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Sie bringen über acht Jahrzehnte politische Erfahrung mit. Ulrich Schmetz (SPD) und Klaus Wollenberg (FDP) sitzen seit 40 Jahren im Stadtrat.
Fürstenfeldbruck – Im Gespräch mit den Tagblatt-Redakteuren Ingrid Zeilinger und Stefan Reich blicken sie auf die Zeit zurück.
-Herr Schmetz, Herr Wollenberg, 40 Jahre Stadtrat sind eine lange Zeit. Wollten Sie schon mal hinschmeißen?
Schmetz: Beim Rausgehen aus dem Rathaus habe ich daran schon öfter mal gedacht. Daheim angekommen dann aber schon nicht mehr. Aufgeben gilt nicht.
-Ihre Beiträge im Stadtrat tragen Sie meist sehr sachlich vor. Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich als Stadträte zum ersten Mal richtig aufgeregt haben?
Wollenberg: Ich habe als junger Stadtrat ein Jahr lang erstmal nur gelernt und Fachausdrücke aufgenommen, damit man sich nicht blamiert. Dann stand eine Erhöhung der Wasserpreise auf der Tagesordnung. Ich habe mich auf das Thema in der Hochschule – ich war damals Student der Betriebswirtschaft – und in Gesprächen mit dem Kämmerer gut vorbereitet. Ich habe aus meiner Sicht fachlich und betriebswirtschaftlich ganz toll begründet, dass es das nicht braucht. Die CSU hatte damals die absolute Mehrheit, und der damalige Werksreferent Ludwig Lösch und der damalige CSU-Fraktionsvorsitzende und Zweite Bürgermeister Georg Heferle sind über mich hergefallen: Was das für eine Schaufensterrede sei, was für ein Unsinn. Wie man als junger Stadtrat, der von nix ’ne Ahnung hat, so redet. Ich habe mich innerlich so empört, ich habe die Nacht nicht geschlafen.
-Wie hat Sie dieses Erlebnis beeinflusst?
Wollenberg: Ich stand dann vor der Alternative: Entweder schweigst Du künftig oder Du machst die Ellbogen breit. Ich habe zum Glück die Ellbogen breit gemacht. Damals war das Thema Umweltschutz im Aufkommen, und als erster Umweltreferent der Stadt konnte ich mich etwas freischwimmen. Ich glaube, es hat mich auch über den Stadtrat hinaus geprägt, dass man sich da nicht von 39 anderen unterbuttern lässt. Mit dem Kollegen Lösch habe ich mich später, als er Finanzreferent war, übrigens ganz gut verstanden.
-Herr Schmetz, mussten Sie auch erst lernen, die Ellbogen auszufahren?
Schmetz: Das nicht so sehr, auch wenn es mir schon ähnlich ging wie dem Kollegen Wollenberg. Ich war zu Anfang nicht der, der eine dicke Lippe riskiert oder von sich aus das Wort geführt hat. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich schon vorher. Ich war 1972 erstmals angetreten, aber nicht gewählt worden. In dieser Periode wurde am heutigen Geschwister-Scholl-Platz das neue AEZ gebaut. Die nötigen Parkplätze sollten oberirdisch entstehen. Ich habe gesagt: Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass eines der beiden Einfallstore in die Stadt eine Blechwüste ist, wo nichts anderes draufsteht als in der Sonne gleißende Pkw. Ich habe dann als Bürger den Vorschlag eingebracht, eine Tiefgarage zu bauen. Das war natürlich weit weg von jeglichem Vorstellungsvermögen.
-Die Tiefgarage wurde trotzdem bald gebaut.
Schmetz: Das lag an der aufkommenden Angst vor einem Atomkrieg. Zusammen mit der Bahn wurde eine Park&Ride-Anlage gebaut, mit einem zweiten Untergeschoss als Schutzraum. Dennoch bin ich bis heute stolz, dass dort kein Parkplatz ist.
-Was hat Sie bewogen, sich als Stadtrat politisch engagieren zu wollen? Das ist schließlich mit zeitlichem Aufwand verbunden.
Schmetz: Der war damals noch etwas geringer. Es ging darum, sich einzumischen, sich einzubringen. Ich bin ja auch in die Arbeiterwohlfahrt eingetreten. Darauf, dass ich seit 1984 deren Ortsvereinsvorsitzender bin, bin ich allerdings nur bedingt stolz. Denn es wäre eigentlich an der Zeit, dass das neue Leute übernehmen. Doch die Bereitschaft, sich auf Dauer zu engagieren, ist rückläufig. Mag sein, dass die Lebensumstände dazu beitragen. Die Anforderungen im Beruf sind bei vielen Leuten heute andere als früher.
-Der Aufwand war also früher kein Thema? Man wollte sich einbringen, also hat man einfach für den Stadtrat kandidiert?
Schmetz: Der Anreiz war damals auch, dass die Jusos, denen ich noch angehörte, bei der Aufstellungsversammlung für die Wahl 1972 unseren langjährigen Mandatsträger Kurt Fabig auf der Liste weiter hinten platzieren wollten. Das ist auch gelungen. Aber er hat als Lehrer einen guten Ruf in der Bevölkerung gehabt und mich in der Wahl weit hinter sich gelassen. 1978, als Willy Buchauer aufhörte, bin ich gleich als Bürgermeisterkandidat angetreten und habe so um die 23 Prozent geholt. Beim zweiten Versuch 1984 waren es dann 32 Prozent. Das wäre heute für die SPD schon fast ein traumhaftes Ergebnis.
-Herr Wollenberg, wie kamen Sie zur Lokalpolitik?
Wollenberg: Als ich nach meiner Lehre bei der Sparkasse Fürstenfeldbruck mein Abitur nachgemacht habe, gab es einen Klassenkameraden, der war bei den Jungdemokraten, der damaligen Jugendorganisation der FDP. Der hat mich und einen anderen Mitschüler immer wieder bearbeitet. Wir sind dann beide 1974 in die FDP eingetreten. Weil ich eines der wenigen Mitglieder im Ortsverband war, das in Fürstenfeldbruck aufgewachsen war, wurde ich auf Platz drei der Liste aufgestellt und als einziger in den Stadtrat gewählt. Da haben dann die älteren Mitglieder schon etwas geschluckt. Als junger Stadtrat habe ich dann wie gesagt erstmal gelernt.
-Sie betonen das. Warum?
Weil wir in der aktuellen Legislaturperiode 20 neu gewählte Stadträte haben. Die meisten schauen sich die Sache auch erst mal an und hören zu. Aber ganz wenige haben von der ersten Sekunde an etwas zu sagen. Das belastet diese Legislaturperiode unheimlich. Also nicht, dass sie etwas zu sagen haben...
Schmetz: ...aber zu jedem Thema. Das ist zeitraubend.
Wollenberg: Und deshalb sitze ich manchmal so da (verschränkt die Arme). Das ist einfach ungut.
-Sie beide haben zuletzt auch die Verwaltung kritisiert. War das Verhältnis zwischen Rathaus und Stadtrat früher anders?
Wollenberg: In meiner ersten Periode mit der absoluten Mehrheit der CSU war die Arroganz der Macht mitunter unerträglich. Die Verwaltung aber war eigentlich von Anfang an vorbildlich. Man hat sich kennengelernt und Vertrauen gefasst. So habe ich auch mal Tipps und Hintergrundinformationen bekommen. Ich kann mich vom menschlichen Umgang her überhaupt nicht beschweren. Das einzige Problem in dieser Wahlperiode ist, dass wir längst einen neuen Flächennutzungsplan bräuchten. Und deshalb hat unsere Fraktion einen richtig heftigen Disput mit unserem Bauamt.
-Worin besteht der aktuelle Disput?
Wollenberg: Was beispielsweise die Standorte für Kinderbetreuungseinrichtungen angeht: Da ist so vieles Zufall, je nachdem, wo man halt gerade ein Grundstück herkriegt. Auch beim Wohnungsbau und bei der Ansiedlung von Gewerbe fehlt mir der Ehrgeiz. Man müsste sich Gedanken machen, wo und in welcher Richtung man wachsen will. Das ist für mich bisher eine Flickschusterei.
Schmetz: Man sagt, die Entwicklung der Stadt und ihrer Infrastruktur lässt sich für ungefähr 15 bis 20 Jahre vorausdenken. Unser Flächennutzungsplan ist von 1974. Seitdem wurde er nur jeweils nach Bedarf, meist nach dem Willen ansiedlungswilliger Unternehmen oder Bauträger, hier und da geändert. Besonders mit der Situation, dass wir den Fliegerhorst dazubekommen, eine enorme Zuwachsfläche für die Stadtentwicklung, muss man doch jetzt das Gesamtbild betrachten. Deshalb müsste ein neues Flächennutzungsplanverfahren eigentlich bis nächstes Jahr in Gang gesetzt sein. Aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass ich das noch erlebe.
Wollenberg: Ich habe noch die Hoffnung, dass auch die neuen Stadträte kapieren, dass man als große Kreisstadt mit mehr als 36 000 Einwohnern nicht mit diesen Von-der-Hand-in-den-Mund-Lösungen leben kann. Und dass sie sich irgendwann an der Nase packen und nicht mehr drei Stunden diskutieren, ob Hochschulstadt auf dem Ortschild steht oder nicht, was sowieso keinen Menschen juckt.
-Wo sehen Sie den Grund für diese Veränderung?
Wollenberg: Die Krankheit von Klaus Pleil, diese herrschaftslose Zeit, hat eine ganz schwere Narbe hinterlassen. Die Abteilungen im Haus mussten zwangsläufig weiter ihre Arbeit machen. Und manche haben sich dabei mehr emanzipiert als andere.
Schmetz: Die Verwaltung verselbstständigt sich. Es fehlt Zielorientiertheit. Sowohl beim Chef der Verwaltung als auch in den Gremien.
-Sie gestalten Fürstenfeldbruck seit 40 Jahren mit. Wie haben Sie sich damals die Zukunft der Stadt vorgestellt und inwieweit entspricht sie heute Ihren Vorstellungen von damals?
Schmetz: Damals hatte man mit dem noch recht neuen Flächennutzungsplan gerade erst eine Zukunftsperspektive zu Papier gebracht, nach der sich die Stadt zunächst auch entwickelt hat. Dann hat man aber Einzelentscheidungen getroffen, die damit nicht mehr in Einklang zu bringen waren. Die einzige Entwicklung, die mir nach wie vor sympathisch ist, war die Zunahme von Arbeitsplätzen, mit der sich Sepp Kellerer als Bürgermeister sein eigentliches kommunalpolitisches Denkmal gesetzt hat. Zum Ende seiner Amtszeit gab es erstmals mehr Einpendler als Auspendler. Aber auch diese Entwicklung ist mit Ausnahme der Hasenheide nicht wirklich organisch gelaufen.
Wollenberg: Die ESG-Ansiedlung oder die Schleifring-Erweiterung sind auf jeden Fall Perlen in der Gewerbe-struktur.
Schmetz: Aber die Einzelfallplanung sollte man nicht weiter so ungeordnet schleifen lassen und immer nur die Briefmarke machen.
Wollenberg: Ich finde, man müsste wirklich als Stadtrat oder Bürgermeister ein bisschen mehr Ehrgeiz in ein Erkennen von Strukturen setzen und sich nicht, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehend, vom Alltagsgeschäft so erdrücken lassen.
-In Vielem scheinen Sie recht einig...
Schmetz: Da fällt mir spontan die Gründung des Vereins „Freunde des Klosters Fürstenfeld“ ein. Du warst der Initiator und ich Gründungsmitglied.
Wollenberg: Das war eine Sache, die hat in der Realisierung 25 Jahre gedauert, von der Gründung bis zur Wiederherstellung des Churfürstensaals. Und es war ein tolles bürgerschaftliches Engagement.
-Gab es auch Fragen, in denen Ihre Meinungen auseinandergingen?
Wollenberg: Wir streiten uns öfter über die Diskussionskultur im Haus. Mir fällt es, weil ich es aus der Hochschule anders gewohnt bin, schwer, mich an die Rednerliste zu halten und zu warten, bis ich dran bin. Wenn ich dann mal dazwischen frage, schießt der Kollege Schmetz schon mal rüber. Dann ist es aber auch wieder vorbei.
Schmetz: Es belastet das persönliche Verhältnis nicht.
-Das betrifft die Umgangsformen. Und inhaltlich?
Schmetz: Ich glaube, bei der Bebauung Viehmarktplatz habt ihr eine andere Position vertreten als damals die SPD und CSU.
-Ein Dauerbrenner war ja die Deichenstegtrasse.
Wollenberg: Die Deichenstegtrasse, ich komm da mehr oder weniger jeden Tag mit dem Radl im Sommer beim Marthabräuweiher lang. Und denke mir: Die Alternative mit der B 2 beim Landratsamt raus und irgendwo ne Untertunnelung, da war einfach die Abwägung: Ist es das wert, so eine Natursituation kaputt zu machen. Und warum muss denn unbedingt die Stadt Fürstenfeldbruck auf dem Gebiet der Stadt eine Alternative überlegen wie die B 2 geführt wird. Ich sehe nach wie vor keine Möglichkeit, da ne Straße noch durch irgendeine Parkanlage zu legen.
Schmetz: Die Landsberger Straße hat ja jetzt das Straßenbauamt ins Gespräch gebracht. Das halte ich für eine völlig verfehlte Überlegung. In Anbetracht der fast 40 Jahre währenden Diskussion gibt es für mich nach wie vor eigentlich nur die Südumgehung und die äußere Schöngeisinger Straße, die das Straßenbauamt abgelehnt hat. Wenn es weiter an einer leistungsfähigen B 2 interessiert ist, dann bleibt aus meiner Sicht, wenn man nicht in völlig unberührte Naturverhältnisse eingreifen will, fast nichts anderes mehr übrig.
Wenn das Straßenbauamt auf seinen Vorstellungen wirklich beharren sollte, würde das bedeuten, dass die Amperbrücke erneuert werden muss, und zwar mit einer ganz anderen Tonnageleistung. Darauf müssen wir vorbereitet sein und uns Alternativen überlegen. Da sind wir zeitlich gefordert, weil das Straßenbauamt seinen Druck deutlich erhöht. Ich bin der Meinung, die Amperbrücke wäre technisch so sanierbar, dass sie weiterhin für die jetzige Funktionsbeschränkung mit 16 Tonnen nutzbar wäre.
-Wie würden Sie sich gegenseitig charakterisieren?
Wollenberg: Ulrich Schmetz ist manchmal ein Dickkopf, bei dem ich nicht weiß, wie ich an ihn rankomme. Aber nicht nur wegen seiner Kenntnis, etwa im Baurecht, oder wegen seiner Ämter ist er eine höchst respektable Person, mit der ich gerne zusammenkomme – auch wenn es manchmal funkt.
Schmetz: Ich würde unser Verhältnis zwar nicht als Ehe bezeichnen, aber selbst in einer guten Ehe kommt es manchmal zum Funkenflug. Manchmal ist es mühsam, ihn zu überzeugen, es ist aber nicht unmöglich. Und es ist ja auch positiv, wenn jemand nicht wachsweich in seinen Positionen ist. Ich habe den Vergleich mit seinen Vorgängern und kann sagen, dass Klaus Wollenberg als Kulturreferent eine gute Besetzung ist. Das ist er seit 1990, und die Kontinuität ist ein Vorteil. Er hat nach 40 Jahren ein Standing im Stadtrat, unabhängig von Wahlausgängen oder parteipolitischen Positionen.
-Gab es in all den Jahrzehnten Kollegen im Stadtrat, mit denen Sie sich besonders intensiv auseinandergesetzt haben?
Schmetz: Es wurde immer kolportiert, auch in der Presse, dass ich und der Manfred Hölzel von der CSU uns ständig wie die Kesselflicker gestritten haben. Aber für Persönliches fehlt mir die Emotionalität. Es ging immer um die Sache, nie um die Person. Wir waren nach der Sitzung dann öfter auch noch ein Bier trinken. Das passiert heute viel zu wenig. Dabei wäre es für die Arbeit im Rat wichtig, sich auch auf anderer Ebene besser kennenzulernen. Nicht mal die CSU-Fraktion geht nach den Sitzungen noch zusammen ins Wirtshaus.
Wollenberg: Ein neues Rathaus bräuchte auf jeden Fall einen Ratskeller. Klaus Quinten (Stadrat der BBV, Anm. d. Red.) hat in einer früheren Wahlperiode immer gegen mich geschossen, die Details weiß ich gar nicht mehr. So etwas wie einen Lieblingsfeind habe ich nicht. Lieblinge ja, Feinde nein. Ich hoffe auch umgekehrt, dass mich niemand zum Mond wünscht.
-In der nächsten Wahlperiode müssen Sie sich vielleicht mit der AfD auseinandersetzen.
Wollenberg: Auf kommunaler Ebene sind die gesichtslos.
Schmetz: Auch die Republikaner saßen schon im Landtag und im Stadtrat. Und selbst mit denen hat man reden können. Die AfD ist eine Zeiterscheinung. Aber man darf sie bei der Stärke auch nicht links liegen lassen, sondern muss ihr argumentativ begegnen.
-Sie werden sich sicher nicht für unverzichtbar halten. Aber Sie haben gesagt, dass es doch Projekte gibt, mit denen sie sich schon lange befassen, dass Erfahrung wichtig ist und dass es im Gremium viele Neulinge gibt. Will man die wirklich ihrem Schicksal überlassen?
Schmetz: Man ist nicht unverzichtbar, auch wenn man das manchmal meint. Ich werde wohl 2020 nicht mehr antreten. Die dann 42 Jahre hat der Kollege Wollenberg zwar auch, er ist aber fünf Jahre jünger. Das macht schon was aus. Ich werde demnächst 72 und wäre dann fast 74. Vielleicht sagt da der ein oder andere aus der Bürgerschaft noch: Schade, dass er aufhört, und noch nicht alle: Gut, dass der alte Depp jetzt endlich einsieht, dass seine Zeit gekommen ist.
Wollenberg: Das ist sicher richtig. Entscheidend ist, ob ich das Gefühl habe, noch etwas zu sagen zu haben. Und auch, ob ich hinter meinem Rücken schon belächelt werde. Soweit der liebe Gott mich gesund bleiben lässt, habe ich im Kultur- und Gewerbebereich schon noch ein paar Ideen, die ich gerne in die Diskussion bringen möchte.
