Beim Jour fix der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte

So erinnert sich ein anonymer Zeitzeuge an Gauting in der NS-Zeit

+
Karl Hebler, Vorstand der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte, hatte den Zeitzeugen „ZZZ“ interviewt. Das Ergebnis war in Form von Einspielungen in St. Benedikt zu hören.
  • schließen

Unbekannte Geschichten aus dem Gauting der NS-Zeit waren beim jüngsten Jour fixe der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte zu hören. Ein Zeitzeuge erzählte.

Gauting – Wie ging es zu in Gauting zwischen 1933 bis 1945? Wer waren die Täter, wer die Opfer, wie gestaltete sich der Alltag in der NS-Zeit? Diese Fragen zu beantworten, wird immer schwieriger, weil die Zeitzeugen allmählich sterben. Insofern war es ein Geschenk für Karl Hebler, Vorsitzender der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte Oberes Würmtal, dass sich Ende vorigen Jahres ein Unbekannter von sich aus mit einem handschriftlichen Brief meldete und seine Bereitschaft signalisierte, darüber zu reden. Allerdings machte er in Vorgesprächen deutlich, inkognito bleiben zu wollen.

Was man über ihn beim Jour fixe, der am Freitag ausnahmsweise wegen der zentralen Lage im Pfarrheim St. Benedikt stattfand, erfuhr, ist folgendes: „ZZZ“, wie er sich nannte – also ein Zeitzeuge, dessen Nachnamen wohl mit Z beginnt – wurde 1930 in Planegg geboren und kam 1934 nach Gauting. Die Eltern waren Künstler, die Familie lebte an der Parkstraße 1 im ersten Stock zur Miete. Bis in die 1950er Jahre hin blieb er dort, bevor er nach München ging und später als Professor an der Akademie angehende Kunstlehrer ausbildete. Der inzwischen 92-jährige Mann sprach laut Hebler Ende Januar im Depot der Gesellschaft drei Stunden ohne Pause. Am Freitag wurden Sequenzen des Gesprächs vor etwa 50 Zuhörern eingespielt, unterlegt mit Bildern und begleitet von Kommentaren.

Der Zeitzeuge wurde 1930 geboren und lebte in der Parkstraße

Als junger Bursche war „ZZZ“ als Jungvolkführer tätig und befehligte 30 Altersgenossen aus der Gemeinde. Erst mit 14 Jahren wäre er zur Hitler-Jugend gekommen, aber da war der Krieg schon vorbei. „Das hatte für mich als pubertierenden Lausbub Indianerspielcharakter“, gab er zu Protokoll. Immer, wenn er raus wollte, habe er zu seiner Mutter gesagt: „Ich bin im Dienst.“ Und dann machte sich davon.

Das Haus, in dem er mit seinen beiden Geschwistern wohnte, war aus vielen Gründen bemerkenswert. Da war einmal die Nachbarschaft zu Ernst Krebs, der 1936 bekanntlich Olympiasieger im Einer-Kajak wurde. Das bedeutete ihm im Alter von sechs Jahren wenig. „Er war sehr groß“, sagte er – die einzige Erinnerung. Deutlicher stehen ihm noch die Leute vor Augen, die nebenan im Appartement im ersten Stock wohnten und in die Politik der Zeit tief verstrickt waren.

Er erlebte Walter Hildmann und dessen Flucht aus der Nähe

Da war einmal Vikar Walter Hildmann, der von 1936 bis 1939 in Gauting als Seelsorger wirkte und der Bayerischen Landeskirche angehörte, die das Regime hart kritisierte. „Er war groß, blond, ein Draufgänger, wie ihn sich die Nazis erträumt haben“, sagte „ZZZ“. Doch mit dem völkischen Gedankengut hatte Hildmann nichts im Sinn – und wurde dafür verfolgt. Der Zeitzeuge war hautnah dabei, als Hildmann, offenbar gewarnt, sich über Nacht einer unmittelbar bevorstehenden Verhaftung entzog. Wenig später ging der Geistliche dann doch den Nazis in die Fänge, 1939 fiel er an der Front. Nach Hildmann ist heute das Gemeindehaus der evangelischen Christuskirche benannt.

Lesen Sie auch: Der angebliche Hitler-Attentäter Martin Hauber

Eindeutig auf der Seite des Regimes standen die Nachmieter des Seelsorgers im selben Appartement. Eine Frau Schwarz gehörte in leitender Funktion der NS-Frauenschaft an, ihr Mann gar dem Sicherheitsdienst, dem berüchtigten Geheimdienst der SS. Bei dieser Erinnerung versagten dem rhetorisch gewandten „ZZZ“ schier die Worte. „Wie viele Juden der auf dem Gewissen hatte, das will ich lieber nicht vertiefen“, sagte er. Das dem „Führer“ so ergebene Paar habe ganz offen über die Zeit nach dem Ende des Dritten Reichs gesprochen, Rosenzüchten erschien beiden eine gute Option. Über das Haus und seine Gäste verfasste „ZZZ“ einen kurzen Essay mit dem Titel „Abgründe unter dem Parkett“, den Hebler vorlas. Darin beschreibt er, wie Frau Schwarz im April 1945 vom Fenster an der Parkstraße die amerikanischen Panzer am Pippinplatz ankommen sah – und blass wurde.

Lesen Sie auch: Münsing erinnert an die Opfer des Todesmarschs

Auch an den Bombenangriff auf die Feinmechanische Fabrik Rösler am 21. Juli 1944 mit über 20 Toten kann sich „ZZZ“ gut erinnern. Als die Flieger abdrehten, zog es ihn hin. „Was ich sah, waren die sterblichen Überreste der Opfer, die am Zaun aufgereiht wurden.“ Auch den Todesmarsch – also den Zug evakuierter KZ-Häftlinge kurz vor Kriegsende in Richtung Süden – erlebte er mit. Auch ihn, so jung er war, schockierte der Anblick der misshandelten Menschen. „Ich sah sie heranschlurfen. Das war sehr gespenstisch und löste ein Gefühlschaos aus. Dachau, das war ein magischer Ort, von dem man nichts Genaues wusste. Und jetzt sah man, was da wirklich passiert war.“

Hinweis:
Am Donnerstag, 9. Febuar, läuft um 20.30 Uhr auf Radio Horeb unter www.horbe.org ein Beitrag über Ritter Friedrich von Lama (1974 - 1944). Der katholische Journalist und Widerstandskämpfer lebte in Gauting und wurde in Stadelheim von den Nazis ermordet. An ihn erinnert eine Gedenktafel im Rathaus.

Kommentare