- VonIsabel Winklbauerschließen
Aufatmen in der Bevölkerung: Die „Projektentwicklungsgesellschaft Sendlinger Loch“ hat wohl endlich eine Lösung für das seit Jahren vor sich hingammelnde Bauloch an der Alramstraße 14 gefunden.
Nach den Plänen des Zusammenschlusses von rund 20 Sendlingern soll die zwölf Meter tiefe und 4800 Quadratmeter große Grube nun mit Wasser gefüllt werden, sodass Hausboote daraufgesetzt werden können. Dabei entstünden 38 Wohneinheiten mit ein bis sechs Zimmern. Mehr noch: Der Mietpreis soll bei günstigen 8,49 Euro pro Quadratmeter liegen. Ein öffentlicher Badestrand soll das Quartier zusätzlich bereichern. „Bezahlbarer Wohnraum und Sendlinger Badespaß jetzt!“, heißt das Motto auf einem Flyer, der das Projekt vorstellt.
Baustelle Sendlinger Loch: Freche Aktion provoziert Investor zum Handeln
Zu schön, um wahr zu sein? Klar doch. Bei dem Projekt „Volllaufen lassen“, das die – tatsächlich existierende – Bürgerinitiative PEG Sendlinger Loch Anfang Juli an der Baugrube mit einer Strandparty vorstellte, handelt es sich um eine Satire-Aktion. Mit ihr machen die Anwohner ihrer Wut über das ungenutzte, verfallende Grundstück Luft. „Hier haben sich Investoren verrannt und verspekuliert“, schimpft Christian Stupka, der Kopf der Gruppe. Rund 250 Anwohner waren da, die Stimmung gut, den Gästen wurde Gin Tonic gereicht – ein Vorgeschmack auf das künftige Seeparadies mitten im Viertel. Stupka ist erfahrener Kämpfer für bezahlbaren Wohnraum, unter anderem in der Stiftung Daheim im Viertel und der Genossenschaft Wogeno, und meint: „Wir brauchen in Sendling bezahlbaren Wohnraum, und das muss irgendwie vorwärtsgehen.“ Und: „Wir müssen energische Maßnahmen ergreifen, wenn das hier kein Loch bleiben soll.“
Vorverkäufe für die geplanten 128 Luxuswohnungen entwickeln sich nicht wie gewünscht
Laut eigenen Angaben kann der Eigentümer des Areals, die Firma M-Concept, dort derzeit nicht weiterbauen, weil der Immobilienmarkt schwächelt. Die Vorverkäufe für die geplanten 128 Luxuswohnungen des Projekts „14 Alram“ entwickeln sich nicht wie gewünscht – somit gibt es kein Geld von der Bank für den Bau. Eigentlich müsste jetzt das Fundament gelegt werden. Bei der M-Concept will man daher geduldig auf die Erholung des Immobilienmarktes, sprich niedrigere Darlehenszinsen, warten. „Der Immobilienmarkt ist in den vergangenen Monaten regelrecht zusammengebrochen und befindet sich gegenwärtig in einer Art Schockstarre“, sagt M-Concept auf Anfrage. „Wie lange dieser Zustand anhält, kann niemand sagen. Wir sind aber zuversichtlich, dass es früher oder später zu einer Trendumkehr kommen wird, weil München für Immobilienkäufer nach wie vor sehr attraktiv ist.“ Doch das dauert den Anwohnern zu lang.
Sendlinger stören sich an Nahversorgung - Supermarkt und Gemüsestand fehlen
Nicht nur der schleppende Wohnungsbau, von dem ohnehin nur Besserverdiener profitieren (laut dem Internetportal Neubaukompass.de beginnen die Quadratmeterpreise von „14 Alram“ bei 15.000 Euro) ärgert die Sendlinger. Sie wünschen sich auch wieder eine Nahversorgung durch einen Lebensmittelmarkt. 2019 stand dort, wo jetzt das Loch klafft, ein Rewe-Supermarkt, der aktuell fehlt. Zudem musste ein Obst- und Gemüsestand wegen der Baustelle zumachen. „Eigentlich hatte uns M-Concept einen Ausfall von 15.000 Euro pro Jahr geboten, den wir auch angenommen haben“, berichtet Karlheinz Mannseicher, dessen Frau der Stand gehört. „Seitdem haben wir aber leider nichts mehr gehört.“ Den Mannseichers wäre es ohnehin lieber, wenn dem KVR eine klare Info vorläge, dass im Moment nicht gebaut wird - dann erhielte das Ehepaar vermutlich die Erlaubnis, den Obststand wieder zu öffnen, wenigstens so lange, bis die Bagger wieder loslegen. Und die Anwohner hätten frisches Obst und Gemüse.
Immerhin der Rewe soll in den Neubau wieder einziehen – doch wann? Aufgrund des ungewissen Zustands hat der Bezirksausschuss Sendling schon im Februar beantragt, dass die Stadt München das Areal kaufen soll. „Doch beim Besuch im BA vorige Woche teilte uns die M-Concept mit, dass sie nicht verkaufen will und dass es in ein, zwei Jahren besser aussehe“, berichtet der Vorsitzende Markus Lutz (SPD), der ebenfalls bei der Protest-Party am Loch zugegen war. „Ich sehe das kritisch. Die Zinsen werden in der Zeit wohl nicht sinken und die laufenden Kosten, um das Bauloch zu erhalten, verschlingen jeden Monat eine fünfstellige Summe.“
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Vielleicht entscheidet sich der Investor daher ja doch noch, zu handeln. „Wir gehen von einer Zwischennutzung von 20 Jahren aus und bieten 500 Euro Pacht im Monat“, erklären die Bürger-Satiriker von der PEG Sendlinger Loch, „zudem stellen wir die Grundwasserpumpen ab, um Strom zu sparen.“ Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.
Zweifelhafter Google-Ruhm
Das Sendlinger Loch wird bei Google Maps bereits als „Sehenswürdigkeit“ geführt. User haben Fotos gepostet und ironische Kritiken geschrieben. „Ich bin oft hier, um die Seele baumeln zu lassen“, schreibt etwa ein Immanuel Bertram, „heute das erste Mal Enten gesehen. Magisch.“ Eine Insa Wegner ätzt: „Wer hätte 2019 gedacht, dass hier ein solches Paradies entsteht!“ Und ein Jakob lobt das „einzige Schlammbad Münchens.“ Realistisch an den satirischen Online-Lobpreisungen sind nur die Enten – sie sitzen gerne an den Grundwasserpfützen in der Grube.
