VonGregor Haschnikschließen
Eine neue Studie des Pestel-Instituts zeigt einen gravierenden Mangel an Sozialwohnungen in Hessen. Ein weiteres Problem: Jobcenter zahlen überhöhte Unterkunftskosten für Bedürftige.
In Hessen herrscht ein großer Mangel an Sozialwohnungen. Nach jüngsten vorliegenden Zahlen fehlten 81 000 im Jahr 2022, 82 000 standen zur Verfügung. Das geht aus der am Dienstag vorgestellten Wohnungsmarkt-Studie des Pestel-Instituts hervor. Die Untersuchung wurde vom Bündnis „Soziales Wohnen“ in Auftrag gegeben, dem der Deutsche Mieterbund (DMB), die Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) und die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) angehören.
Das deutschlandweite Defizit wird auf 912 400 Sozialwohnungen beziffert. Den Angaben zufolge wurden zwischen 2017 und 2022 in Hessen im Schnitt 1488 solcher Wohnungen, deren Sozialbindung oft nach 15 Jahren ausläuft, geschaffen – 0,9 pro 1000 Mieter:innen. Der Bundesschnitt beträgt 1,1, wobei Hamburg mit 3,8 und Bayern mit 1,6 vorne liegen.
Laut Studienleiter Matthias Günther basiert die Untersuchung auf Daten der Statistischen Landesämter und des Bundesamtes und greift auf Zahlen aus Antworten auf parlamentarische Anfragen zurück.
Eine Folge der fehlenden, günstigen Sozialwohnungen ist, dass die Kosten der Unterkunft, die Jobcenter für Bedürftige übernehmen, vielerorts deutlich höher sind als die durchschnittliche Miete vor Ort – auch in Hessen, das bei der Teuerung der Unterkunftskosten hinter Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg auf Rang vier liegt. Einigen Kommunen stechen auch im bundesweiten Vergleich heraus, etwa die Landkreise Hochtaunus, Main-Taunus und Rheingau-Taunus. Dort zahlten Jobcenter Mitte 2022 etwa 11,22 Euro pro Quadratmeter – bei einer Durchschnittsmiete auf dem Markt von 8,60 Euro.
Günther sprach von staatlichem Missmanagement. Die steigenden Ausgaben für Unterstützung – zu der auch das Wohngeld zählt – seien mittlerweile 5-mal so hoch wie die Fördersummen für neue Sozialwohnungen. Der Verfasser der Studie und das Bündnis fordern, massiv in geförderten Wohnraum zu investieren, etwa mit einer Steuerreduzierung in dem Bereich und einem Bund-Länder-Paket in Höhe von 50 Milliarden Euro.
Das Institut warnt vor einer weiteren Verschärfung auf dem Markt: Für dieses und kommendes Jahr prognostiziert es einen Bedarf von insgesamt 31 700 und 31 000 neuen Wohnungen. In den Jahren 2020 bis 2022 wurden jedoch im Schnitt nur 22 500 Einheiten gebaut. Nach vielen Boomjahren gerade im Rhein-Main-Gebiet ist die Zahl der Wohnungsbauprojekte aufgrund höherer Zinsen, Material- und Energiekosten, die das Segment bezahlbarer Wohnraum besonders stark treffen, spürbar zurückgegangen.
Das neue hessische Bündnis aus CDU und SPD hat in seinem Koalitionsvertrag angekündigt, die Investitionen in den geförderten Wohnraum zu erhöhen, mit den Kommunen eine „Initiative zur Baulandgewinnung“ zu starten sowie Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, auch durch Digitalisierung. Auch soll ein „Hessengeld“ für das erste Eigenheim von 10 000 Euro pro Käufer und 5000 Euro pro Kind eingeführt werden.
