VonThomas Kuzajschließen
Bremen – Menschen im Mittelpunkt. . . Bremer Menschen, um genau zu sein. So wirbt die Stadt Bremen jetzt um Touristen: Stadtmusikanten mehr im Hintergrund, stattdessen Bremer Charakterköppe im Fokus, dazu der Slogan „Mehr als Märchen“ – das zeigen die neuen Plakate der, so die Wirtschaftsförderung, „bislang größten touristischen Imagekampagne“ der Stadt. Sie soll Bremen in diesem und im nächsten Jahr bundesweit als Reiseziel bewerben.
Warum jetzt? Der Städtetourismus ist nach dem Pandemie-Einbruch wieder in Schwung gekommen – und Tourismus gilt als bedeutsame Branche. Reisende bringen (Steuer-)Einnahmen. Und mehr als 30.000 Menschen in der Stadt leben vom Tourismus, so Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke).
Bremen stehe in einem „harten Wettbewerb“, sagt Vogt. „Die anderen Städte schlafen auch nicht.“ Hamburg, Hannover und Freiburg etwa plakatieren gegenwärtig ebenfalls. Also investiert auch Bremen. Auf, wie es heißt, Vogts Initiative hin hat die Wirtschaftsförderung 2,6 Millionen Euro aus dem „Bremen-Fonds“ bekommen, um die von der Pandemie gebeutelte Tourismusbranche zu unterstützen.
Bremen wirbt bundesweit mit Menschen aus Bremen
Ein Kernelement dieser Hilfe ist die neue Kampagne, in deren Umsetzung gut eine Million Euro fließt. Großflächen und Plakate, Anzeigen und Broschüren, Online-Motive und Filme – eine breite Palette, die Bremens Tourismuswerber dabei nutzen. In verschiedenen Städten bucht die Wirtschaftsförderung beleuchtete Citylight-Plakatflächen in Bahnhöfen – beispielsweise 300 in Berlin, 120 in Hamburg und 110 in Frankfurt am Main.
Überall dort werden sie zu sehen sein, die bremischen Charakterköppe. Insgesamt sechs Motive sind es, die ab September (und dann noch einmal im Frühjahr 2023) Bremen deutschlandweit als – so die Organisatoren – „jung-dynamisches, kreatives Städtereiseziel positionieren und zeigen, dass Bremen mehr bietet als die märchenhaften Bremer Stadtmusikanten“. Dabei bekommen die ja in den nächsten Jahren, so die Planung, im „Balge-Quartier“ ein eigenes Haus eingerichtet, um ihrerseits Touristen an die Weser zu locken. Aber sei‘s drum.
Ja, die Stadtmusikanten seien nach wie vor das herausragende Symbol, so Bremens Tourismus-Chef Oliver Rau. Und die „identitätsstiftende Kraft“, sie werde mit dem Kampagnen-Slogan „Mehr als Märchen“ ja auch zitiert.
Strahlende Gesichter und „Dreiklänge“
Aber im Mittelpunkt stehen eben die Gesichter – Gesichter von sechs Menschen, die (so heißt es) tatsächlich in Bremen leben. Ihr Lächeln soll Touristen locken. Bilder klassischer Touristenattraktionen wie Rathaus, Schnoor und Schlachte fehlen ebenfalls. Stattdessen haben die Werbestrategen von der Wirtschaftsförderung und der (Bremer) Agentur Klemm Design jedem Porträt noch einen „Dreiklang“ zugeordnet, sprich: jeweils drei Begriffe, die neben dem „Mehr-als-Märchen“-Spruch stehen. Das Bild einer strahlenden Bremerin, die vor dem Goethe-Theater steht, wird beispielsweise ergänzt um „Schauspiel – Schlachte – Schnoor“. Alliterationen sind alles.
Ein Motiv zeigt einen tätowierten Bartträger mit Hut und Sonnenbrille, der im Stil eines Kenners ein Weinglas schwenkt. „Weser – Werder – Weinkultur“, das ist der „Dreiklang“, den die Werber dem Wein-Hipster zuordnen. Wo doch im Stadion eher Bier getrunken wird. . . Das Bild eines fröhlichen jungen Mannes im Grünen dürfte mancherorts Fragen aufwerfen, wenn der Blick aufs kleiner Gedruckte fällt: „Parks – Priölken – Packhaus“. Die „Priölken“ machen selbst manchem Bremer Schwierigkeiten. Aber gerade das soll Neugier wecken, heißt es. Priölken? So nennt man (Traditionalisten bitte kurz wegschauen) die kleinen Séparées im Ratskeller.
Apropos Begriffe und Namen. Aus der Werbung und dem Geschäftsverkehr verschwindet die Bezeichnung „Bremer Touristik-Zentrale“. Stattdessen steht nun einfach „Bremen-Tourismus“ auf den Plakaten. Die Tourist-Info in der Böttcherstraße wird modernisiert und in „Bremen-Info“ umbenannt – in der Hoffnung, mehr Menschen zu erreichen.

