann hier ganz auf seine Stammbesetzung mit Lilli Jordan (Sopran) und Matthias Terplan (Bass) bauen. Der Komponist am Dirigentenpult lotst Chor und Orchester mit sparsamen Gesten durch sein Werk. Während das mit Berufsmusikern bestückte Orchester einen samtenen Klangteppich ausbreitet, erweist sich die Chorgemeinschaft als gut aufgestellter, ausgewogen harmonischer Klangkörper, der bei dieser „neuen“ Musik stets ganz auf der Höhe ist.

Die intensive Probenarbeit hat sich ausgezahlt. Auch die zwei Organisten prägen den Klang maßgeblich mit. Hans Leitner an der Hauptorgel ist Organist am Münchner Liebfrauendom, am Orgelpositiv war Chorleiter Mark Ehlert kurzfristig eingesprungen. In seiner theologischen Einführung hatte Stadtpfarrer Gerhard Beham die christliche Deutung der Apokalypse als „Nacht der endgültigen Erlösung“ erklärt.

Egal, welcher Erfolg diesem Werk weiterhin beschert sein mag – als Zeugen einer denkwürdigen Uraufführung beim „ersten Mal“ dabei zu sein, erleben Musiker und Musikfreunde nicht alle Tage. Freude und Stolz bei den Kreativen sowie begeisterte Anteilnahme beim Publikum standen am Schluss allen ins Gesicht geschrieben. Es gab stehende Ovationen, Umarmungen und Blumen für den jungen Komponisten und seine Interpreten. RAINER BANNIER

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