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Auszug aus dem Paradies: In der Bremer City schließt die Traditionsbuchhandlung Leuwer

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Umrahmt und umgeben von Büchern: Angelika Plückebaum in ihrem Geschäft (Am Wall 171). Jetzt schließt sie das Paradies für Leser.
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Bremen – Ein Paradies für Leser. Reihen von Büchern füllen die Regale, Bücherstapel türmen sich auf Tischen. Überall gibt es etwas zu entdecken! Und mittendrin: Angelika Plückebaum, Instanz in einer Institution, Chefin der Buchhandlung Leuwer am Wall in der Bremer Innenstadt. Nun aber steht der Auszug aus dem Paradies an. Leuwer schließt, die Geschichte der Traditionsbuchhandlung endet nach 120 Jahren.

„Es waren schöne Zeiten“, sagt Angelika Plückebaum. Sie erinnert sich an Lesungen und Ausstellungen, spricht vom Kreis der Stammkunden. „Die liebe ich sehr.“ Und überhaupt: „Das alles werde ich immer im Kopf und im Herzen behalten.“ Den Januar über wird Leuwer noch geöffnet haben, im Februar kommen die Regale raus, sagt Plückebaum. Und dann? „Hier kommen Büros rein.“

Erst Paradies, nun Büros, profaner geht’s kaum. Um eine Buchhändler-Nachfolge aber habe sie sich gar nicht erst bemüht, sagt Plückebaum. Denn der Wall sei inzwischen „so eine schlechte Lage“. Und: „Hier hören noch mehr Geschäfte auf.“ Ein Grund seien die Innenstadtprobleme, wie es sie auch in anderen Städten gibt. Und es komme noch etwas hinzu: „Der Verkehr spielt eine große Rolle.“ Der Wall, ohnehin mit einem breiten Radweg ausgestattet, wird Teil der Fahrrad-Premiumroute.

Kritik an Bremer Verkehrspolitik: „Es sieht alles so desolat aus da draußen“

Viel Platz für Räder, weniger für Autos, so will es Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). Unter ihren Kunden, sagt Buchhändlerin Plückebaum, sind „ältere Leute“ und „manche, die vielleicht nicht mehr Fahrrad fahren“. Hinzu kommt eine ästhetische Komponente. Plückebaum: „Es sieht alles so desolat aus da draußen. Poller, Poller, Poller. Aus meiner Sicht ist das eine schlecht durchdachte Angelegenheit. Mit dem Geld hätte man sicher in ganz Bremen die Radwege sanieren können. Und für uns Fußgänger wäre vielleicht auch noch ein Weg abgefallen. . .“ Kurzum: „Ich habe keinen Bock mehr. Es sind auch meine Steuergelder, die da verschwendet werden.“

Und es sind eben auch Umstände, die dazu beitragen, dass die Geschäfte schlechter laufen. „Ohne die Stammkunden hätte ich längst schon zumachen müssen.“ Den Wall kennt Plückebaum seit 1984, es sei immer „ein Auf und Ab“ gewesen. Seit geraumer Zeit aber dominiert das „Ab“.

Der Wall als Boulevard lockt die Plückebaums 1984 nach Bremen

Aus dem Ruhrgebiet kamen Angelika Plückebaum und ihr Mann Klaus Plückebaum, der seine große Leidenschaft für Reiseliteratur mitbrachte und 2015 im Alter von 72 Jahren nach einem plötzlichen und schweren Herzinfarkt gestorben ist. 1984 kamen sie nach Bremen und übernahmen die weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannte Buch- und Kunsthandlung Leuwer. Der Wall als Boulevard, diese Aussicht habe sie angesprochen, sagt Angelika Plückebaum.

Lesungen und Ausstellungen haben viele Jahre fest zum Leuwer-Programm gehört. Hier die Bremer Künstlerin 2010 vor ihren Bildern im Kunstsalon Leuwer.

Das Ehepaar machte Leuwer zu einem lebendigen Mittelpunkt des literarischen Lebens in Bremen. Die Plückebaums luden ein zu Lesungen und Ausstellungen. Zeitweilig seien es „40, 50, 60 Veranstaltungen“ gewesen, so Angelika Plückebaum. Zur letzten Lesung kam im November vorigen Jahres die Bremer Lyrikerin Inge Buck mit dem Verleger Madjid Mohit. Anlass war die Buchpremiere der Anthologie „Die Welt ist ein Septembertag“. Ein würdiges und bewegendes Finale, so sieht es Angelika Plückebaum. Die Anthologie liegt ihr am Herzen, das ist zu spüren, während sie davon spricht. Und wenn sie Kunden Bücher empfiehlt, dann ist zu spüren, dass sie diese Bücher auch kennt: Eine Leserin, die Leser berät.

„Wir sind beide auf irgendeine Weise Unikate“

Es sind genau diese Seiten des Geschäfts, die eine Präsenzbuchhandlung von einem Online-Shop unterscheiden. Doch die von Persönlichkeiten geprägten Geschäfte, sie verschwinden nach und nach. Nur wenige Schritte von Leuwer entfernt – Am Wall 164 – liegt die Buchhandlung von Bettina Wassmann. Die 80-Jährige, ebenfalls eine Institution in Sachen Buchkunst (und politischer Literatur), wird Ende März schließen; auch sie ohne Nachfolge. Allerdings: „Wir sind beide auf irgendeine Weise Unikate, da ist es schwer mit Nachfolge“, auch diesen Aspekt erwähnt Angelika Plückebaum.

Mit nun über 70 Jahren möchte sie noch einmal neue Seiten in ihrem Leben aufschlagen. Sie zieht zu der Familie ihres Bruders ins Rhein-Main-Gebiet – und möchte lesen. Einfach so. Für sich. „Mal was schönes Klassisches.“ Denn: „Die Liebe zum Buch wird immer bleiben.“

Die Geschichte der Bremer Buchhandlung Leuwer

Franz Leuwer (1875 bis 1916) eröffnete seine Buch- und Kunsthandlung im Jahr 1903 an der Obernstraße 14 in der Bremer Innenstadt. Bald folgten Filialen, unter anderem auf Borkum, Spiekeroog und Wangerooge; zudem gründete Leuwer einen Verlag und betrieb Bordbuchhandlungen auf den Passagierschiffen des Norddeutschen Lloyd (NDL). Nach seinem Tod führte seine Frau Anni (1871 bis 1943), eine Jüdin, das Geschäft weiter. 1933 wurde die Buchhandlung – offenbar auch auf Drängen des NDL – „arisiert“. Die Nazis ermordeten Anni Leuwer in Theresienstadt. Im Krieg zerstörten Bomben das Geschäft. 1948 wurde es am Hillmannplatz neu eröffnet, die Kunstabteilung zog erst ins Fedelhören und später an die Bischofsnadel. 1962 zog das Geschäft dann ins Haus Am Wall 171.

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