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Philipp Schröder, ehemaliger Deutschland-Chef von Tesla, hat mit 1Komma5Grad große Pläne. Sein Ziel: Ein Marktführer der Energiewende zu werden, der jährlich 500.000 Gebäude umstellt.
Hamburg – „Keiner hat uns dazu gedrängt, Smartphones zu verwenden“, so Philipp Schröder, Geschäftsführer des Hambuger Start-ups 1Komma5Grad. Ein Ausspruch, der seinen hohen Anspruch offenbart. Der frühere Deutschland-Leiter von Tesla strebt danach, Lösungen zu präsentieren, die als erheblich besser als traditionelle Produkte angesehen werden. Er ist überzeugt, dass es machbar ist, einen „iPhone-Moment für die Energiewende zu erzielen“.
Einziges „Einhorn“: Rund 1700 Meitarbeitern
Das von Schröder 2021 mitgegründete Unternehmen hebt sich von der Hamburger Start-up-Landschaft ab: Laut Branchenverband ist es das einzige „Einhorn“ der Stadt - also das einzige Jungunternehmen, das mit über einer Milliarde Dollar bewertet wird. Diesen Status hat das Unternehmen im Sommer erreicht. „Deutsche Start-ups erlangen immer schneller den Unicorn-Status“, so Christoph Stresing, Geschäftsführer des Start-up-Verbands.
1Komma5Grad ist in sieben Ländern präsent, mit 68 Standorten und etwa 1700 Mitarbeitern, wie Schröder berichtet. Der Name des Unternehmens gibt das Ziel vor: die Begrenzung der globalen Erwärmung. Auf ihrer Website wirbt die Firma um Fachkräfte mit den Worten: „Leiste jetzt deinen Beitrag zur Klimawende.“ Darunter ein Countdown, der die verbleibende Zeit bis zur Erschöpfung des globalen CO2-Budgets anzeigt.
Bis 2030 plant das Start-up, sich laut eigenen Aussagen europaweit zu einem Marktführer zu entwickeln. Es soll „500.000 Gebäude pro Jahr auf klimaneutrale Stromerzeugung, Wärme und Mobilität umstellen können“. Bis dahin soll der Jahresumsatz auf zehn Milliarden Euro ansteigen. Für dieses Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von rund 500 Millionen Euro und einer Vorsteuerrendite von knapp zehn Prozent.
Unternehmen setzt auf Kombination: Wertschöpfungskette unter einem Dach vereinen
1Komma5Grad setzt nicht auf ein einzelnes Produkt, sondern auf die Kombination verschiedener Produkte und Dienstleistungen. „Aus Kundensicht bieten wir alle Leistungen aus einer Hand an, die für eine Photovoltaikanlage, Wärmepumpe und Ladeinfrastruktur benötigt werden“, so Schröder. Von Handwerksleistungen über Software bis hin zum Zugang zum Strommarkt wurde versucht, die gesamte Wertschöpfungskette unter einem Dach zu vereinen.
„Unsere Kunden erhalten ein geschlossenes Ökosystem, das sich ähnlich wie bei Apple anfühlen soll“, erzählt der 40-Jährige. Zentral für dieses System ist die Software-Plattform des Unternehmens, „Heartbeat“. Sie vernetzt und steuert die Produkte, die 1Komma5Grad anbietet: Solaranlagen, Wärmepumpen, Stromspeicher und Ladestationen für Elektroautos. Dadurch soll der Eigenverbrauch des selbst erzeugten Solarstroms maximiert und der restliche Verbrauch auf einen finanziell und ökologisch sinnvollen Zeitpunkt verschoben werden. Das Versprechen: Beim Strom sollen günstig und grün Hand in Hand gehen.
Stromverbrauch soll Angebot erneuerbarer Energien folgen „Wind und Sonne liefern kostenlose Primärenergie“, so Schröders Grundannahme. Oft sind sie jedoch nicht verfügbar, wenn man sie benötigt. Der Geschäftsführer ist davon überzeugt, dass der Strommarkt sich grundlegend ändern muss: „In einer Welt der erneuerbaren Energien müssen die Verbraucher, also nicht die Menschen, sondern die elektrischen Verbraucher, dem Angebot von Wind und Sonne folgen. Ähnlich einer Sonnenblume, die den Sonnenstrahlen im Tagesverlauf folgt.“
Anpassung an Sonne und Wind: Dynamische Stromtarife ab 2025
Nach Schröders Einschätzung kann der Großteil des Stromverbrauchs zeitlich an die Verfügbarkeit von Sonne und Wind angepasst werden. Es gebe bereits „so viele erneuerbare Energien, dass der Strompreis an der Strombörse bei viel Wind und Sonne sinkt und Strom regelmäßig sogar kostenlos ist“. Kunden profitierten davon jedoch nicht, da sie feste Stromtarife hätten.
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Ab 2025 sollen alle Stromversorger dynamische Stromtarife anbieten, bei denen der Strompreis je nach Angebot steigt oder sinkt. Bislang sind sie laut dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) ein Nischenprodukt. Die Kosten dynamischer Tarife sehen Verbraucher als zweischneidiges Schwert, sagt Energieexpertin Sabine Lund: In einer Umfrage nannten sie mögliche geringere Kosten durch günstigeren Strom im Vergleich zu einem herkömmlichen Tarif am häufigsten als Vorteil - unvorhersehbare und mögliche höhere Kosten durch teureren Strom am häufigsten als Nachteil.
Seit September bietet 1Komma5Grad einen dynamischen Stromtarif an, der sich nach Unternehmensangaben von anderen unterscheidet: Das Unternehmen steuert angeschlossene Systeme wie eine Wärmepumpe über die eigene Software so, dass ein durchschnittlicher Jahresstrompreis von maximal 15 Cent pro Kilowattstunde garantiert werden kann.
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Zweifel an Vergleich: Börsengang geplant
Schröder bezeichnet dies als „Deutschlands günstigsten“ Stromtarif - allerdings gibt es Einschränkungen. Die Preisgarantie gilt nur für Geräte, die sich über den Energiemanager „Heartbeat“ flexibel steuern lassen - also für Wärmepumpen, Ladestationen für Elektroautos und Stromspeicher - und zwar für einen jährlichen Verbrauch von maximal 2000 Kilowattstunden pro angeschlossenem Gerät. Sie gilt für zwei Jahre dort, wo Netzgebühren, Steuern und Abgaben unter 12 Cent brutto pro Kilowattstunde liegen - andernfalls steigt die Preisgarantie gestaffelt auf bis zu 23 Cent.
VZBV-Referentin Lund bezweifelt, ob Verbraucher diesen Tarif mit anderen Angeboten vergleichen können. Bei einem Anbieterwechsel sei es wichtig, dass sie ihre zukünftigen Stromkosten auf den ersten Blick erkennen könnten, betont sie.
Ein Stromverbrauch, der sich nach Sonne und Wind richtet. Hunderttausende Gebäude, die jährlich umgerüstet werden sollen. Das Start-up behauptet, mit seinen Zielen einen Beitrag zur Energiewende leisten zu wollen - und benötigt für seine Projekte mehr Geld. Daher plant das Unternehmen für 2025 einen Börsengang.
Dieser Artikel wurde mithilfe maschineller Unterstützung bearbeitet und vor der Veröffentlichung vom Redakteur Adriano D‘Adamo sorgfältig geprüft.
Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa

