- VonPeter Herrmannschließen
Das Gastronomie-Sterben in der Flößerstadt setzt sich fort. Nach Sebastian Blatt (Brückenwirt), Jason Thalhammer (Chili’s Tex Mex Bar) und Ralf Musto (Restaurant Musto’s) wirft auch Dieter Sattler – besser bekannt als „Dietsch“ – in der Café-Bar Biermühle das Handtuch. „Im März ist Schluss“, so der 67-Jährige.
Wolfratshausen – Im April 2000 übernahm Sattler das Lokal am Birnmühlplatz. Es liegt gegenüber seines Ladens „Toko Bagus“, in dem er – ebenfalls nur noch bis März 2020 – indonesisches Kunsthandwerk verkauft. Die Liebe zum fernöstlichen Inselparadies Bali dürfte einer der Hauptgründe für seinen Rückzug sein. Der einstige Sozialarbeiter, der unter anderem Jugendliche im Münchner Hasenbergl betreute, will noch mehr Zeit in Indonesien verbringen. „Dort gibt es rund 13 000 Inseln: Die will ich alle entdecken“, scherzt er.
Bleiben werden ihm viele Erinnerungen an seine Zeit als Wirt der Biermühle. „Vor allem bei den Sommerfesten und bei den Konzerten war hier immer sehr viel los“, sagt Dieter Sattler. Dann war der Andrang so groß, dass zusätzliche Bedienungen aushalfen. An manchen Werktagen wartete Dietsch aber auch mal alleine bis weit nach Mitternacht auf Gäste. „Es kam vor, dass dann plötzlich doch noch eine Menge Leute auf einmal ins Lokal kamen.“
So wie an einem Dienstagabend kurz vor Weihnachten, als etwa ein Dutzend Stammgäste noch ein paar Runden Dart spielen wollten: „Hier haben sich alle getroffen: Chefärzte, Handwerker, Journalisten und Obdachlose“, schwärmt die „Gräfin“. Ihren richtigen Namen und ihr Alter will die Dame, die wie ein Großteil der Gäste der Generation Ü 50 angehört, unserer Zeitung nicht verraten. „Hier nennen mich alle nur Gräfin. Das muss reichen.“
Währenddessen nimmt der Waliser Eif Phillips die Dartscheibe ins Visier und platziert in kurzen Abständen drei Pfeile in die Mitte. Der seit 1986 in Wolfratshausen lebende Brite bedauert den Abschied von Dietsch. „Ich bin traurig, dass die Biermühle zumacht: Das war für mich ein wichtiger Treffpunkt, an dem ich viel Spaß hatte“, sagt er in akzentfreiem Deutsch.
Probleme mit betrunkenen oder pöbelnden Besuchern gab es in dem Lokal kaum. „Wenn mal Unstimmigkeiten auftauchten, habe ich das immer verbal gelöst“, erklärt Sattler in seiner typisch unaufgeregten Art. Für Härtefälle lag im Hinterzimmer dennoch ein „Ochsenfiesler“ bereit. „Den hab ich zum Glück nie benötigt“, sagt Sattler und schmunzelt.
In der Nachbetrachtung beklagt er vor allem, dass es in den vergangenen Jahren nicht gelang, die Altstadt und damit auch die Umgebung der Biermühle am Untermarkt aufzuwerten. „Die Marktstraße ist der einzig befahrbare Friedhof in Deutschland: Da passiert nicht mehr viel“, stellt der 67-Jährige resigniert fest. Ab dem kommenden Frühjahr wird eine neue Betreiberin mit einem veränderten Konzept ihr Glück versuchen. Was sie genau vorhat, war kurz vor Weihnachten noch nicht in Erfahrung zu bringen. So viel dürfte feststehen: Vom Retro-Charme einer der letzten ursprünglichen Kneipen in Wolfratshausen wird wohl nicht viel übrig bleiben.
ph
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