„Es darf hier jeder so leben, wie er ist“

Dominik Halamek hat seinen Andi geheiratet - und spricht über das Schwulsein in Wolfratshausen

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Hand in Hand: Dominik Halamek (re.) und sein Partner Andi Halamek-Weinert gehen nun auch offiziell gemeinsam durchs Leben.
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Profi-Tänzer Dominik Halamek hat seinen Freund Andi geheiratet. Im Interview erzählt das Paar vom Glück der Normalität, emotionalen Momenten und wie es sich als schwules Paar in Wolfratshausen lebt.

Wolfratshausen – Am 1. Oktober vorigen Jahres trat die „Ehe für alle“ in Kraft. Seither können homosexuelle Paare ganz offiziell heiraten. Kürzlich gaben sich auch die Wolfratshauser Dominik Halamek (35) und Andi Halamek-Weinert (39) vor Bürgermeister Klaus Heilinglechner und Standesbeamtin Corinna Gehring das Ja-Wort. Im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Rudi Stallein plauderten der Tänzer und Choreograf sowie der Elektronik-Prüfer über das Glück der Normalität, emotionale Momente und die Freuden frischgetrauter Eheleute.

-Herr Halamek, Herr Halamek-Weinert, wie lebt es sich als schwules Paar in Wolfratshausen?

Dominik Halamek: Wir sind seit elf Jahren zusammen, da merken wir schon einen Unterschied zwischen damals und heute. Mittlerweile ist es total normal. Voraussetzung dafür ist, glaube ich, dass wir beide, diese Normalität auch leben.

-Was verstehen Sie unter „Normalität“?

Dominik Halamek: Dass man sich nicht hervorhebt, sich nicht als etwas Spezielles oder sogar Problematisches sieht, das akzeptiert werden muss, sondern einfach als ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft.

Andi Halamek-Weinert: Dass wir heute als homosexuelle Partner ganz offen leben können, dazu hat auch das Internet einen großen Teil beigetragen. Das gibt uns die Freiheit, die jeder Mensch verdient hat, egal, wie er lebt und wo er herkommt. Ich bin einfach der, der ich bin. Darauf kommt es im Leben doch an: Mensch sein zu dürfen, Mensch sein zu können – dass man akzeptiert ist. Aber da geht es uns doch allen völlig gleich, ganz wurscht, welche Sexualität man lebt.

Dominik Halamek: Es ist hier in der Gegend zum Glück nicht mehr etabliert, sich negativ über homosexuelle Menschen zu äußern. Selbst wenn einer nicht damit zurechtkommt, würde er es nicht öffentlich auf der Straße aussprechen. Das finde ich sehr positiv.

-Welche Bedeutung hat die formelle Trauung für Sie?

Dominik Halamek: Für mich hat es zum einen eine sehr große Bedeutung, auch in der Bürokratie zusammen zu gehören. Wir sind vor dem deutschen Gesetz jetzt eine Familie. Und zum anderen ist es schön, wenn man nach elf Jahren aus voller Überzeugung sagen kann: Ja, Du bist der, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Du bist der einzig Wahre im Leben …

-… ganz klassisch: Bis der Tod Euch scheidet?

Andi Halamek-Weinert: Ja, bei uns auf jeden Fall. Sonst würde dieser Schritt nicht wirklich Sinn machen. Für mich ist es wunderschön, wie Dominik schon gesagt hat, dass wir auch auf dem Papier zusammen gehören. Dass wir den gleichen Namen tragen, das ist für mich schon etwas Besonderes. Zum Beispiel auch in der Arbeit auf meiner Stempelkarte den Namen zu ändern und solche Sachen. Ich möchte das einfach sehen und es auch den Leuten zeigen, weil es mich stolz macht, sagen zu können: Dieser Mensch möchte mit mir sein restliches Leben verbringen. Für mich ist das das größte Glück auf der Welt.

-Was bedeutet es jetzt für Sie, verheiratet zu sein?

Andi Halamek-Weinert: Dominik hat das neulich nett gebracht. Er hat gesagt: So, jetzt sind wir verheiratet und jetzt machen wir alles zusammen … Ich habe nur gesagt: Oh nein! (beide lachen).

Dominik Halamek: Für mich ist Familie unglaublich wichtig. Viele Menschen kommen und gehen. Familie ist das, was ein Leben lang bleibt. Vom ersten Tag deines Lebens ist Familie da. Und für mich ist der Andi jetzt Familie. Bis ans Lebensende gehört er dazu.

Andi Halamek-Weinert: In dem Moment, wenn man spürt, wo man hingehört, ist das etwas sehr Emotionales. Da wird es bestimmt auch schon einigen anderen so gegangen sein, die vor uns geheiratet haben.

Dominik Halamek: Und eine öffentliche Bekundung ist es auch, das gebe ich zu. Ich hatte mir vorgenommen, auf Facebook weniger bis gar nichts Privates mehr zu posten. Aber das war jetzt ein Moment, auf den ich mich gefreut habe: Auf „Hat geheiratet“ zu klicken. Einfach so, dass alle es wissen und auch darüber reden. Es dürfen auch alle wissen, dass man sich öffentlich zueinander bekannt hat.

-Sie haben auch jetzt mit dem Interview bewusst den Weg an die Öffentlichkeit gewählt.

Dominik Halamek: Ja, weil es für jeden ein wichtiges Thema ist, irgendwann einmal den richtigen Partner kennenzulernen. Das Outing ist für homosexuelle Jugendliche heute zwar einfacher, als es für uns war. Aber wenn über unserer Geschichte berichtet wird, kann es vielleicht auch Eltern (die uns kennen und vielleicht mögen) motivieren, anders darüber zu denken, wenn sie bei ihren Kindern mit Homosexualität konfrontiert werden.

Andi Halamek-Weinert: Da geht es mir genauso. Und hinzukommt, dass ich in der Firma sehr positives Feedback bekommen habe, weil ich – wie mir dort gesagt wurde – ganz selbstverständlich mit meiner Homosexualität umgehe. Dominik ist manchmal da beim Mittagstisch. Das hat anderen Mitarbeitern die Chance gegeben, sich damit auseinanderzusetzen – und zu sehen: Hey, passt doch. Das zieht sich ja durch alle Lebensbereiche. Wenn du dich anderen gegenüber gibst, wie du bist, dann wird selten einer mit dir und dem was du tust ein Problem haben. Vielleicht kann unser Beispiel für manchen einfach ein Anstoß sein. Es ist ein Leben, das okay ist und das wie jedes Leben in Frieden gelebt werden will.

-Das heißt, Homosexualität ist in der Gesellschaft noch nicht völlig selbstverständlich.

Andi Halamek-Weinert: Nein, solange über etwas diskutiert wird, ist es noch nicht hundertprozentig angekommen in der Gesellschaft. Aber es hat sich vieles sehr positiv verändert.

Dominik Halamek: Wir hatten in unserer Jugend eine Phase, in der wir gedacht haben: Man kann als Schwuler nicht in Wolfratshausen leben oder generell auf dem Land. Wenn man sich kennenlernen will, oder öffentlich schwul leben will, muss man nach München, in die Großstadt, ziehen.

Andi Halamek-Weinert: Ja, die Angst hatte ich auch. Und der Gedanke, Wolfratshausen verlassen zu müssen, war für mich ganz schlimm. Das ist meine Heimat, hier fühle ich mich wohl, hier lebt meine Familie. Es wäre ganz schlimm für mich gewesen, hier weggehen zu müssen, nur weil ich nicht der Norm entspreche. Das war ganz wichtig für mich, zu spüren: Ja, es ist doch möglich, es darf hier jeder so leben, wie er ist. Solange er es in Frieden tut. 

Dominik Halamek: Wir sind beide total heimatbezogene Menschen. Deshalb ist es etwas unglaublich Schönes, dass wir hier so offen und frei leben können.

Andi Halamek-Weinert: Ich wäre nicht so glücklich, wenn ich nicht hier wäre, wenn ich wirklich hätte nach München ziehen müssen.

-Apropos Glück: Hat sich irgendetwas bei Ihnen durch die Heirat gravierend geändert?

Dominik Halamek: Ja, die Namenschilder am Briefkasten (beide lachen).

-Als vorigen Herbst die Ehe für alle startete, waren die Standesämter überfordert. Ein Ehepartner musste anfangs sein Geschlecht abgeben, weil die Formulare nur Ehemann und Ehefrau kannten. Wie war das bei Ihnen?

Dominik Halamek: Die Formulare sind besser geworden. Aber erst im November dieses Jahres kommt wohl das volle Formular-Update. Bei uns war es so – was übrigens zum Running Gag wurde – dass wir Ehegatte Nummer eins und Ehegatte Nummer zwei sind. Sie haben sich einfach alphabetisch nach dem Vornamen entschieden.

Andi Halamek-Weinert: Das war lustig, als der Bürgermeister uns mit Ehegatte Nummer eins und Ehegatte Nummer zwei ansprach. Da hab’ ich den Dominik angeschaut und gesagt: Jetzt weißt Du endlich, wer die Nummer eins ist (lacht).

Dominik Halamek: Das zieht er jetzt auch gnadenlos durch (beide lachen).

-Wie sieht denn der Ehealltag im Hause Halamek aus? Wer putzt, wer kocht, wer macht die Wäsche?

Andi Halamek-Weinert: Das ist genauso wie vorher auch.

Dominik Halamek: Da sind wir total gleichauf. Wer gerade zu Hause ist, wie es sich ergibt. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke: Ein bisschen verbundener fühle ich mich seit der Heirat schon, auch im Alltag.

Andi Halamek-Weinert: Ja, das finde ich auch. Dieses Gefühl ist schon größer geworden. Obwohl es eigentlich nur ein bürokratischer Vorgang ist. Trotzdem verstärkt es das Gefühl, zusammenzuleben. 

Dominik Halamek: Dieses öffentliche Bekunden in so großem Rahmen, das hat auch Auswirkungen auf einen selbst. Ich wache in der Früh schon manchmal als Ehegatte Nummer zwei auf (beide lachen).

Andi Halamek-Weinert: Stimmt, weil ich immer vor Dir aufstehe.

-Das heißt, Andi bringt Dominik den Kaffee ans Bett?

Andi Halamek-Weinert: Das habe ich tatsächlich gleich einmal gemacht.

Dominik Halamek: Das sind ein paar romantische Gesten, aber das hält nicht lange an.

Andi Halamek-Weinert: Ich habe auch gleich zu Dir gesagt: ,Gewöhn‘ Dich nicht dran‘.

Dominik Halamek: Das ist schon Wahnsinn, wenn man nach so langer Zeit heiratet. Weil vieles, wie auf Knopfdruck, wieder wie am Anfang ist. Das ist so genial. Soll jeder heiraten, wann er will, aber ich kann nur empfehlen, nach so langer Zeit zu heiraten. Weil es sooo schön ist.

Andi Halamek-Weinert: Ja, und was ich auf jeden Fall dazu noch loswerden möchte. Ich habe früher immer gedacht: Verlobungsjahr, wozu das? Ist doch total überflüssig. Aber in diesem Jahr hat sich für uns beide nochmal so viel getan. Um sich mental auf diesen Schritt vorzubereiten, dafür ist so ein Jahr richtig gut. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Aber jetzt würde ich ein Verlobungsjahr jedem Paar, das heiraten will, empfehlen. rst

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