Wetten aufs Wetter

Zwischen Smartphone-App und Bauernweisheit: Landwirte oft in der Zwickmühle

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Mähen oder nicht – das hängt vom Wetter ab. Doch wem kann der Landwirt vertrauen? Den Meteorologen? Oder gar dem Bauernkalender

Landwirte sind vom Wetter abhängig. Bauernregeln sagen es vorher, das Internet aber auch. Wir haben im Landkreis nachgefragt, worauf Kreisobmann und Kreisbäuerin vertrauen.

Bad Tölz-Wolfratshausen Wie das Wetter am 24. August sein wird, kann aktuell kein Meteorologe, keine App auf dem Smartphone und auch keine Bauernregel vorhersagen. Langzeit-Prognosen, basierend auf höchstkomplizierten Computermodellen, bieten einige Wetterdienste zwar an, vertrauenserweckend sind sie nicht. Das gilt ebenso für die Überlieferung. So erklärt der Bauernkalender beispielsweise, welche Auswirkung Dauerregen am 24. August hätte: „Wie Bartholomäitag sich hält, so ist’s auch im Herbst bestellt“, heißt es. Ob uns das Wasser den Herbst über tatsächlich in die Schuhe schwappt, ist zumindest zweifelhaft.

Kaum ein Beruf ist so vom Wetter abhängig, wie der des Landwirts. Der Blick aufs Barometer gehört zum Job wie der Griff ans Euter der Kuh.

Peter Fichtner Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands

Auch für Peter Fichtner. Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands schaut aber gelegentlich auch auf den Bauernkalender – wie es schon sein Vater und Großvater getan haben. Wenn der Holler blühe, und das dauert immerhin den gesamten Juni, werde der Boden nicht trocken, behauptet eine Regel. „Und die stimmt“, sagt Fichtner. „Im Juni haben wir einfach kein konstantes Wetter“, selbst wenn der Wetterbericht dies felsenfest prophezeie. Der Milchbauer aus Bad Heilbrunn ist in jenem Monat selbst den Meteorologen aufgesessen: „Die haben für einen ganzen Sonntag Sonne vorhergesagt. Also habe ich eine Mordsfläche Gras zum Trocknen ausgelegt.“ Das Ende vom Lied: Schon am Mittag schoben sich Wolken vor die Sonne. „Fürs Tierfutter brauchen wir aber drei sichere Tage zum Trocknen.“

Komplett technikfeindlich ist der 60-Jährige nicht. Er schaut sich die Vorhersagen in Internet und Videotext an. Eine Wetter-App nutzt er nicht. Fichtner besitzt „noch nicht einmal ein Handy“ – anders als seine Frau und seine Kinder, von denen „jeder so ein kleines Kastl“ hat. Ihm dagegen genügen der Blick aufs Barometer neben der Stalltür und seine Erfahrungswerte. „Ich schau’ mir die Wolken an, die erzählen dir immer was.“ Das würde er manchmal auch den Meteorologen empfehlen. „Ich habe das Gefühl, die sehen nur noch in ihre Computer und gar nicht mehr aus dem Fenster.“

Natürlich gibt es eine neue Generation von Landwirten, für die eine mit dem heimischen PC verbundene Wetterstation und der Windmesser am Traktor zur Ausrüstung gehören. „So etwas braucht man aber eher im Frucht- und Getreideanbau“, sagt Ursula Fiechtner. Dort würden Temperatur, Bodenfeuchtigkeit und weitere Faktoren eine größere Rolle spielen als in der hier dominierenden Grünlandwirtschaft.

Auf dem Hof der Kreisbäuerin spielen technische Hilfsmittel zur Wettervorhersage eine untergeordnete Rolle. Ihr Mann Georg habe zwar inzwischen das ausgediente Smartphone des 35-jährigen Sohnes übernommen, „aber er schwört zuallererst“ auf den Hörfunkjournalisten Bernhard Ziegler. „Der errät das Wetter am besten“, scherzt die 56-Jährige.

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Das Thema Wetter sei für die Bäuerinnen generell eher heikel, sagt Fiechtner. Sie müssten ihre Männer oft beruhigen, besonders wenn viel g

Ursula Fiechtner Kreisbäuerin aus Wackersberg

emähtes Gras draußen liegt. Taucht dann eine dunkle Wolke auf, „liegen die Nerven blank, und wir Ehefrauen sind gefordert als Psychologinnen“. In diesem Fall kommt das Tablet ins Spiel, das Ursula Fiechtner besitzt und dessen Möglichkeiten sie gerne nutzt. „Mein Mann braucht nämlich sehr viele Meinungen zum Wetter, um sich seine eigene bilden zu können.“ Nach der Prognose seines „Wettergotts“ Ziegler stelle ihr Mann ihr als nächstes die Frage: „Was sagt dein Sch...apparat?“ Und schließlich schaut er noch auf die Wetter-App, die ihm die Kinder auf dem Smartphone installiert haben. Die Ehefrau lacht. „Alles sieht und hört er sich so lange an, bis es für ihn passt.“

Hat sich Georg Fiechtner schließlich dazu entschieden, den Mäher in der Scheune zu lassen, können die Nachbarn alles wieder über den Haufen werfen. Die Gattin plaudert aus dem Nähkästchen: „Plötzlich sieht er einen mähen und denkt sich: ,Herrgottsack, was hat der denn für einen Wetterbericht?‘“ Familienausflüge waren aus diesem Grund schon zu Ende, bevor sie richtig begannen. „Wir sind keine fünf Kilometer weit Richtung Königsdorf gekommen, da haben wir den ersten gesehen, der sein Mähwerk auf dem Feld hatte. Die Retourfahrt war gesichert, und die Mama hat die Kinder wieder irgendwie trösten müssen.“

Die Kreisbäuerin hat übrigens eine eigene Bauernregel. Für ihren Namenstag am 21. Oktober gilt: „Lacht Ursula mit Sonnenschein, wird wenig Schnee vorm Christfest sein.“ Wir werden das im Auge behalten.

peb

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