VonChristopher Hessschließen
Rund 150 Nachfahren ehemaliger jüdischer Bürger Fuldas sind in dieser Woche zu Gast in der Stadt und wandeln auf den Spuren ihrer Vorfahren. Viele von ihnen fielen dem Dritten Reich zum Opfer, anderen gelang die Flucht. Für die Nachfahren ist es eine emotionale Reise
Fulda - Es war eine besondere Atmosphäre, die am Mittwoch (6. September) m Fürstensaal des Stadtschlosses in Fulda herrschte. Menschen jüdischen Glaubens aus Israel, den USA, den Niederlanden, Schweden , Belgien und Großbritannien waren versammelt und sichtlich beeindruckt ob der Eindrücke ihrer Reise nach Fulda.
150 Nachfahren ehemaliger jüdischer Bürger Fulda wandeln auf Spuren ihrer Vorfahren
Seit Montag sind sie in Fulda, viele zum ersten Mal, und wandeln auf den Spuren ihrer jüdischen Vorfahren und erfahren, wie jüdischen Lebens die Stadt einst prägte und es noch heute tut. Einer der Nachfahren ist Michael Braunold. Bis zum Tod seines Vaters hatte er nie auch nur ein Wort von Fulda gehört.
Dass sein Vater Josef Braunold – ein Mitglied der damaligen jüdischen Gemeinde – im fernen Osthessen in Deutschland geboren und aufgewachsen war, erfuhr der heute 64-Jährige erst, als er nach dessen Tod anfing, die Geschichte seiner Familie genauer unter die Lupe zu nehmen.
Das Programm
Die Beauftragte fürJüdisches Leben in Fulda, Anja Listmann, hat ein Programm vorbereitet, das den Gästen zahlreiche Gelegenheiten bietet, die Stadt und die Umgebung kennenzulernen sowie die Orte, an denen ihre Vorfahren gelebt haben, zu besuchen. Geplant sind Stadtführungen durch das jüdische Fulda in Fulda sowie des jüdischen Friedhofs in Weyhers.
Eines Tages hatte er den alten Pass seines Vaters den Händen, auf dem Fulda als Geburtsort festgehalten war. „Als ich das las, hat es mir die Augen geöffnet“, sagt Braunold, der in London geboren wurde. Der Gedanke, die Geschichte seiner Eltern und seiner Vorfahren zu erforschen, ließ ihn nicht mehr los. Bis heute.
Seit 2016 reist Braunold einmal jährlich aus dem kleinen israelischen Ort Ra‘anana bei Tel Aviv in Israel, in dem er wohnt, nach Fulda. „Ich will sehen und spüren, wo er gelebt hat“, erklärt Braunold. Seit 2016 arbeitet der orthodoxe Jude auch mit der Stadt zusammen und unterstützt diese bei der Erforschung jüdischer Geschichte in der Stadt.
Mein Vater sprach nie über seine Vergangenheit und seine Geburtsstadt.
Die Geschichte seiner Eltern ist von Flucht geprägt. „Sie hatten das große Glück den Nazis zu entkommen“, sagt Braunold. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter konnten mit den damaligen Kindertransporten fliehen. Sein Vater war 15, seine Mutter 12. Die Kindertransporte hatten von November 1938 bis September 1939 tausende jüdische Kinder nach Großbritannien, Belgien und Schweden gebracht.
Seine Eltern teilen zwar die gleiche Geschichte der Flucht, lernten sich aber erst nach dieser kennen. Die Mutter flüchtete von ihrem Geburtsort Leipzig nach London, wo der Transport schließlich ankam. „Es ist also eine sehr besondere Geschichte“, erzählt Sohn Michael heute.
Ein Konzentrationslager habe er nie besucht, sagt er. Wenngleich sein Großvater Fredrick aus Fulda und Großnutter Gerda aus Leipzig – im Dezember 1941 in das KZ Riga-Kaiserwald deportiert wurden und starben. „Ich reise lieber nach Fulda. Ich will sehen, wo Juden gelebt haben und nicht, wo sie qualvoll starben.“
Braunold möchte das Positive hervorheben und in die Zukunft blicken. „Die Menschen mit jüdischer Geschichte, die hier sitzen, würden ohne diese Veranstaltung nie zusammenkommen. Aber nun können wir uns austauschen und unsere Geschichten, die sehr verschieden und doch gleich sind, erzählen und weitergeben“, hebt Braunold das Besondere der Veranstaltung hervor.
Auch Judith Rosenhek wandelt dieser Tage auf den Spuren ihrer Vorfahren in Fulda. Die Eltern der in Brasilien geborenen 81-Jährigen stammen aus Fulda. 1936 flohen sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor der Gestapo – erst nach Holland, schließlich nach Brasilien.
Sie komme mit „gemischten Gefühlen nach Fulda, sagt Rosenhek. Dennoch habe sie sich sofort dazu entschlossen, nach Fulda zu reisen, als sie die Einladung erhielt. „Ich finde es wichtig, dass die Erinnerung an das jüdische Leben und die Menschen hier in der Stadt weitergetragen und mit Leben gefüllt wird“, sagt sie.
Video: DFB-Pokal - Makkabi Berlin feiert historische Teilnahme
Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) empfing die Nachfahren Fuldaer Bürger: „Viele ihrer Vorfahren sind in Fulda getötet, ausgewiesen oder deportiert worden. Noch heute prägen diese Verluste Biografien, Familiengeschichten und sind mit schmerzvollen Erinnerungen und Traumata verbunden“, richtete Wingenfeld Worte auf englisch an die Nachfahren.
Der historischen Verantwortung sei sich die Stadt bewusst und wolle Orte der Erinnerung und Begegnung schaffen. So sollen beispielsweise zwei jüdische Gedenkorte neu gestaltet und aufgewertet werden – der Jerusalemplatz und das Areal der ehemaligen Synagoge am Stockhaus. Doch mit der Umsetzung geht es nur langsam voran – aus verschiedenen Gründen.

