„Er hat Dinge angepackt und gestaltet“

Zum 50. Todestag von Karl Lederer: Ein Gespräch mit Bürgermeister Michael Müller

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Zwei Männer, die für Geretsried stehen: Gründungsbürgermeister Karl Lederer und der amtierende Rathauschef Michael Müller.
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Vor 50 Jahren wurde Geretsrieds erster Bürgermeister aus dem Leben gerissen. Unsere Zeitung hat sich mit dem amtierenden Rathauschef Michael Müller über Karl Lederer unterhalten.

Geretsried –  Mit ihm verlor der Landkreis eine überragende Persönlichkeit. Für Bürgermeister Michael Müller (49) ist Karl Lederer, der im Alter von 63 Jahren starb, ein Vorbild, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung verrät.

Herr Müller, wo begegnet Ihnen Karl Lederer im Alltag?

Wenn ich morgens ins Rathaus fahre, steuere ich auf den Karl-Lederer-Platz zu. Das ist der erste Berührungspunkt. Und wenn sich die Haupteingangstür zum Rathaus öffnet, laufe ich direkt auf ihn zu. Dort hängt ein Porträt von Karl Lederer, das ein Jahr vor seinem Tod entstanden ist. Gemalt hat es übrigens der Ickinger Kunstmaler Ludwig Maurer-Franken.

Nehmen Sie das Bild noch wahr?

Ja, definitiv. Karl Lederer hat als erster Bürgermeister die Weichen für die Entwicklung der damals neu gegründeten Gemeinde gestellt. Er ist immer noch präsent, sein Stil hat die Gemeinde geprägt. Er war im Grunde der Gründungsbürgermeister.

Karl Lederer ist 1968 gestorben, Sie sind im Jahr 1969 auf die Welt gekommen. Was wissen Sie über ihn?

Er war ein Egerländer und stammte aus Graslitz. Mit allen Geretsriedern, die in der Gründungszeit hier lebten, teilte er die Vertreibungs- und Fluchterfahrung. Er war mit den Menschen durch die gemeinsame Schicksalserfahrung verbunden. Damit ist er für die Ur-Geretsrieder viel präsenter als das manche Bürgermeister in der späteren Zeit waren. Ich denke, Karl Lederer muss eine natürliche Autorität gehabt haben, sonst kommt man nicht in so eine Führungsposition. Über alles Weitere kann ich nur spekulieren.

Ist er ein Vorbild für Sie?

Ja, das ist er wirklich. Karl Lederer hat Dinge angepackt und gestaltet. Dazu gehörte auch, Entscheidungen zu treffen und diese durchzusetzen. Wie er das getan hat, weiß ich aus Schriftverkehren, die ich von ihm gelesen habe.

Wenn Karl Lederer heute vor dem Rathaus stehen würde: Was würde er zu der riesigen Baustelle im Zentrum sagen?

Ich bin überzeugt davon, dass Karl Lederer, wenn er heute hier im Bürgermeisterbüro sitzen würde, ebenso weitreichende Entscheidungen für die Stadtentwicklung treffen würde. Auch damals, in der Gründerzeit, hat man Grundsatzentscheidungen treffen müssen. Wie viel Wohnraum lässt man zu? Wie viel Gewerbe? Auch die Frage, wo man das neue Zentrum baut, wurde diskutiert. Das geht aus den alten Sitzungsprotokollen hervor. Damals waren es zwar andere Dimensionen, die Fragestellungen aber waren ähnlich wie heute.

Mit was beschäftigte sich Karl Lederer damals?

Neben Wohnungsbau und der Ansiedlung von Gewerbe ging es um die Reichsstraßenverlegung, die Eisenbahnanbindung und die Entwicklung der Böhmwiese. Wir versuchen heute, an diese Fragestellungen anzuknüpfen, die zur Zeit der Gemeindegründung auf dem Tisch lagen.

Sie haben erwähnt, dass Sie alte Sitzungsprotokolle lesen. Liegen die auf Ihrem Nachttisch?

Nein, aber ich habe die wirklich schon gelesen, als ich zur Realschule gegangen bin (lacht). Mein Bruder hatte damals eine Facharbeit über die Rüstungswerke geschrieben, und ich habe einen Super- 8-Film über Geretsried gemacht. Die Kamera dafür habe ich mir übrigens bei Gerhard Hasreiter (Geretsrieder Bürgermeister von 1986 bis 1992, Anm. d. Red.) gekauft, der damals eine Drogerie mit Fotoabteilung hatte.

Lesen Sie die Protokolle auch heute noch?

Seit ich Bürgermeister bin, arbeite ich mich durch. Eine große Frage für Karl Lederer war, wie man hochausgebildete Arbeiter in einer agrarisch strukturierten Umgebung in Beschäftigung bringen kann. Viele von ihnen saßen damals nach der Vertreibung drüben in den Baracken auf der Böhmwiese ohne Aussicht auf Anstellung. Da schrieb er an die amerikanische Besatzungsverwaltung, mit der Bitte, dass sie die Rüstungswerke öffnen sollen. Die Menschen sollten für sich selbst sorgen können.

Verstärkt habe ich die Unterlagen gelesen, als die Flüchtlingswelle kam. Mich hat interessiert, wie damals der Zustrom der Heimatvertriebenen bewältigt wurde. Die Situation ist heute natürlich eine andere. Trotzdem sind auch wir Zuzugsgebiet.

Was können wir von Karl Lederer lernen?

Tatkräftig und mutig etwas anzupacken, ein bisschen weniger zu jammern und optimistisch in die Zukunft zu schauen. Denn aus dem Blickwinkel eines Heimatvertriebenen im Jahr 1946 hätte die Zukunft gar nicht düsterer sein können. Trotzdem hat man weitergemacht. Wenn wir heute die Politik-, Gesellschafts- und Europaverdrossenheit sehen, die angeblich mangelnde Zukunftsperspektive, wie hätte das jemand 1946 sehen müssen? Man kann auch etwas daraus machen, selbst wenn die Situation noch so trostlos erscheint. Das ist etwas, was wir alle vielleicht wieder mehr in den Mittelpunkt rücken müssen.

nej

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