„Wir predigen nicht ins Blaue rein, sondern haben unser Evangelium und damit automatisch Themen wie Nächstenliebe“: Pfarrer Stephan Rauscher (2. v. l.) und Dekan Christian Weigl (2. v. r.) im Gespräch mit FT-Redakteurin Andrea Beschorner und FT-Redaktionsleiter Manuel Eser.
Pfarrer Stephan Rauscher und Dekan Christian Weigl sprechen im FT-Interview über die emotionale Migrationsdebatte, darüber, wie politisch Kirche ist und über ihre Erfahrungen, als sie Geflüchteten Kirchenasyl gewährten.
Landkreis – Der eine kennt Anfeindungen, weil er in den vergangenen Jahren zahlreichen Menschen Kirchenasyl gewährt hat. Der andere hat bereits vor zwei Jahren in einer Predigt vor Rassismus und Antisemitismus gewarnt. Das FT hat sich mit dem katholischen Pfarrer Stephan Rauscher, Leiter des Pfarrverbands Holledau, und Freisings evangelischem Dekan Christian Weigl zum ökumenischen Interview getroffen. In den Räumen des Attenkirchener Pfarrhauses sprachen die beiden Geistlichen über die emotionale Migrationsdebatte, Gefahren für die Demokratie und ihre eigenen Erfahrungen. Ihr Appell an alle: „Wir müssen Ängste abbauen und miteinander im Gespräch bleiben, und all das möglichst sachlich.“
Herr Pfarrer Rauscher, Herr Dekan Weigl, „Wählen für alle. Mit Herz und Verstand“: So ist eine ökumenische Kampagne zur Bundestagswahl überschrieben. Wieso ist es plötzlich wichtig geworden, dass Kirche politisch ihre Stimme erhebt?
Weigl: Hintergrund dieses Projekts ist, dass die Kirchen natürlich auch wahrnehmen, dass unsere Demokratie gefährdet ist. Man ist lange Zeit davon ausgegangen, dass Demokratie etwas Selbstverständliches ist, aber das ist sie eben nicht. Ich begrüße die Kampagne sehr, zum Schutz der Demokratie, denn sie ist sehr wertvoll. Rauscher: Wenn Kirche sich nicht politisch engagiert, dann stimmt was nicht. Wir müssen nur vorsichtig sein, als Kirche nicht parteipolitisch zu werden. Die Gesellschaft mit Herz und Verstand mitzugestalten, das ist ein Auftrag der Kirche.
Welche Rolle spielen Herz und Verstand bei der Wahl?
Weigl: Beides ist wichtig. Verstand deshalb, um nicht irgendwelchen Ideologien hinterherzulaufen. Das Herz ist wichtig, um wahrzunehmen, dass es immer auch um Menschen geht. Ich denke da an die Migrationsdebatte. Natürlich ist es Aufgabe des Staates, das in irgendeiner Form zu regeln. Aber ich bitte die Politik, daran zu denken, dass es hier um Menschen geht. Und da spielt dann das Herz eine große Rolle. Rauscher: Verstand ist klar: Ich muss mich informieren und überlegen, wen ich wähle. Demokratie lebt davon, dass die Leute mitdenken, sonst ist sie am Ende. Und Herz ist wichtig, weil der Mensch ein Gefühlswesen ist. Migration ist ein Thema, das viel Herz braucht. Deshalb wird es auch plakativ und polemisch für den Wahlkampf genutzt: Weil es mit vielen Emotionen verbunden ist. Das finde ich furchtbar. Es ist unbestritten für jeden von uns schlimm, dass in Aschaffenburg ein Kind gestorben ist. Gerade jetzt braucht es aber Verstand, um die Debatte sachlich und zielführend zu führen. Stattdessen spielen manche mit der Angst und den Gefühlen der Menschen.
Die Attentate machen uns alle stark betroffen. Kann man daraus aber Rückschlüsse auf die ganze Migrationsdebatte ziehen?
Rauscher: Ich habe zu dem Thema viele Erfahrungswerte vor allem mit den Menschen, denen ich Kirchenasyl gewährt habe. Ein Beispiel: Ein junger Mann aus Afghanistan, den ich aufgenommen habe, leidet sehr unter dem, was in Aschaffenburg passiert ist. Er sagt: „Ausgerechnet einer von uns hat das gemacht.“ Wir als Deutsche sollten das doch nachfühlen können und besser wissen. Wir wurden und werden immer für das haftbar gemacht, was damals im Zweiten Weltkrieg passiert ist.
Sie sprechen vom Holocaust.
Rauscher: Da waren auch nicht alle Deutschen dafür verantwortlich. Wie können ausgerechnet wir jetzt hergehen und eine ganze Völkergruppe für diese Anschläge verantwortlich machen? Dabei sage ich ganz klar: Ich finde auch, dass man die Migrationspolitik nochmal anschauen muss, aber doch bitte sachlich. Es geht nicht um Abschieben und Abschotten. Wir brauchen die Menschen hier. Hier wird nicht mit Argumenten gearbeitet, sondern mit Angst. Weigl: Hier werden ganz alte und tief sitzende Ressentiments bedient. Wir müssen zurück auf die Sachebene. Etwa wenn Landkreise aufzeigen, wie sie gefordert und zum Teil auch überfordert mit der Unterbringung von Flüchtlingen sind. Es ist wahnsinnig problematisch, unterschwellig immer Vorurteile zu bedienen: Das fängt an bei „Die arbeiten nichts“, führt über „Die hängen nur rum“ und endet bei „Da kann man seine Kinder nicht vorbeilaufen lassen“. Das muss aufhören.
Was müsste dringend in einer überarbeiteten Migrationspolitik verankert werden?
Rauscher: Die Leute müssen arbeiten dürfen. Ich hatte einen Geflüchteten bei mir, der durfte vier Jahre lang nicht arbeiten. Der lag freilich dem Staat auf der Tasche. Als er endlich arbeiten durfte, hat er sofort einen 40-Stunden-Job angenommen. Arbeit ist sinnstiftend, das ist ein wesentlicher Beitrag zur Integration. Wenn wir die Helferkreise nicht hätten, wären wir schon alle mit dem Thema Geflüchtete untergegangen. Warum hört man diese Leute nicht an? Wir müssen zusammen um eine gute Lösung ringen. Ein weiterer Punkt ist es, die Sprache zu fördern, und das schnellstmöglich. Weigl: Die Geflüchteten werden von den zuständigen Beamten oft wie ein Verwaltungsvorgang behandelt, nicht wie Menschen. Wir müssen Asylsuchende integrieren, und dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen. Wenn wir das nicht tun, schaden wir nicht nur ihnen, sondern auch uns. Wir müssen Geflüchtete arbeiten lassen und zwar sofort. Auch Beratungsstellen sind enorm wichtig, Mittelkürzungen finde ich auf dem Sektor problematisch.
Erdings Stadtpfarrer wurde wegen einer Predigt, in der er sich sehr kritisch zur AfD geäußert hat, von einem AfD-Anhänger wegen Volksverhetzung und übler Nachrede angezeigt. Schreckt Sie das ab?
Es ist nicht die CDU/CSU, die in Teilen rechtsradikal ist. Bei aller berechtigter Kritik müssen wir schauen, gegen wen wir uns positionieren.
Weigl: Ich bin schon immer sehr klar und deutlich auch in meinen Predigten. Ich hab schon vor zwei Jahren gegen Antisemitismus und Rassismus gepredigt. AfD und christliche Werte – das passt hinten und vorne nicht zusammen. Das sage ich ganz offen. Von einer möglichen Anzeige lasse ich mich nicht beeindrucken. Rauscher: Mich wundert es nicht, dass sowas passiert. Ich habe damals schon immer wieder Hassmails und Anzeigen bekommen, als ich Menschen Kirchenasyl gewährt habe. Da stand „Wir werden dich und deine Asylanten auf der Straße niederschlagen“ oder „Ihr Kinderschänder“. Das hat mich nicht beeindruckt. Ich habe noch nie über Parteigeschichten gepredigt, auch wenn ich nach meinen Predigten immer wieder höre: „Heute war‘s aber politisch.“ Wir predigen nicht ins Blaue rein, sondern haben unser Evangelium und damit automatisch Themen wie Nächstenliebe. Da wären wir wieder beim Thema: Kirche ist automatisch politisch.
Erzählen Sie von der Reaktion der Menschen, als Geflüchtete in Ihre Gemeinde gekommen sind: Wie haben Sie, Herr Pfarrer Rauscher, damals versucht, die Wogen zu glätten?
Rauscher: Als die ersten Asylsuchenden gekommen sind, war die Stimmung sehr aufgeheizt. Ich habe damals an die Bürger appelliert, erst einmal abzuwarten. „Da kommen Menschen zu uns“, hab ich immer wieder gesagt. Da gab es viele Vorbehalte, aber das ist auch normal. Alles Unbekannte macht Angst. Weigl: Aber diese Angst dürfen wir nicht befördern. Darum geht es. Rechtsradikale Parteien geben keine Antworten auf Ängste, sie nutzen sie vielmehr für eigene Zwecke aus. Rauscher: Und es geht auch darum, die Ängste der Menschen ernst zu nehmen. Ehrlich gesagt fehlt mir die Sachlichkeit oft auf beiden Seiten.
Haben Sie ein Beispiel?
Rauscher: Vor einigen Jahren hatte die AfD eine Veranstaltung hier in Attenkirchen. Da waren einige Bürger, die sich das einfach mal anhören wollten. Auf dem Weg zum Bürgersaal wurden sie von den Demonstranten ausgebuht und beschimpft. Das hat mir nicht gefallen. Es wäre doch viel besser gewesen, zusammen reinzugehen und Falschbehauptungen aufzudecken und die AfD damit zu konfrontieren. Die demokratische Gesellschaft muss aufpassen, dass man sich nicht auf dieses Niveau runterlässt.
Sie Beide haben Menschen Kirchenasyl gewährt. Was waren die größten Hürden bei der Integration?
Weigl: Der Weg ist voller Hürden, alles ist viel zu bürokratisch. Damit sind so viele Menschen betraut, die nicht entscheiden können oder die eine Angst davor haben, eine Entscheidung zu treffen. Das ist dramatisch. Rauscher: Den Asylsuchenden wird alles sehr erschwert, um hier Fuß zu fassen. Wenn sie sich hier ein Leben aufgebaut haben, und es darum geht, ob sie bleiben dürfen, hast du oftmals keine Chance. Da sind Beamte, die über das Schicksal dieser Menschen entscheiden, die sich aber oft keine positive Entscheidung zu treffen trauen. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Auch die Wohnsituation ist oft prekär. Und immer wieder das Thema Arbeit.
Versuchen wir, uns zum Kern des Problems vorzuarbeiten: Wieso sind viele Menschen im Augenblick so unzufrieden?
Weigl: Das ist die große ungeklärte Frage. Es ist eine Unzufriedenheit auf hohem Niveau. Wir haben eigentlich alles. Rauscher: Wir haben viele Probleme, die wir angehen müssen: Klimakrise, Wirtschaft. Es ist an der Zeit, eine tiefe Zufriedenheit zu lernen.
Hat die Politik da auch Verantwortung?
Ein junger Mann aus Afghanistan, den ich aufgenommen habe, leidet sehr unter dem, was in Aschaffenburg passiert ist.
Rauscher: Wir brauchen Zusammenhalt und nicht nur Streit auf der politischen Bühne. Wir brauchen Politiker, die gemeinsam für das Gute ringen. Wählbar sind für mich die Parteien, die auch mal ein gutes Haar an den anderen lassen. Weigl: Es fehlt eine integrative Politik, eine Politik, die nicht polarisiert. Ich spüre einen gewissen Vertrauensverlust in politische Institutionen.
Im Zustrombegrenzungsgesetz von CDU/CSU hätte unter anderem der Familiennachzug eingestellt werden sollen. Ist das C im Parteinamen noch gerechtfertigt?
Weigl: Wir dürfen das nicht überhöhen. Zu den Vorschlägen von Friedrich Merz haben sich die Migrationsbeauftragten der Kirchen sehr kritisch positioniert. Ich weiß nicht, ob Wahlkampf überhaupt etwas mit dem C für Christlich zu tun hat. Das Vorgehen war politisch unglaublich ungeschickt. Ich verstehe, dass man sich das Thema nicht wegnehmen lassen möchte. Und trotzdem dürfen wir aber nicht vergessen: Es ist nicht die CDU/CSU, die in Teilen rechtsradikal ist. Bei aller berechtigter Kritik müssen wir schauen, gegen wen wir uns positionieren. Auch wenn das Gesetz inhaltlich wahnsinnig problematisch ist. Rauscher: Ich hab mich über das sehr geärgert, mich gefragt, was das eigentlich soll. War es Taktieren, war Merz am Ende sogar froh, dass es abgelehnt worden ist? Es war auf jeden Fall insgesamt sehr unglücklich. Ich denke aber, dass man innerhalb der Partei um einen guten Weg ringt. Friedrich Merz ist nicht gleich die gesamte CDU/CSU.
Wo kann jede und jeder von uns ansetzen, um die Stimmung wieder zu verbessern?
Rauscher: Wir brauchen alle Geduld, und wir müssen wieder zusammenhelfen, und zwar richtig. Damit hat unser Land doch Erfahrung. Wir müssen aufhören, zu schimpfen und einen Sündenbock zu suchen. Da kann jeder mithelfen. Ich wünsche jedem eine persönliche Zufriedenheit. Wir müssen Ängste abbauen und miteinander im Gespräch bleiben, und all das möglichst sachlich. Ohne Polemik. Wir brauchen mehr Klarheit. Weigl: Ich frage mich, ob es ein Phänomen ist von gefühlt mangelnder Wertschätzung. Menschen sollten wissen, sie sind gehört und werden gesehen. Wir müssen uns wieder mehr zuhören und uns gegenseitig mehr wertschätzen.
Wir haben jetzt viel von der Angst der anderen gesprochen. Haben Sie auch Angst?
Rauscher: Ja und nein: Wenn ich alles beobachte, macht mir das Angst. Da stelle ich mir die Frage, wo geht unsere Gesellschaft, wo geht Europa hin. Aber dann bin ich der gläubige Mensch, der weiß, gewisse Sachen kann ich nicht aufhalten. Ich glaube an einen, der über dem Ganzen weiterdenkt. Ich habe Gottvertrauen. Weigl: Angst wäre mir ein zu großes Wort. Die Lage in der Welt macht mir aber Sorge. Es ist weltweit so geballt, die Willkürherrscher etwa. Ich bin aber für mich selber klar. Ich glaube an die Menschlichkeit. Ich glaube, dass die ihren Platz hat. Wir haben mit der Kirche einen Ort, wo die Fehlerhaftigkeit, die Not und die Ängste sein dürfen. Wir thematisieren das. Das kann eine Chance sein.