Protesttag

„Faust in der Kitteltasche“: Bremer Apotheker sind sauer

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Plakate zeigen es an – auch die Raths-Apotheke am Marktplatz ist beim Protesttag dabei und bleibt am Mittwoch geschlossen.
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Bremen – Die Zahlen sind deutlich. Im Land Bremen sinkt die Zahl der Apotheken. 190 gab es in den 90er Jahren, vor 15 Jahren sind es noch 178 gewesen. Jetzt sind es noch 134.

Vor wenigen Tagen erst schloss die Apotheke in der Lloydpassage ihre Türen für immer. Gab es vor Jahren in der Bremer Innenstadt neun Apotheken, so sind es jetzt nur noch drei. Auch diese Zahlen wurden am Mittwoch beim Apotheken-Protesttag diskutiert. Mehr als 80 Prozent der Bremer Apotheken beteiligten sich daran, so Thomas Real, Inhaber der Raths-Apotheke (Marktplatz) und stellvertretender Vorsitzender des Bremer Apothekerverbands. Die Apotheker sind sauer. „Wir stehen hier mit der Faust in der Kitteltasche“, so formulierte es Real. Findorff, Oberneuland, Bremen-Nord – in manchen Bereichen Bremens öffnete am Mittwoch überhaupt keine Apotheke. Für dringende Fälle stand der Notdienst parat, ansonsten aber galt: Protest. Flächendeckend. „Wir müssen mal unsere Meinung knallhart auf den Punkt bringen“, so Real. Die Apotheker fühlen sich von der Politik alleingelassen und sehen ihren Auftrag – die Patientenversorgung – in Gefahr.

Personalnot und Nachwuchsmangel, akute Lieferengpässe und zunehmender bürokratischer Aufwand, darunter leiden die Apotheken. Und über all dem schwebt das Stichwort „Unterfinanzierung“. Real und seine Kollegen fordern unter anderem, das sogenannte Fixum zu erhöhen – jenen Betrag eben, der pro verschreibungspflichtigem Medikament an die Apotheken ausgezahlt wird (und von dem als Gegenleistung für zügige Abrechnung noch ein Anteil an die Kassen abgehe). Dieses Fixum liegt bei 8,35 Euro – und zwar seit zehn Jahren, so die Bremer Apotheke bei einem Gespräch in der Raths-Apotheke am Mittwochmittag.

„Probleme der öffentlichen Apotheken werden politisch übergangen“

Trotz gestiegener Kosten sei das Fixum nicht angehoben worden. Die Apotheker fordern, dieses festgelegte Honorar für verschreibungspflichtige Medikamente nun auf zwölf Euro zu erhöhen. Nötig sei für die Zukunft neben der Erhöhung des Fixums außerdem ein regelmäßiger Inflationsausgleich, so Real. „Die Probleme der öffentlichen Apotheken werden politisch übergangen, die Arzneimittelversorgung destabilisiert.“

Aktuelles Beispiel: Vor wenigen Tagen hat die Apotheke in der Lloydpassage ihren Betrieb eingestellt.

Allerdings: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte schon vor dem Apotheken-Protesttag gesagt, für Honorarerhöhungen gebe es keinen finanziellen Spielraum. Wie sind Lauterbachs Worte in Bremen angekommen? Nicht gut. Es habe ihn zudem „sehr gewundert“, sagt Thomas Real, zu hören, dass in Apotheken mehr verdient werde als etwa bei Pflegedienstleistungen. „Wer so argumentiert, ist nicht sachlich.“

Existenzbedrohende Risiken und folgenschwere Formfehler

Ein weiterer Kritikpunkt der Apotheker ist die sogenannte Null-Retaxation bei unbedeutenden Formfehlern auf dem Rezept, bei der die Krankenkasse oftmals ein Honorar verweigere. Das seien Risiken, die für Betriebsstätten existenzbedrohend werden könnten, so Real weiter. Um welche Art von Formfehlern geht es? Zum Beispiel, dass der Vorname des Arztes auf dem Rezept fehlt. In der Regel geben die Apotheker das Medikament trotzdem heraus. „Wir machen das in der Hoffnung, dass wir am Ende doch das Geld bekommen“, hieß es am Mittwoch in der Raths-Apotheke.

Gestiegener bürokratischer Aufwand verschärfe zudem das Problem der Personalnot, beklagen die Bremer Apotheker. Apotheker, die vor dem Eintritt ins Rentenalter stehen, hätten oft Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden. Hinzu komme das Problem, vorhandenes Personal zu halten. So sei es schon vorgekommen, dass pharmazeutisch-technische Assistenten von der Apotheke zu einer gesetzlichen Krankenkasse gewechselt seien – dort‘s gab es 800 Euro mehr Gehalt und keine Arbeit am Wochenende. Mehr Gehalt, so die Apotheker, würden sie auch gern zahlen, könnten es sich in der gegenwärtigen Lage aber nicht erlauben.

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