Künstler oder Geheimagent?

Ausstellung am Schwankl-Eck: Künstler aus Nordkorea lebt im Verborgenen

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Flüchtete in den 1990er-Jahren aus Nordkorea: Sun Mu (re.) lässt sich im Gegensatz zu seinem südkoreanischen Kurator und Freund Jae-Hyun Yoo aus Sicherheitsgründen nur verdeckt fotografieren.
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Künstler Sun Mu ist aus seiner Heimat Nordkorea geflüchtet. Aus Sicherheitsgründen lebt er im Verborgenen. Sein Werk ist derzeit am Schwankl-Eck zu sehen.

Wolfratshausen – Fast im Stile eines Geheimagenten erschien er am Dreikönigstag im Kunstturm des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL) am Obermarkt in Wolfratshausen. Vermummt mit Sonnenbrille, Schlapphut und Trenchcoat erklärte Sun Mu zusammen mit den Kuratoren Cornelia Oßwald-Hoffmann und Jae-Hyun Yoo vor dem Beginn der Vernissage die Entstehungsgeschichte seiner Werke. Zwischendurch stellte sich der 50-Jährige den Fragen unserer Zeitung.

Wolfratshausen: Künstler Sun Mu aus Nordkorea stellt am Schwankl-Eck aus

Ein Teil der rund 90 ausgestellten Werke entstand in Starnberg. „Ich konnte dort eine Zeit lang leben und in einem Atelier arbeiten“, erzählte der aus seinem Heimatland Nordkorea geflohene Künstler. Die Möglichkeit dazu gab ihm Cornelia Oßwald-Hoffmann. „Sun Mu gilt in seiner Heimat als Landesverräter, und er weiß seit Jahren nicht, wie es seiner noch dort lebenden Familie geht“, erklärte die Kuratorin. Hilfe erfährt der einstige sogenannte Propagandamaler auch von seinem südkoreanischen Freund Jae-Hyun Yoo, der mit seiner deutschen Ehefrau in Bairawies (Gemeinde Dietramszell) lebt und bei der Vernissage am Freitagabend als Übersetzer fungierte. „Wir haben die Ausstellung in Wolfratshausen innerhalb von nur zehn Tagen organisiert, das ist eigentlich viel zu kurz“, berichtete Yoo.

Der aus Nordkorea geflüchtete Künstler Sun Mu genießt internationales Ambiente am Schwankl-Eck

Umso mehr überraschte der große Besucherzuspruch. Landsleute und zahlreiche Kunstinteressierte nahmen dafür sogar lange Autofahrten in Kauf. „Es ist unglaublich, dass an einem Feiertag so viele Menschen hierhergekommen sind“, zeigte sich Sun Mu überwältigt. Der Dritten Bürgermeisterin Annette Heinloth ging es nicht anders. „Wir sind stolz, dass so hochkarätige Künstler in unserer Stadt ausstellen“, sagte Heinloth. Ihr gefiel die gelungene Symbiose von Malerei und politischer Aussagekraft. So waren neben einigen Werken die ironisierten Slogans der nordkoreanischen Arbeiterpartei zu lesen.

„Ich wünsche mir eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea“, betonte Sun Mu. Als Kind sei er noch stolz gewesen, sich an staatlich verordneten Massenchoreografien beteiligen zu dürfen und für das diktatorisch herrschende Staatsoberhaupt zu singen.

Nach seiner Flucht und dem Ausstieg aus dem Propagandakarussell hat er sich zumindest die Liebe zur Musik bewahrt. Bei der Vernissage griff Sun Mu – das Pseudonym bedeutet auf Deutsch „grenzenlos“ – beherzt zur Gitarre und trug das koreanische Volkslied „Arirang“ vor.

„Wir müssen diesen Platz erhalten: Da kommen Künstler von Weltrang“

Dies beeindruckte auch Hans-Werner Kuhlmann. Der ehemalige Vorsitzende des Vereins Lebendige Altstadt Wolfratshausen (LAW) hofft inständig, dass das prominente Gebäude am Schwankl-Eck weiterhin für Kunstausstellungen zur Verfügung steht. „Wir müssen diesen Platz erhalten: Da kommen Künstler von Weltrang“, stellte Kuhlmann fest. Daniela Satzinger vom Kulturverein Isar-Loisach, der die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Künstlervereinigung „Art5“ organisiert hatte, vernahm’s mit Freude.

Neben Collagen und Ölgemälden sind bis zum 29. Januar im Kunstturm auch provozierende Pop-Art-Werke zu sehen. Eine blau-rot angemalte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger symbolisiert für Sun Mu, der in Südkoreas Hauptstadt Seoul lebt und arbeitet, eine Absage an die Aufrüstung in seiner Heimat Nordkorea. „Ich wurde kommunistisch erzogen und musste zehn Jahre Militärdienst leisten“, so der Künstler. Dass er inzwischen ein Leben auf der Flucht, im Verborgenen führt, nimmt der 50-Jährige notgedrungen in Kauf. „Es erfüllt mich mit Stolz, hier ausstellen zu dürfen“, hob Sun Mu hervor. Ein Wiedersehen mit seiner Familie in einer friedlich vereinigten Welt hätte für ihn jedoch den höchsten Stellenwert. „Das wäre die Erfüllung meiner Träume.“

Die Ausstellung

„Grenzenlos“ mit Bildern von Sun Mu im Kunstturm des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL) am Schwankl-Eck am Obermarkt kann bis 29. Januar jeden Samstag von 12 bis 15 Uhr und sonntags von 12 bis 18 Uhr besichtigt werden.

ph

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