VonThomas Kuzajschließen
Bremen – Bremen brauchte mehr Platz und bessere Verteidigungsanlagen, um die Altstadt zu schützen. Also bekam Bremen mehr Platz und eine bessere Befestigung: Anno 1623, vor nunmehr 400 Jahren also, haben Planung, Anlage und Bau der Bremer Neustadt begonnen.
In der Altstadt schlug das merkantile, politische und religiöse Herz Bremens. Doch zur Weserseite hin war dieses Herz kaum geschützt. Die Schiffe in den Hafenanlagen an der Schlachte: leichte Beute! Belagerungen der Altstadt? Jederzeit möglich!
Der Dreißigjährige Krieg hatte 1618 begonnen, da wollten die Bremer lieber Vorsicht walten lassen. Folglich galt es, auf dem linken Weserufer einen wirkungsvollen Festungswall anzulegen. Es wurde eine Anlage mit zunächst sieben und später acht Bastionen, die dort ab 1623 entstand – die Bremer Neustadt eben, deren Besiedlung allerdings zunächst nicht so schnell voranging wie erhofft. Selbst heute noch, nach 400 Jahren, fremdelt so mancher Urbremer mit der Neustadt: Menschen, die dort leben, müssen sich zuweilen den Spruch anhören, sie wohnen auf der „falschen“ Weserseite.
Stern- und zackenförmige Gräben schützen die Hansestädte
Derlei Kinkerlitzchen aber kümmerten den holländischen Festungsbaumeister und Ingenieur Johan van Valckenburgh (um 1575 bis 1625) natürlich überhaupt nicht. Der Holländer genoss einen gewissen Ruhm in Kreisen der Hanse, er wurde praktisch von Hansestadt zu Hansestadt gereicht, um Befestigungen anzulegen. Er wirkte an der Lübecker Bastionärbefestigung mit, die Hamburger Wallanlagen waren sein Werk. Alles schön zacken- und sternförmig angelegt, wie die Bremer Wallanlagen, deren Ausbaupläne Johan van Valckenburgh, nach dem heute die Valckenburghstraße in Huckelriede benannt ist, ebenfalls geliefert hatte. Ein Teil dieser Arbeit war die frisch gegründete Neustadt, die planmäßige Stadterweiterung auf der linken Weserseite. Und eben hier begannen die Arbeiten vor 400 Jahren auch. 1627/28 waren sie an dieser Stelle abgeschlossen; es gab zwei Durchlässe, das „Hohe Tor“ (heute Ortsteil Hohentor) und das etwas schmucklose „Bunte Tor“ (erraten: heute Buntentor).
Die Altstadt folgte dann in den Jahren 1660 bis 1664. Der zackenförmige Wassergraben mit den Bastionen sollte Bremen vor Angreifern schützen – und machte die Stadt am Ende zu einer der am stärksten befestigten Städte weit und breit. Ein einziges Mal mussten die Befestigungsanlagen sich dann auch tatsächlich bewähren. Das war im Jahr 1666 bei der Belagerung durch die Schweden im Zweiten Bremisch-Schwedischen Krieg, in dem es praktisch um Bremens Eigenständigkeit ging.
45.000 Menschen leben heute in der Bremer Neustadt
Später sank die militärische Bedeutung der Befestigung. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Tage dieser Anlagen – wie andernorts auch – gezählt. Große Belagerungen drohten nun nicht mehr, parallel dazu hatte sich die Militärtechnik – etwa bei Geschützen – so stark weiterentwickelt, dass herkömmliche Befestigungsanlagen einer Stadt ohnehin nicht mehr den nötigen Schutz bieten konnten. Bremen wandelte seine Wallanlagen in Parkanlagen um.
Die Neustadt aber, sie blieb natürlich. Mit ihren etwa 45.000 Einwohnern gilt sie heute als bevölkerungsreichster Stadtteil Bremens. Viel Natur mit Werdersee und Weser, dazu die Nähe zur Innenstadt und viel Kultur – damit wirbt das Stadtteilmanagement.
Kern all dessen ist die Alte Neustadt, jener Bereich, der im 17. Jahrhundert planmäßig angelegt worden war. Er war anfangs nur recht spärlich besiedelt – so spärlich, dass der Rat der Stadt im Jahr 1642 Privilegien für die Neustadt erließ, zu denen beispielsweise ein unentgeltliches, allerdings eingeschränktes Bürgerrecht gehörte. Nach und nach füllte sich die Gegend von Oster-, Wester- und Brautstraße, es kam Leben in die Neustadt.

