Auto-reduzierte Kolumbusstraße

„Das Autofahren unbequem machen“ – Münchner Pilotprojekt setzt auf Park statt Parkplätze

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Carsten A. (35) nutzt den neu gewonnen Raum und sitzt mit Baby Elias auf der Wiese

Fast jeder will etwas fürs Klima tun – aber wie sieht es aus, wenn dafür Parkplätze weichen müssen? Das sagen Anwohner über die Auto-reduzierte Kolumbusstraße.

München – Eine junge Familie liegt mit Baby auf der Wiese, eine Frau gießt die Blumenkisten. Daneben spielen Kinder im Sand. Kaum Autolärm ist zu hören. Die Kolumbusstraße in der Au ist jetzt fast autofrei, am Samstag fiel mit einem Fest der Startschuss für das Projekt Auto-reduzierte Quartiere (aqt). Für viele Anwohner ist die Straße nun ein neues grünes Idyll, eine Art Park. Aber bei genauerem Betrachten fallen auch skeptische oder verärgerte Nachbarn auf, die kritisch aus dem Fenster oder versteckt im Hauseingang das ungewohnte Treiben beobachten.

Projekt von Stadt und Technischer Universität: Familien mit Kindern sind begeistert

Die Stadt und die Technische Universität München wollen hier und am Walchenseeplatz bis Oktober untersuchen, wie die Straßen der Zukunft aussehen könnten. Dafür wurden in der Au 41 Parkplätze zu Wiesen, Sitzflächen und Sandkästen umfunktioniert. Der mittlere Teil der Straße ist komplett für den Durchgangsverkehr gesperrt, Anwohner können von beiden Seiten ein Stück hineinfahren, um zum Beispiel zu einer Tiefgarage zu gelangen.

Park statt Parkplätze: Wer hier wohnt und Kinder hat, ist größtenteils begeistert. „Mit einer Wohnung in der Stadt ohne Garten ist das toll, wenn der Wohnraum aufgewertet wird. Es ist auch wirklich schön gemacht“, sagt beispielsweise Carsten A. (35), der es sich mit einer Decke und dem vier Monate alten Elias auf der Wiese im autofreien Teil bequem gemacht hat. Sein größerer Sohn spielt ein paar Meter weiter. „Die Kinder können hier einfach besser spielen – und man muss ja was fürs Klima tun!“

„Da war der Verkehr fast leiser“: Gegner bemängelnm weniger Parkplätze, dafür mehr Kinderlärm

Genau die Kinder sind einem Nachbarn, der nicht genannt werden will, ein Dorn im Auge. „Der Lärmpegel ist hoch und es ist abends länger laut – da war der Verkehr fast leiser.“ Michael B. (30) pflichtet ihm bei und spricht für die Gegner aus der Straße. „Viele hier sind wütend. Wer keinen Garagenstellplatz hat, hat es nun echt schwer. So wird der Bürger gedrängt, aufs Auto zu verzichten.“ Noch sind Gegner und Befürworter nicht aufeinander zugekommen, so scheint es. Eine Frau beichtet, bei den Aufbauarbeiten hätten Anwohner Eier geworfen.

Johanna S. (38) gießt Pflanzen in den gemeinschaftlichen Blumenkisten

Auto-reduzierte Straße in München: „Man muss anfangen, etwas zu ändern“

Für Johanna S. (38), die ums Eck wohnt, ist heute ein schöner Tag. „Es gibt mehr Begegnungsraum für die Nachbarn, um sich besser kennenzulernen. Ich verstehe Menschen, die aufs Auto angewiesen sind, aber viele nutzen das Auto alleine und fahren damit nur zum Bäcker oder so. Ihnen muss man das Autofahren unbequem machen, man muss anfangen, etwas zu ändern.“ Sie verweist auf Städte wie Barcelona oder Amsterdam. „Die sind da viel radikaler, da ist diese Maßnahme noch sanft.“

Kinder freuen sich über den neuen, großen Sandkasten

Auch Mehmet K. (66), der seit 40 Jahren an der Straße lebt, findet die Umgestaltung schön. „Aber ich habe eine lungenkranke Frau, die mit ihrem Sauerstoff nicht so weit laufen kann. Und ich muss jetzt viel weiter entfernt parken. Gestern hat die Parkplatzsuche 40 Minuten gedauert.“

Ein weiteres Argument der Skeptiker: Man versehe die Wahl des Ortes nicht, werfen einige Anwohner ein. Solch ein Projekt sei in einer Straße, die nur hundert Meter entfernt von den grünen Isarauen liegt, doch weniger passend als in einer Gegend vollkommen ohne Grünflächen. Ob die auto-reduzierte Straße dennoch viel genutzt wird, werden die kommenden Wochen zeigen.

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